Kapitel 91
Unter Gottes Schutz
1Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des
Allmächtigen bleibt, 2der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und
meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. 3Denn er errettet dich vom
Strick des Jägers und von der schädlichen Pestilenz.
4Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und deine Zuversicht wird
sein unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, 5daß
du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht, vor den
Pfeilen, die des Tages fliegen, 6vor der Pestilenz, die im Finstern
schleicht, vor der Seuche, die im Mittage verderbt. 7Ob tausend fallen
zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch
dich nicht treffen. 8Ja du wirst mit deinen Augen deine Lust sehen und
schauen, wie den Gottlosen vergolten wird. 9Denn der HERR ist deine
Zuversicht; der Höchste ist deine Zuflucht. 10Es wird dir kein Übel
begegnen, und keine Plage wird zu deiner Hütte sich nahen. 11Denn er
hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen
deinen Wegen, 12daß sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht
an einen Stein stoßest. 13Auf Löwen und Ottern wirst du gehen, und
treten auf junge Löwen und Drachen. 14″Er begehrt mein, so will ich
ihm aushelfen; er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.
15Er ruft mich an, so will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der
Not; ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen. 16Ich will ihn
sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.“
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Jürgen Rieger ist tot.
Ein eindrucksvolles Kondolenzbuch:
http://ww2.npd.de/html/1/artikel/detail/1035/
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Roms vergessener Feldzug
Die Entdeckung eines antiken Schlachtfeldes am Harzhorn in
Südniedersachsen bei Oldenrode westlich Nordheim läßt die
Geschichtswissenschaft ins Wanken geraten. Im Jahr 9 n.Chr. hatte ein
germanisches Heer unter dem Cherusker Arminius (Luther nannte ihn
„Herrmann“) drei römische Legionen – 20.000 Mann – unter dem Feldherrn
Varus bei Kalkriese nahe Bramsche in Niedersachsen (nicht im
„Teutoburger Wald“) vernichtet – ein Achtel des gesamten damaligen
römischen Heeres. Man hatte bislang geglaubt, daß sich außer den
Strafexpeditionen unter Drusus und Tiberius kein größeres Heer mehr
ins freie Germanien gewagt hätte.
Der seinerzeitige römische Feldherr Maximinus Thrax (ab 230 n. Chr.
römischer Kaiser) unter Kaiser Severus Alexander lieferte sich
vermutlich abermals in Nordgermanien eine Schlacht mit den
einheimischen Stämmen. Das seit August 2008 untersuchte, über 2
Kilometer weite Kampffeld gab bereits 800 Funde preis. Germanische und
römische Lanzenspitzen, Pfeil- und Katapult-Spitzen, Reste von
Trosswagen, Schwertscheiden, Stegreife und neben zwei abgenutzten
Sesterzen des Kaisers Commodus aus dem Jahr 190 sechs weitere Denare
um 222-225 n.Chr. 11 Kaiser regierten damals in 4 Jahrzehnten. Die
Geschichtsschreibung belegte bisher keine Kampfhandlungen an diesem
Ort und zu dieser Zeit.
Nordheiner Kreisarchäologin Dr. Lönne, niedersächsischer
Landesarchäologe Henning Haßmann, Althistoriker der Universität
Hannover Horst Callies und Prof. Dr. Michael Meyer von der Freien
Universität Berlin sind über den Sondengänger Rolf Peter Dix erst auf
diese Sensation hingewiesen worden:
http://www.youtube.com/watch?v=TEl-cI48Hbs
http://www.youtube.com/watch?v=0GIN7BmuB7E&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=OOWV8kIDLjk&feature=related
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Sudetendeutscher Pressedienst (SdP)
Sudetendeutsche Landsmannschaft in Österreich (SLÖ)
Wien / Bad Kissingen, am 9. November 2009
Erklärung des Sudetendeutschen Heimatrates vom 7. November 2009
Anlass für die Erklärung
Der tschechische Präsident Václav Klaus hat sich gegen das Votum von
Parlament, Senat und Regierung der Tschechischen Republik bis zuletzt
geweigert, den EU-Reformvertrag zu unterschreiben, da er das Vertragswerk
ganz verhindern wollte.
Seine Forderung nach einer eigenen Klausel zur direkten oder indirekten
Bekräftigung der Unrechtsdekrete scheiterte jedoch am Widerstand der
Regierungen in Wien, Berlin und Budapest, die sich eng mit unserer
Volksgruppenführung koordiniert hatten. So blieb ihm nur noch – um den
Anschein eines Erfolges zu erwecken – der Beitritt zu einer für
Großbritannien und Polen gültigen Fußnote, die in Wirklichkeit die
sudetendeutschen Rechte nicht berührt, aber etwa den Tschechen ihre von den
tschechischen Verfassungsorganen ratifizierten Sozialrechte aus der
EU-Grundrechtecharta nimmt.
Der slowakische Premier Fico, der ursprünglich denselben Weg wie Klaus gehen
wollte, hat noch in der Gipfelnacht bemerkt, dass die vom EU-Rat Klaus
zugestandene „Ausnahmeklausel“ nicht den Opfern der Bene?-Dekrete, sondern
dem eigenen Volk schaden würde, und ist deshalb wieder aus der gemeinsamen
Front mit Prag ausgestiegen.
Nach dem Urteil des Brünner Verfassungsgerichtes zum Lissabon-Vertrag wird
nun die Grundrechtecharta am 1. Dezember 2009 auch in der Tschechischen
Republik in Kraft treten, die Ausnahme-Klausel kann aber frühestens in ein
bis zwei Jahren, etwa mit dem Beitrittsvertrag für Kroatien, ratifiziert
werden, sollte sie nicht gar schon vorher innertschechisch zu Fall gebracht
worden sein.
Erklärung
Vor diesem Hintergrund erklärt der Sudetendeutsche Heimatrat anlässlich
seiner Jahrestagung auf dem Heiligenhof in Bad Kissingen:
1. Die Tschechische Republik muss endlich die rassistischen und
menschenrechtswidrigen Bene?-Dekrete einschließlich des so genannten
Straffreiheitsgesetzes aufheben, weil sie zum einen Millionen von Europäern
diskriminieren, zum anderen aber auch immer wieder von Politikern wie Klaus
demagogisch missbraucht werden können, das Verhältnis zwischen den Völkern
belasten und letztlich auch den Tschechen selbst schwer schaden.
2. Die tschechische Regierung, das Parlament und der Senat werden
aufgefordert, endlich den direkten Dialog mit der Sudetendeutschen
Landsmannschaft zu suchen.
3. Die Regierungen von Deutschland, Österreich und Ungarn, denen Dank
für die gemeinsame Verhinderung einer ausdrücklichen
Bene?-Dekrete-Schutzklausel gebührt, werden aufgefordert, weiterhin so eng
zusammenzuarbeiten und dafür zu sorgen, dass den unter den Bene?-Dekreten
kollektiv entrechteten Volksgruppen, also Sudeten- und Karpatendeutschen
sowie Magyaren, endlich Gerechtigkeit widerfährt.
4. Die Staats- und Regierungschefs in der EU, die beim Brüsseler Gipfel
aus opportunistischen Gründen Václav Klaus seinen Schein-Sieg zelebrieren
ließen, müssen endlich dafür sorgen, dass die Vertreibung entsprechend
früheren Beschlüssen des Europäischen Parlamentes eindeutig verurteilt und
die Unrechtsdekrete beseitigt werden.
Wir hätten uns schon lange Lösungen in zwei- oder mehrseitigen Verhandlungen
vorstellen können. Gerade im Zeitpunkt der Unterzeichnung des EU-Vertrages
wäre Gelegenheit gewesen, als Geste des tschechischen Staates uns
Sudetendeutschen gegenüber mit einem Dialog zu beginnen – aber leider wurde
auch diese Chance vertan.
Den EU-Staaten gegenüber muss festgestellt werden, dass die Menschen- und
Volksgruppenrechte in der Tschechischen Republik anders definiert und
ausgeübt werden als in der übrigen EU. Das ist ein nicht hinnehmbarer
Zustand, den es weiter zu bekämpfen gilt.
Franz Longin Gerhard Müller
Vorsitzender Stellv. Vorsitzender
Sudetendeutscher Heimatrat, Hochstraße 8, 81669 München
Kontakt: Hanni Köglsperger, Telefon: 089 48000351. E-Mail:
koeglsperger@sudeten.de
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Sudetendeutscher Pressedienst (SdP)
Sudetendeutsche Landsmannschaft in Österreich (SLÖ)
Wien, am 5. November 2009
Das Sammellager in Melk / NÖ von 1946 bis 1948 (Teil 3)
Verpflegung
Es gab Flüchtlinge, die Nahrungsmittel wie Mehl, Zucker, Fett und
Selchfleich aus ihrer Heimat mitgebracht hatten. Es wurde aber für
alle Lagerinsassen in der Lagerküche gekocht. Küchenchef war Leopold
Vitecek, später Heeresbeamter. Zum Frühstück gab es Kaffee und Brot,
mittags einen Eintopf und abends kaltes Essen (aufgeschnittenes Brot
und nach Möglichkeit ein Stück Wurst oder Käse). Für die Kinder wurde
auch Milch gegeben. Der Küchenchef hatte täglich zwischen 1000 und
2000 Personen zu verpflegen. Wenn sich die ankommenden und
abzutransportierenden Flüchtlinge überkreuzt haben, so waren bis zu
8000 Personen zu verpflegen. Die Lebensmittel wurden gegen
Sammelbezugscheine des Bezirks-Ernährungsamtes von der Stadt gebracht.
Anlieferer waren z.B. für Fleisch die Fleischhauer Ebner, Gundacker
und Sdraule, für Mehl und Brot die Bäckermeister Exel, Grießler und
Gschmeidler. Die Kalorienzuteilung war gleich wie für die
Zivilbevölkerung. Dementsprechend war sie während der ersten Zeit
unzureichend. So betrug im Herbst 1945 die Kalorienzuteilung 800 pro
Kopf und Tag und wurde im Laufe des Jahres 1946 auf 1200 bis 1500
Kalorien angehoben (Erst 1953 wurden die seit 1939 eingeführten
Lebensmittelkarten aufgelassen). Aufgebessert wurde die
Verpflegsration durch die UNRRA-Hilfe, der es insbesondere die Kinder
verdanken, dicke süße Kondensmilch zu erhalten. Für sie war ein
Brotaufstrich mit dieser Milch ein Leckerbissen. Zu Weihnachten gab es
sogar eine Bäckerei.
Behandlung der Flüchtlinge
In den Unterkunftsräumen hatten die Blockaufseher für Ruhe und Ordnung
zu sorgen. Daß es unter den Lagerinsassen zu Auseinandersetzungen kam,
war nicht zu vermeiden. Doch gab es im großen und ganzen keine
gröberen Zwischenfälle. Die russische Lagerverwaltung griff nicht ein.
Der Kommandant machte lediglich Kontrollgänge und gab etwa notwendige
Anweisungen an die österreichische Lagerverwaltung, die für Abhilfe zu
sorgen hatte, und die bemüht war, den Lagerinsassen ein einigermaßen
menschenwürdiges Dasein zu schaffen. Es muß hervorgehoben werden, daß
sie hiebei auch von der russischen Lagerverwaltung unterstützt wurde.
In dem im Verlag Welsermühl, Wels, herausgegebenen und von Josef Hiess
verfaßten Buch ?Wir kamen aus Glasenbach? wird das Sammellager Melk
als ?Hungermühle? apostrophiert. Es wird darin auf den Seiten 214 -
218 ein Gespräch geschildert, das zwischen einem ?Glasenbacher? und
einem geflüchteten Donauschwaben, der im Melker Lager untergebracht
war, geführt wurde. Wörtlich wird das Gespräch auszugsweise wie folgt
zitiert: ?Waren Sie im Lager?? fragte der Glasenbacher unvermittelt.
?Ich bin noch immer im Lager? antwortete der Flüchtling seelenruhig.
?Zwar nicht in Glasenbach, aber im berüchtigten Sammellager Melk?.
?Sie sind aus der Hungermühle?…. ?Gewiß…..ich brauche Ihnen nicht
lange erklären, daß die verjagten Volksdeutschen durch die grausame
Vertreibung und die Nachkriegseinwirkungen körperlich und seelisch
vollkommen gebrochen in Melk eintrafen. Was sie dort erwartete ist für
die zuständigen Stellen bestimmt keine Auszeichnung. Schließlich sind
wir ja alle im Grunde genommen alte Österreicher, die lediglich der
Umstände halber in unser angestammtes Vaterland zurückkehrten. Was ist
schon ein Paß gegen das Blut? Ein bedrucktes Stückchen Papier gegen
ein Lebensgesetz. Aber auch im Lager war alles wie verhext, durch die
allgemeine deutschfeindliche Propaganda. Sogar bei der österr.
Lagerleitung gibt es zynische Peiniger, welche in unfaßbarer
Beschränktheit alle Schuld den Heimatvertriebenen anlasten.
Verleumdungen und Intrigen sind geradezu ein Bestandteil der
Lagergesetze. Je nach Laune wird man als Faschist, wertloses Subjekt
oder als Kommunist bezeichnet und behandelt. Die geringste
Zivilcourage, der bescheidenste Einspruch wird sofort auf dem
Begleitschein der Behörde vermerkt. Wir sind wie gejagte Hunde,
Menschlichkeit ist für uns Heimatvertriebene außer Kurs gesetzt und
die Menschenwürde wird täglich auf das Tiefste verletzt.?
Es muß darauf hingewiesen werden, daß der inzwischen verstorbene Autor
Hiess Mitarbeiter im ?Volksbund für das Deutschtum im Ausland? und von
1945 bis 1947 im amerikanischen Lager als NS-Verdächtiger interniert
war. Daraus ist der tendenziöse Sinn zu begreifen. Der Leiter des
Sammellagers Melk, Oberst Johann Kubasta, der schon verstorben ist,
wird von befragten Lagerinsassen und von seinen Mitarbeitern als ein
äußerst gerechter, charaktervoller, seelensguter und gefühlvoller Mann
beschrieben, der jedem gegenüber entgegenkommend war und niemandem
etwas zuleide getan hat. Er hätte solche Vorfälle nicht geduldet und
sofort abgestellt. Die in dem Buch geschilderten Zustände stimmen
keinesfalls. Erhärtet wird dies noch dadurch, daß ein aus der CSR.
geflüchteter Bahnvorstand über den freundlichen Empfang und die gute
Behandlung zu Tränen gerührt war, obwohl ihm in seiner Heimat mit
einer argen Tortur in Österreich Angst gemacht wurde.
Die Dokumentation wird fortgesetzt!
Quelle:
Wilhelm Jun
Augsburg/Pohrlitz
2006
w.jun@t-online.de
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Sudetendeutscher Pressedienst (SdP)
Sudetendeutsche Landsmannschaft in Österreich (SLÖ)
Wien, am 4. November 2009
Das Sammellager in Melk / NÖ von 1946 bis 1948 (Teil 2)
Sanitätsstation
Zur Überwachung, damit keine Infektionskrankheit eingeschleppt wird, und
überhaupt zur allgemeinen Überwachung des Gesundheitszustandes der
Flüchtlinge, wurde eine Sanitätsstation eingerichtet, in der bis zu 20 Ärzte
(z.B. Dr. Karl Sedlacek und Dr. Anton Gruß) und 6 Krankenschwestern
beschäftigt waren. Außerdem hatte ein russischer Lagerarzt mit einigen
Offizieren seinen Sitz in der Station. 10 Krankenbetten standen zur
Verfügung und bis zu 15 Fälle wurden täglich ambulant behandelt. Schwere
Krankheitsfälle wurden in das Krankenhaus Melk eingewiesen. Auch eine
Apotheke war eingerichtet, deren Bestand an Medikamenten infolge Zulieferung
durch amerikanische Stellen besser als der der Apotheke Melk war. In der
Lager-Apotheke war Dipl. Ing. et. Mag. Pharm. Adolf Graf tätig.
Polizeikommando
Für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung im Sammellager wurde von der
Polizeidirektion Wien ein Polizeikommando stationiert. Diesem gehörten bis
zu 80 Mann teils in Uniform teils in Zivil an. Kommandant war
Stabsrittmeister Plachy.
Lagerinsassen
Nach den Bestimmungen der Potsdamer Protokolle durften im Lager nur
Volksdeutsche aus der Tschechoslowakei und Ungarn aufgenommen werden. Sie
waren für die Umsiedlung nach Deutschland bestimmt. Volksdeutschen aus
Jugoslawien, Rumänien und Polen durfte vorerst keine Unterkunft gegeben
werden, doch wurde diese Verfügung bald durchbrochen. Abtransportiert
durften die letztangeführten Gruppen aber nicht werden. Auch dies hat sich
geändert; weil diesen Flüchtlingen, die vielfach ohne Papiere ankamen,
geraten wurde, anzugeben, daß sie aus Ungarn kommen. Vornehmlich waren die
Lagerinsassen Sudetendeutsche und Volksdeutsche aus Ungarn, die mit
Lastwagen, Pferdewagen und Bahn herangebracht wurden, oder zu Fuß ankamen.
Hier wurde von der österreichischen Lagerverwaltung versucht, die
Einschleppung von Infektionskrankheiten zu verhindern Mit dem
Registrierschein wurde ihnen von dem für jeden Mannschaftsblock eingeteilten
Blockaufseher die Lagerstätte zugewiesen. In der kalten Jahreszeit erhielten
sie gleich am Eingang heißen Tee, fallweise auch heiße Milch. Die ersten
Flüchtlinge hatten Anfang 1946, da keine Einrichtungsgegenstände vorhanden
waren, auf ausgebreitetem Stroh und teilweise auf Strohsäcken zu schlafen.
Bis zu 60 Personen, manchmal auch mehr, waren in einem großen Raum
untergebracht. Die Familien wurden nicht getrennt, auch wurde eine Trennung
von Männern und Frauen nicht vorgenommen. In kleineren Räumen wurden
mehrköpfige Familien untergebracht. Die Räume waren anfänglich schmutzig,
voll Ungeziefer und mangelhaft beleuchtet. Die elektrischen Leitungen und
die Wasser- und Kanalinstallationen waren zum großen Teil schadhaft. Die
sanitären Anlagen waren dadurch total verdreckt. Als Ersatz dienten zuerst
notdürftig aufgestellte Latrinen. Das Innenministerium, später die
Bundesgebäude-Verwaltung und die Besatzungsmacht, waren zwar bemüht, es
fehlte aber an allen Ecken und Enden am notwendigen Material. Dem
eingesetzten Gebäudeaufseher Alois Sterf ist es erst im Laufe von Monaten
gelungen, mit seinem Arbeitsteam die Unterkünfte einigermaßen menschenwürdig
zu gestalten. Aus Wehrmachtsbeständen kamen Betten, Decken und Spinde. Die
Installationen wurden in Ordnung gebracht, Duschen wurden installiert. Die
Reinigung der Räume mußten die Flüchtlinge selbst besorgen, von den
Blockaufsehern überwacht. Die Säuberung der Höfe und Außenanlagen oblag der
österreichischen Gebäudeaufsicht und erfolgte zum Teil durch Lagerinsassen,
die sich freiwillig gegen Entschädigung hiefür gemeldet haben.
Die Beheizung der Räume war in der kalten Jahreszeit mangels Brennmaterials
dürftig. So manche Barackenteile wurden verfeuert. Erst später wurde
Brennholz zugewiesen; so wurde das Stift Melk angewiesen, Holz zu liefern,
sogar Briketts wurden beigestellt.
Die Dokumentation wird fortgesetzt!
Quelle:
Wilhelm Jun
Augsburg/Pohrlitz
2006
w.jun@t-online.de
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Sudetendeutscher Pressedienst (SdP)
Sudetendeutsche Landsmannschaft in Österreich (SLÖ)
Wien, am 4. November 2009
Die Flüchtlingstransporte im Juni 1946 aus Österreich
Grenzankunft Herkunftsort Zielort Personen
01.06.1946 Villach Friedberg 756
01.06.1946 Melk Dachau 1.464
02.06.1946 Klagenfurt Warburg 1.062
02.06.1946 Bregenz Ulm 1.041
04.06.1946 Graz Warburg 1.187
06.06.1946 Kleinmünchen Mingolsheim 900
09.06.1946 Melk Regensburg 1.432
09.06.1946 Kleinmünchen Warburg 671
12.06.1946 Klagenfurt Warburg 267
12.06.1946 Kleinmünchen Seckach 1.152
13.06.1946 Salzburg Bamberg 785
13.06.1946 Klagenfurt Warburg 944
14.06.1946 Kleinmünchen München-Allach774
15.06.1946 Kapfenberg Bayreuth 1.266
16.06.1946 Graz München-Allach481
17.06.1946 Graz Hanau 400
17.06.1946 Wien-Hütteldorf Backnang 1.324
18.06.1946 Linz Fulda 848
20.06.1946 Melk Hof 867
21.06.1946 Wien-Hütteldorf Hof 992
24.06.1946 Spittal an der Drau Bietigheim 282
25.06.1946 Kleinmünchen Dachau 645
25.06.1946 Salzburg München-Allach210
25.06.1946 Salzburg Bietigheim 282
27.06.1946 Linz Neckarzimmern 1.053
27.06.1946 Salzburg Dachau 200
28.06.1946 Feistritz Warburg 644
28.06.1946 Wien-Hütteldorf Bamberg 1.087
29.06.1946 Klagenfurt Warburg 993
29.06.1946 Wien-Hütteldorf Marburg 1.129
30.06.1946 Melk Ulm 982
Gesamtzahl 26.120
Sudetendeutscher Pressedienst (SdP)
Sudetendeutsche Landsmannschaft in Österreich (SLÖ)
Wien, am 5. November 2009
Die Flüchtlingstransporte im Juli 1946 aus Österreich
Grenzankunft Herkunftsort Zielort Personen
03.07.1946 Wien-Hütteldorf Augsburg 1.082
05.07.1946 Graz Warburg 1.008
05.07.1946 Wien-Hütteldorf Warburg 987
06.07.1946 Wien-Hütteldorf München-Allach 514
06.07.1946 Wien-Hütteldorf Bietigheim 547
06.07.1946 Wien-Hütteldorf München-Allach 514
06.07.1946 Linz Friedberg 963
11.07.1946 Salzburg Heidenheim 992
13.07.1946 Kleinmünchen Würzburg 419
17.07.1946 Kleinmünchen Biedenkopf 1.337
19.07.1946 Wels Backnang 1.472
19.07.1946 Kleinmünchen Marburg 309
19.07.1946 Melk Nürnberg 1.631
23.07.1946 Kleinmünchen Ulm 323
23.07.1946 Kleinmünchen München-Allach 336
24.07.1946 Wien-Hütteldorf Neckarzimmern 1.159
24.07.1946 Klagenfurt Warburg 1.053
25.07.1946 Kleinmünchen Ulm 518
26.07.1946 Salzburg Ulm 223
26.07.1946 Linz Schwabach 1.154
26.07.1946 Salzburg München-Allach 338
27.07.1946 Linz Marburg 765
30.07.1946 Graz München-Allach 531
31.07.1946 Kapfenberg Mingolsheim 751
31.07.1946 Graz Ulm 561
Gesamtzahl 19.487
Quelle:
Wilhelm Jun
Augsburg/Pohrlitz
2006
w.jun@t-online.de
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Nachfolgende zugeleitete Meldung bitte ich kritisch prüfen zu wollen.
Um nicht gleich in den Verdacht des Ketzers zu geraten, möge man den
folgenden Inhalt mit der kürzlichen Stellungnahme Henrik Broders zum
§130 StGB vergleichen!
PH
————-
Meinungsfreiheit nicht nur in China einfordern,
sondern auch in der BRD durchsetzen!
Ursula Haverbeck und Ingetraut Jochim auf der Frankfurter Buchmesse 2009
Demonstration für Meinungsfreiheit in der BRD
Es geht u.a. um die Bewertung und Erforschung des Holocaust an den
Juden, die in der BRD einseitig, gelenkt und nicht ergebnisoffen
betrieben wird. Eine freie Geschichtsforschung ist derzeit nicht
möglich. Kritische Meinungsäußerungen zum Thema Holocaust an den Juden
sind (im Gegensatz zu Großbritannien, Spanien oder den USA) in der BRD
strafbewehrt. Hingewiesen wird von den Demonstranten auch auf die
vielen inhaftierten Deutschen, die nur wegen eines sogenannten
MEINUNGSVERBRECHENS bzw. wegen VOLKSVERHETZUNG in der BRD derzeit in
Haft sind, die niemand hört – und die vor allem von AMNESTY
INTERNATIONAL weder beachtet, noch betreut werden. Sie sind quasi
vogelfrei.
Es steht eindeutig fest, dass in punkto „Meinungsfreiheit“ in der BRD
mit zweierlei Maß gemessen wird!
Video mit Live-Aufnahmen (leider nur auf englisch):
http://www.youtube.com/watch?v=4YaZBXd-peo
Solange eine freie, objektive Holocaust-Forschung in Deutschland nicht
möglich und nicht zulässig ist, solange die Meinungsfreiheit in der
BRD (und in Österreich) mit Füßen getreten wird, solange Merkel-Sauer
und Co. immer wieder nur in China „Menschenrechte“ einfordern, aber
auf diese im eigenen Land vergessen, wird dieses Tabu-Thema immer
wieder hochkommen, wird immer wieder brennende Fragen auslösen, wird
es die Völker nicht zur Ruhe kommen lassen.
Da helfen keine Verbote, keine Gefängnisstrafen, keine Gesetze, die
die Lügen einer Minderheit schützen!
Die Wahrheit braucht keine Verteidigung,
sie erblickt von alleine das Licht der Sonne!
NUR DIE LÜGE MUSS SICH VERTEIDIGEN!
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CSU: Westerwelle muss Vertriebene stützen
München, 3. November (dpa). Die Distanzierung des neuen Außenministers
Westerwelle (FDP) von Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach während
seines Besuchs in Polen ist in der CSU auf Kritik gestoßen. Der Leiter
der Bayerischen Staatskanzlei, Schneider (CSU), forderte Westerwelle
auf, das Vorschlagsrecht der Heimatvertriebenen für die Besetzung des
Rates der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ zu respektieren.
„Für Bayern ist es völlig klar, dass die Heimatvertriebenen frei
darüber entscheiden können müssen. Ich erwarte, dass der neue
Bundesaußenminister das auch so sieht“, sagte Schneider der Zeitung
„Münchner Merkur“. Der Bund der Vertriebenen (BdV) hatte im März
entschieden, einen seiner drei Sitze im Stiftungsrat bis zur
Bundestagswahl demonstrativ frei zu lassen. Hintergrund waren massive
Proteste gegen die vorgesehene Berufung von Frau Steinbach, deren
politischer Kurs im Nachbarland seit langem auf Ablehnung stößt.
Westerwelle hatte am Samstag während seines Antrittsbesuch in Warschau
gesagt: „Wir wollen, dass das ein Projekt ist, das unsere Länder
zueinander bringt, ein Beitrag zur Versöhnung. Wir werden alles
unterlassen, was diesem Gedanken entgegensteht.“ Der BdV will am 17.
November über die Berufung entscheiden.
F.A.Z., 04.11.2009, Nr. 256 / Seite 4
Glosse Politik
Kleiner Unterschied
Den Schuh muss sich Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck nicht
anziehen: Der Vorwurf, er habe ehemalige SED-Anhänger mit ehemaligen
Angehörigen der Waffen-SS gleichgesetzt, ist abwegig. Angreifbar ist
sein Appell zur Versöhnung mit einstigen SED- und heutigen
Linkspartei-Anhängern, der seiner neuen Koalition eine historische
Rechtfertigung verleihen soll, aus einem anderen Grund: Platzeck lobt
die Integrationsleistung der frühen Bundesrepublik und stellt
insbesondere die Haltung des damaligen SPD-Vorsitzenden Schumacher
heraus, der sich gegen die Ausgrenzung von Mitgliedern der
Nazi-Elitetruppe gewandt hatte. Zugleich kritisiert er die Verwendung
ehemaliger NSDAP-Mitglieder durch Adenauer. Adenauer jedoch hat nicht
mit Nachfolgeorganisationen der Nazis paktiert, sondern einigen
wenigen Personen mit dunkler Vorgeschichte die Möglichkeit verschafft,
sich im demokratischen Staat zu bewähren. Im nachdiktatorischen
Brandenburg dagegen darf nun die Nachfolgeorganisation der SED wieder
den Systemwechsel betreiben, ohne ihrer Vergangenheit abgeschworen zu
haben. Dt.
F.A.Z., 04.11.2009, Nr. 256 / Seite 10
Mauerfall an Mauerfall: Kein Bild bleibt ungezeigt
Im Liebermann-Haus am Brandenburger Tor in Berlin geht es stiller zu
als ein paar hundert Meter weiter vor dem Neuen Museum von
Stüler/Chipperfield. Ein Mann will wissen, wie man durch diese
Ausstellung gehen solle, das passe doch alles nicht zusammen. Er will
es streng chronologisch – aber „Szenen und Spuren eines Falls“, von
Matthias Harder kuratiert, zeigt die unterschiedlichen Sichtweisen von
21 Fotografen auf ein Weltereignis. Symbolhafte Bilder wie das
Mauerfragment von Wilfried Bauer sind zu sehen neben Reportagen von
Barbara Klemm und Werner Mahler und einem hinreißend absurden Porträt
des CNN-Starreporters Peter Arnett von Nelly Rau-Härtling. Der thront
über dem Volk auf einem Podest, mit Teppich und Barocktischlein.
Viele Fotografien sind heute schon Bilderrätsel, weil der unmittelbare
Kontext nicht mehr jedermanns Erinnerung ist. Oder weil die Empathie
des angereisten Fotografen zu schnell verrauscht war. Bauers Nachtmahr
im Schnee, irgendwo an der Ostseite des Reichstags damals gestrandet,
wird bleiben, was er immer war: Symbol für die groteske Anomalität der
Teilung.
Die Einladungen zu einer „Mauer-Ausstellung“, so das Kürzel der
Nachrichtenagenturen, kommen in immer kürzeren Abständen. Allein in
Berlin haben, übers Gedenkhalbjahr verteilt, mehr als hundert
Fotoausstellungen den Mauerfall gefeiert; große Kunst ist darunter und
viel zufällig Entstandenes; immer wieder Mauer einsam und Mauer
erstürmt, Mauer mit Gucklöchern, grauer Dämmer in Ost-Berliner Straßen
und das gleißend helle Licht im Westen, ratlose Grenzer und glückliche
Zivilisten. Man weiß es nun bis zum Überdruss. Kaum schließt eine
Ausstellung, eröffnen drei neue. Und Harald Hauswalds „Auferstanden
aus Ruinen“ (Pool Gallery, Berlin, Tucholskystraße) wandert zudem noch
durch zwanzig deutsche Städte. Sie versammelt ein in vierzig Jahren
entstandenes großartiges Werk, und wer wissen will, warum es zum Fall
der Mauer kommen musste, woher das alles kam und was aus diesem Land
geworden ist, sollte es sich von Hauswald erzählen lassen.
„Die geteilte Stadt – Topographie der Berliner Mauer“ mit Bildern von
Karl-Ludwig Lange wird noch bis Mai nächsten Jahres im Mauer-Mahnmal
des Deutschen Bundestages gezeigt. Hier sind es, anders als der Titel
suggeriert, Fotos aus der Zeit nach der Öffnung, als das Hüben und
Drüben Berlins langsam zusammenwuchs und vernarbte. Langes Bilder zum
allgegenwärtigen Thema tauchen wie Wiedergänger in vielen der vielen
Jubiläumsausstellungen auf. Das mindert nicht ihre fotografische
Qualität, nur die Neugier, die sich irgendwann erschöpft hat.
Ungewöhnlich in dieser ermüdenden Vielfalt ist die große Retrospektive
des Stern-Fotografen Harald Schmitt im Martin-Gropius-Bau – ohne
Mauerfall, weil Schmitt ihn urlaubsbedingt verpasste.
Zu sehen ist stattdessen eine aufregende Chronik der Erosion des
kommunistischen Imperiums. Schmitt, den die Stasi 1983 aus der DDR
verwies, weil sie ihn immer wieder aus den wachsamen Augen verlor, hat
so ziemlich alle Bruchlinien entdeckt, die dem Untergang von 1989
vorausgingen oder folgten: Lech Walesa und Anna Walentynowicz auf der
Danziger Werft, Václav Havel in dem Augenblick, als die kommunistische
Führung zurücktritt, das Tienanmen-Massaker, die 650 Kilometer lange
Lichterkette quer durchs Baltikum, als 1989 zwei Millionen Menschen
gegen fünfzig Jahre sowjetische Fremdherrschaft aufbegehrten, oder
Jelzin 1991, wie er Gorbatschow mit herrischer Gebärde entmachtet.
Auch die Schau „Wir waren so frei“ im Filmmuseum am Potsdamer Platz
geht jetzt auf Reisen, unter anderem nach Paris, Dublin, New York,
Bangkok, Jerusalem. Überall will man sehen, woran sich das Volk
selbst, als Fotoamateur, für immer erinnern will. Die persönlichen
Bildzeugnisse großer Geschichte, von Hunderten Deutschen an das
Filmmuseum geschickt, sind zu einem einzigartigen ethnologischen
Archiv der Epochenzäsur von 1989/90 angewachsen. REGINA MÖNCH
F.A.Z., 04.11.2009, Nr. 256 / Seite 29
Neue Sachbücher
Im Spiegel feuchter Augen
Kultur ist eine Klimazone. Was gedeiht in dieser Zone von 1945 bis
heute? Axel Schildt und Detlef Siegfried haben eine Kulturgeschichte
Deutschlands verfasst, die von Gottfried Benn bis zur Sitzecke reicht.
In diesem Buch lernt man etwas über die Campingsitten der Deutschen,
über den Opel Kapitän, aber auch darüber, dass Arnold Gehlen die
moderne Gesellschaft genauer beschreiben konnte, als dies der
Frankfurter Schule gelang. Außerdem bietet diese Kulturgeschichte dank
präziser Beschreibungen zahlreiche Wiedererkennungseffekte: „Zum
zeitgenössischen Wohnideal gehörte die Essecke als jener Ort, an dem
die Familie ihre Mahlzeiten einnehmen sollte, nicht mehr in der
Wohnküche, aber auch nicht in einem eigenen Esszimmer, sondern eben in
einer kleinen Nische dazwischen, wenn möglich mit einer Durchreiche
zur Arbeitsküche.“
Da wird so mancher Leser seufzen: „Ach!“. Auch Wirtschafts- und
Sozialpolitiker können hier feuchte Augen bekommen, wenn es heißt:
„Das Versandhaus Neckermann köderte 1961 Arbeitskräfte mit dem
Angebot, sie würden morgens mit firmeneigenem Fahrzeug zu Hause
abgeholt, um ihnen die Zumutung öffentlicher Verkehrsmittel zu
ersparen. Die Bundesregierung beschloss im August jenes Jahres, dass
bis zum 31. Januar 1962 keine Arbeitslosenversicherung mehr zu
entrichten sei, denn die Kassen waren übervoll.“
Axel Schildt und Detlef Siegfried vollbringen eine beeindruckende
Syntheseleistung und überwinden die Selbsteinengungen vieler
bisheriger Kulturgeschichten. Denn sie sprechen von populärer Kultur,
stellen Filme und Schlager vor, aber integrieren genauso souverän
Gedichte von Benn und Enzensberger in ihre Darstellung; sie nennen
Institutionen und Medien, beschreiben etwa die Zeitschriften der
Nachkriegszeit, um dann die dort vertretenen Gesellschaftskonzepte zu
analysieren; sie informieren über Lebensformen, über Sport und
Sexualität, aber sie begeben sich auch in die Verästelungen der
politischen Kultur und schreiben Ideengeschichte auf hohem Niveau.
So erörtert Schildt die „Abendland“-Ideologie der fünfziger Jahre, die
der als ungenügend angesehenen „Formaldemokratie“ der Bundesrepublik
ein weltanschauliches Fundament geben wollte. Dabei näherte sie den
neuen Staat trotz mancher Vorbehalte Westeuropa an, um gleichzeitig
den Antiamerikanismus der intellektuellen Eliten „im Schatzkästlein
der Ressentiments“ aufzubewahren. Schließlich gewann sie bei allem
Anachronismus ihres Gesellschaftsbildes eine positive Funktion für die
Verankerung der Bundesrepublik im Westen – solche Erörterungen
gelingen meisterhaft.
Bei aller Genauigkeit des Begriffs und bei Einbeziehung des neuesten
Forschungsstandes verschiedener Wissenschaften bleibt Platz für eine
klug ausgewählte Bebilderung und für eine sachlich-feine Form der
Ironie: „Ein Beispiel für die Erzeugung von Empathie durch eine
mediale Brücke für weit entfernt lebende Wesen lieferte zur besten
Sendezeit nach der Tagesschau ,Ein Platz für Tiere’ des
wertkonservativen Frankfurter Zoodirektors Bernhard Grzimek, der
häufig in Begleitung eines Affen, bisweilen auch eines anderen Tieres,
im Studio erschien.“
Bemerkenswert ist aber nicht nur, wie Schildt heterogene Erscheinungen
zum Panorama einer Gesellschaft zusammenfasst, sondern auch, wie
entschieden er sich von lange gepflegten Bewertungen trennt. Dies ist
keine Heldengeschichte der Nachkriegsintelligenz; hier wird die
Durchsetzung der abstrakten Malerei in Westdeutschland nicht
gerechtfertigt, sondern analysiert; hier wird auf Traditionen der
ersten Jahrhunderthälfte hingewiesen, die das Denken der
Nachkriegsjahrzehnte bestimmten, wenn etwa bündisch sozialisierte
Jugendliche nach 1945 ihre Demokratiekritik fortsetzten. Jeder
intellektuelle Hochmut ist den Verfassern fremd.
Diese hervorragende Qualität besitzt die „Deutsche Kulturgeschichte“
allerdings vor allem in den ersten Kapiteln zu den fünfziger und
sechziger Jahren, die von Axel Schildt stammen. Auch der zweite Teil,
den Detlef Siegfried verantwortet, ist informativ, bietet einige
glänzende Darstellungen, so zur postmodernen Architektur, und führt
vor, wie man mit Neckermann-Katalogen Mentalitätsgeschichte betreibt.
Aber hier fehlt die Weite des Blicks: Kultur ist nun ausschließlich
linke Kultur, findet sehr oft in Hamburg statt und ist ständig von
einer „konservativen Gegenmobilisierung“ bedroht, die die „zackige
Norm maskuliner Selbstzucht“ wiederaufrichten will. Selbst die
siebziger Jahre atmeten noch einen repressiven Geist, doch gab es zum
Glück „Performances an subkulturellen Orten“, aus denen weitere
„Demokratisierungseffekte“ hervorgingen.
Wo in einem derart einfachen Raster von Fortschritt und Reaktion ein
Autor wie Odo Marquard seinen Platz hätte, erfahren wir nicht, denn er
kommt nicht vor. Von den alternativen Bewegungen heißt es
triumphierend, dass sie in der Verfassung nicht vorgesehen seien; ja,
warum sollten sie auch? Der Vorbehalt der älteren Kulturgeschichte
gegenüber großen Individuen ist deutlich zu spüren. Hinzu kommen
Leervokabeln wie „Authentizität“ und „Gegenkultur“. Ausgezeichnet dann
aber wieder das Foto eines jungen Mannes mit sehr langen Haaren, der
vor einem Friseurgeschäft sitzt, Unterschrift: „In den sechziger
Jahren funktioniert die Haartracht als kulturelles
Unterscheidungsmerkmal.“ Wer noch einmal in die Lebensformen, das
Denken und Fühlen der Bundesrepublik eindringen will, der besitzt mit
diesem Buch einen Schatz. Dirk von Petersdorff
Axel Schildt und Detlef Siegfried: „Deutsche Kulturgeschichte“. Die
Bundesrepublik von 1945 bis zur Gegenwart. Hanser Verlag, München
2009. 696 S., geb., 24,90 [Euro].
F.A.Z., 04.11.2009, Nr. 256 / Seite 30
Den Ring sprengen
Waffen-SS und Linkspartei: Platzecks Integrationsplan
Bei einem Besuch in Frankfurt am Main hörte der junge Günter Grass
eine Rede des SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher auf dem
kriegszerstörten Römerberg, die ihn nachhaltig beeindruckte, wie er in
seinem Erinnerungsbuch „Beim Häuten der Zwiebel“ berichtet. Ob
Matthias Platzeck an diese Episode gedacht hat, als er für den
„Spiegel“ dieser Woche einen „Essay“ mit dem Titel „Versöhnung ernst
nehmen – Warum unser Land endlich inneren Frieden braucht“
niederschrieb (siehe auch Politik, Seite 4)? Dort beruft Platzeck sich
auf Schumachers Vorbild zur Rechtfertigung der von ihm in Brandenburg
geschlossenen Koalition mit der Linkspartei. Schumacher, wegen seiner
Konzentrationslagerhaft ein „unverdächtiger Akteur“, habe „schon“ 1951
„zwei frühere hohe Offiziere der Waffen-SS zu einem Gespräch“
empfangen und diese Geste gegen einen Protest einer „internationalen
Organisation jüdischer Sozialisten“ verteidigt. Platzeck zitiert
Schumacher mit den Worten, die meisten der 900 000 Waffen-SS-Veteranen
seien ohne Schuld in eine „Pariarolle“ geraten. „Uns scheint es eine
menschliche und staatsbürgerliche Notwendigkeit zu sein, diesen Ring
zu sprengen und der großen Masse der früheren Angehörigen der
Waffen-SS den Weg zu Lebensaussicht und Staatsbürgertum frei zu machen.“
Das angebliche Bemühen Kurt Schumachers um ehemalige Angehörige der
Waffen-SS wurde bislang vornehmlich in weit rechts stehenden Kreisen
erwähnt, meist zusammen mit vergleichbaren Reden Adenauers und
Schumachers demonstrativem Bekenntnis zu den deutschen Ostgebieten;
Letzteres war bei dem gebürtigen Westpreußen sicher nicht nur taktisch
motiviert. Richtig ist, dass ehemalige Angehörige der Waffen-SS nach
1945 eine nicht unerhebliche Zahl darstellten, um die sich alle
demokratischen Parteien bemühten.
Schumacher empfing die beiden SS-Offiziere, weil sie, wie Platzeck
erläutert, „als Funktionäre der ,Hilfsgemeinschaft auf
Gegenseitigkeit’ die Interessen ehemaliger Soldaten der Waffen-SS
vertraten“. Weder Schumacher noch Adenauer wäre es aber eingefallen,
die Funktionäre einer solchen Organisation zu politischen
Bündnispartnern zu machen. Die staatsbürgerliche Integration von
Individuen, selbst von Hunderttausenden, denen Schumacher die Chance
geben wollte, „sich erfolgreich mit der für sie neuen Welt
auseinanderzusetzen“, ist etwas anderes als die politische
Zusammenarbeit mit einer Nachfolgeorganisation. Die wenigen wirklich
überzeugten Nationalsozialisten hatten mit der später verbotenen
Sozialistischen Reichspartei eine eigene Partei, die für keine
demokratische Partei ein denkbarer Bündnispartner war. Die meisten
ehemaligen Waffen-SS-Angehörigen, die Schumacher im Sinn hatte, waren
zudem blutjung, wie etwa der 1927 geborene Grass oder der 1926
geborene spätere Dortmunder Oberbürgermeister und leidenschaftliche
Sozialdemokrat Günter Samtlebe.
Es wirkt leichtfertig, wie Platzeck sich die Schuhe seines unter
widrigeren Umständen erheblich länger amtierenden Vorgängers als
SPD-Vorsitzender anzieht. Dass Schumacher mit linken Bündnissen nun
überhaupt nichts im Sinn hatte, dürfte auch Platzeck wissen. Wenn
dieser die Fähigkeit seiner Partei zur Integration ehemals politisch
Irrender hervorheben möchte, gibt es Beispiele, die sich für den
Vergleich von Methoden der Totalitarismusfolgenabwicklung besser
eignen. Platzecks Genosse Fritz Steinhoff ließ sich 1956 von der
damals sehr weit rechts stehenden nordrhein-westfälischen FDP zum
Ministerpräsidenten wählen. Von einem Journalisten auf die Pikanterie
dieses Bündnisses angesprochen, entgegnete Steinhoff, der wie
Schumacher im KZ gesessen hatte, er gehe davon aus, die Hitlerjungen
von der FDP seien mittlerweile erwachsen geworden. Auch ein Blick in
die Sozialistische Internationale hätte neue Perspektiven erschlossen:
1970 ließ sich der große Sozialdemokrat Bruno Kreisky mit den Stimmen
der von Friedrich Peter, einem früheren Obersturmführer der Waffen-SS,
geführten FPÖ zum Bundeskanzler wählen und beendete damit eine
jahrelange Ausgrenzung des österreichischen „Dritten Lagers“ aus der
Politik. Hierbei könnte sogar darauf verwiesen werden, dass sich
Peter, dessen Läuterung zum Demokraten in Österreich außer Zweifel
steht, später im Zorn von der FPÖ Jörg Haiders trennte.
Platzeck kann freilich auch einen Blick in das frühere
Traditionskabinett seines designierten Koalitionspartners werfen. In
der DDR amtierte seit 1960 Heinrich Homann als stellvertretender
Staatsratsvorsitzender, ein Corpsstudent mit einem beeindruckenden
Schmiss, vor 1945 Berufssoldat und NSDAP-Mitglied. Mit seinem
Stellvertreter Homann, bis 1989 Vorsitzender der auch zur besseren
Integration ehemaliger Nationalsozialisten gegründeten Blockpartei
NDPD, soll sich Walter Ulbricht blendend verstanden haben, besser als
mit manchen seiner eigenen Genossen. Zumindest diese Erfahrung dürfte
Matthias Platzeck nicht fremd sein; mit seiner designierten
Koalitionspartnerin Kerstin Kaiser versteht er sich augenscheinlich
bereits besser als mit seiner eigenen Noch-Sozialministerin Dagmar
Ziegler. Frau Kaisers Partei hat es sich unterdessen verbeten, dass
der Ministerpräsident die neue Potsdamer Koalition als
geschichtspolitische Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit deutet.
MARTIN OTTO
F.A.Z., 04.11.2009, Nr. 256 / Seite 31
Das Bad als Kaserne
In Prora auf Rügen soll ein Zentrum die wechselvolle Geschichte
dokumentieren Von Frank Pergande
PRORA, im November
Der „Traditionsverband Ost e.V.“ der Fallschirmjäger mit Sitz in
Weißwasser will in Prora einen Gedenkstein errichten, und zwar auf dem
Gelände der Jugendherberge, die derzeit dort gebaut wird. Die Pläne
sind weit gediehen, seit August auch öffentlich. Die ehemaligen
Fallschirmjäger wünschen sich einen schlichten Feldstein als
Mittelpunkt einer kleinen Grünanlage. Auf dem Stein soll das Zeichen
der Truppe prangen, ein Fallschirm mit Kalaschnikow-Maschinenpistole,
Eichenlaub und Schwarz-Rot-Gold. Die Fallschirmjäger waren in Prora
auf der Insel Rügen stationiert.
Stationiert war dort ebenso ein Großteil der Bausoldaten, als die DDR
ganz in der Nähe den Fährhafen von Mukran baute. Auch die Bausoldaten
wollen, dass in Prora an ihr Schicksal erinnert wird. In der
Jugendherberge, am besten in einem der Räume, wo sie damals leben
mussten und der nur deshalb noch erkennbar ist, weil sie dort eine
Rügenkarte an die Wand gemalt hatten, die noch da ist. Fallschirmjäger
der DDR-Armee und Bausoldaten, die den Dienst an der Waffe
verweigerten – das sind nur zwei Facetten aus der Geschichte des
Ortes. Berühmt wurde Prora, weil die Nationalsozialisten hier ein
gigantisches Seebad errichten wollten, einen fünf Kilometer langen
Riegel am Strand an der Binzer Bucht entlang. Das Haus sollte Platz
bieten für 20 000 „Kraft durch Freude“-Urlauber gleichzeitig, alle in
Zimmern mit Seeblick untergebracht.
Das Bad wurde nie fertig. Aber schon das, was fertig geworden ist,
betäubt den Blick des Betrachters. Es ist ein endlos langer Block,
unterbrochen nur durch Querriegel. In der DDR wurde das Gebäude als
Kaserne genutzt, als Offiziers- und Unteroffizersschule, sogar als
Ferienheim für Armeeangehörige. Hier sind palästinensische Terroristen
ausgebildet worden und wurden gleichzeitig Bausoldaten durch schwere
Arbeit schikaniert, weil sie der SED im Grunde als Staatsfeinde
galten. 10 000 Soldaten waren in Prora stationiert. Seit dem Ende der
DDR gilt der „Koloss von Rügen“ als die bekannteste zum Verkauf
stehende Immobilie Deutschlands. Die gesamte Anlage konnte trotz
bester Lage unmöglich einen Käufer finden. Also wurde Block für Block
vermarktet, jeder Block fünfhundert Meter lang. Block fünf gehört dem
Landkreis Rügen. Dort entsteht die Jugendherberge mit 400 Betten. Der
Grundstein wurde im Sommer gelegt. Ein Zeltplatz auf dem Gelände ist
bereits fertig. Selbst mit einer Jugendherberge ist der Block aber
noch nicht vollständig genutzt. Und so soll gleich nebenan ein
Informationszentrum entstehen. Beide Einrichtungen sollen
zusammenarbeiten und am historischen Ort außerschulische
Bildungsarbeit leisten. Ähnliches gibt es etwa auf dem Gelände des
früheren Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück im Norden des Landes
Brandenburg. Wo früher die Häuser der Aufseher waren, ist jetzt eine
internationale Jugendbegegnungsstätte eingerichtet. Die Landeszentrale
für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern hat den Auftrag, das
Informationszentrum in Prora zu planen. Das ist eine schwere Aufgabe,
denn es sind nicht nur die Interessen des Landkreises Rügen und des
Deutschen Jugendherbergsverbandes zu berücksichtigen, sondern auch die
Vorstellungen derer, die Prora in der DDR erlebt haben. Hinzu kommt,
dass es in Prora seit dem Ende der DDR bereits mehrere privat
betriebene Museen und Informationszentren gibt, zum Teil mit
fragwürdigen Inhalten. Das „Prora-Zentrum“ ist dabei ein natürlicher
Partner für die Landeszentrale. Es widmet sich bereits heute der
politischen Bildung und arbeitet deshalb mit dem Jugendherbergswerk
zusammen. „Denk-Mal Prora“ sammelt Zeitzeugenberichte, Bilder und
Andenken über Prora, den Hafenbau in Mukran und fordert, den
DDR-Zustand unter Schutz stellen – obgleich die Gesamtanlage bereits
unter Denkmalschutz steht. Hier geht es vor allem um die persönlichen
Geschichten, die sich mit Prora verbinden. Hier sehen auch die
ehemaligen Bausoldaten ihr Anliegen – Gedenken am authentischen Ort -
berücksichtigt. „KulturKunststatt Prora“ wiederum bietet ein politisch
unreflektiertes Sammelsurium aus „Kraft durch Freude“- und
DDR-Geschichte. Am 11. Dezember lädt nun die Landeszentrale in das
Kurhotel Binz ein, „um Problemstellungen für den zukünftigen Betrieb
der Bildungsstätte zu erkennen und zu diskutieren“. Die
Fallschirmjäger werden wohl kaum ihren Gedenkstein nach Muster alter
DDR-Erinnerungskultur aufstellen dürfen. Und die Bausoldaten, die sich
im vergangenen Jahr zu einem Verein zusammengeschlossen haben, werden
wohl auch nicht ihren Erinnerungsraum bekommen. Aber ihre Geschichte
soll im Dokumentationszentrum geschildert werden. Wie schwierig schon
das Gespräch darüber ist, was im Dokumentationszentrum zu sehen sein
soll, zeigen derzeit vor allem die ehemaligen Bausoldaten. Für sie
spricht Stefan Wolter, der in seinem Buch „Hinterm Horizont allein -
Der Prinz von Prora“ aus eigenem Erleben geschildert hat, wie es den
sogenannten Spatensoldaten – sie hatten einen kleinen Spaten auf ihren
Schulterstücken – in der DDR ergangen ist. Im September haben
ehemalige Bausoldaten auf einer Tagung der Evangelischen Akademie
Sachsen-Anhalt in Wittenberg einen Brief an den Schweriner
Kulturminister Henry Tesch (CDU) verabschiedet, in dem sie beklagen,
der Verein werde „übergangen, ignoriert“. Ein künftiges
Dokumentationszentrum könne „nur unter Einbeziehung von Zeitzeugen
erstellt werden“. Stefan Wolter hat derweil ein weiteres Buch
vorgelegt, indem er seinen „Kampf gegen das kollektive Verdrängen“
schildert und unterstellt, für Prora fehle der Politik jede
Sensibilität. Ihm gilt allein der authentische Ort, er kämpft deshalb
auch gegen die Jugendherberge. In Schwerin hört man die Vorwürfe mit
einer gewissen Ratlosigkeit, auch wenn solche Erfahrungen im Umgang
mit Opfern des SED-Regimes für die Mitarbeiter Alltag sind. Die
Landeszentrale hofft, dass die Vertreter der Bausoldaten wenigstens zu
der Tagung im Dezember kommen. Auch wenn sie dann womöglich neben
ehemaligen Offizieren der DDR-Armee sitzen müssen.
F.A.Z., 05.11.2009, Nr. 257 / Seite 10
Die Freiheit schmeckte nach Pfannkuchen
Die Flucht von 6000 DDR-Bürgern über die Deutsche Botschaft in
Warschau steht im Schatten von Prag und Budapest. Aber auch in Polen
wurde der Mauerfall vorbereitet. Von Rainer Schulze
WARSCHAU, 4. November. Um ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen,
zeichnet Halina Awdziejczyk mit dem Kugelschreiber eine Skizze. Von
ihrem Balkon aus hatte sie damals einen hervorragenden Blick auf die
Deutsche Botschaft am rechten Weichselufer. Jeder Kugelschreiberstrich
weckt eine Erinnerung. Dort stand der mannshohe Zaun, über den
Erwachsene ein Kleinkind warfen, bevor sie selbst in die Freiheit
kletterten. „Das war für mich ein Schock“, sagt die Siebzigjährige und
nimmt den Stift wieder zur Hand. Ein Kreuz: die Kirche, in der heißer
Tee ausgeschenkt wurde. Drei Rechtecke: die Autobusse, die einige
Flüchtlinge in Ausweichquartiere brachten. Die Skizze wird
unübersichtlich, doch die Erinnerungen fließen. Halina Awdziejczyk ist
eine meisterhafte Erzählerin, die wie auf Knopfdruck lossprudelt. „Es
war ein heißer September!“
Für eine Görlitzerin und ihre beiden Kinder schmeckte die Flucht aus
der DDR nach polnischen Pfannkuchen und Apfelmus. Halina Awdziejczyk
erinnert sich noch genau an die kleine Familie, die verängstigt auf
einer Mauer an der Ulica Dabrowiecka kauerte. Frau Awdziejczyk war mit
dem Hund draußen, als sie die Flüchtlinge an der Straßenecke traf. Sie
lud sie zu sich nach Hause ein, kochte Tee und schöpfte den Teig in
die Pfanne, während sich Mutter und Kinder wuschen und umzogen. Dann
gab es Pfannkuchen. „Die gelingen mir immer besonders gut.“ In kleinen
Gruppen erschienen die ersten Flüchtlinge Ende August 1989 in der
Nachbarschaft und fragten sich zur Botschaft durch. „Ängstlich sahen
sie aus.“ Halina Awdziejczyk wusste gleich, dass sie in die Freiheit
wollten. „Der Kommunismus war für uns doch schon vorbei.“
Die etwa 6000 DDR-Bürger, die im Herbst 1989 über Warschau in die
Freiheit flohen, haben im Stadtteil Saska Kempa fast keine Spuren
hinterlassen. Frau Awdziejczyk wohnt hier längst nicht mehr. Und die
Botschaft ist auch umgezogen. Ein Maschendrahtzaun sieht noch so aus
wie damals. Er trennt den Garten, der vor 20 Jahren Witek Szymanek
gehörte, von dem Botschaftsgelände. Unter Büschen verdeckt hat er eine
tiefe Delle. „Hier hat eine verzweifelte, 90 Kilogramm schwere
Deutsche auf einem Brett den Zaun überquert“, sagt Szymanek. „Das war
tragisch und komisch zugleich.“ Eine Delle im Gartenzaun. Das ist
alles, was die Wende in Warschau hinterlassen hat.
Herr Szymanek wohnt heute nicht mehr neben der Botschaft. In der
Vitrine seines Büros, das der Architekt ganz in der Nähe bezogen hat,
lehnt ein DDR-Autokennzeichen. „Mein Andenken.“ Nach und nach füllten
sich im August und September 1989 die Straßen in dem ruhigen
Wohnviertel rund um die Botschaft mit Trabants, Ladas und Wartburgs.
Wie auf einem Gebrauchtwagenmarkt für DDR-Marken. Nur wenige
Zentimeter Platz blieben zwischen den Trabbitüren. „Sie haben die
Autos, auf die sie jahrelang gewartet haben, einfach zurückgelassen.
Wie satt mussten sie dieses System haben“, sagt Szymanek. Die Trabbis
konnten die Flüchtlinge nicht in ihr neues Leben mitnehmen. Einige
eilends herbeigeeilte Autohändler machten das Geschäft ihres Lebens.
„Für ein paar hundert Zloty hat ein Trabbi den Besitzer gewechselt.
Und damals waren das noch gute Autos“, sagt Szymanek. Männer in
schwarzen Lederjacken und Zloty-Bündeln in den Händen hat er in
Erinnerung. Sie warteten fiebrig auf Neuankömmlinge.
Die Stimmung war angespannt. Die Nachbarn hatten nur wenig Kontakt zu
den Flüchtlingen, gelegentlich reichte jemand Süßes oder Äpfel über
den Zaun. „Die ersten freien Wahlen lagen erst ein paar Monate zurück.
Noch nichts war selbstverständlich. Niemand wusste, ob es gut ausgeht
und wie sich die Miliz verhält“, sagt Szymanek. Eine Polin
unterstützte die Mitarbeiter der Botschaft bei den Einkäufen. Das Rote
Kreuz brachte Lebensmittel und Feldbetten. In jeden Besprechungsraum
wurden 60 und mehr Leute einquartiert. Eng zusammengeschoben, bildeten
doppelstöckige Betten ein riesiges Matratzenlager.
Einer derjenigen, der damals die Flucht aus der DDR wagte, ist
Thorsten Heinhold. Der aus der Nähe von Chemnitz stammende
Aufzugmonteur hatte sich im August 1989 im Alter von 22 Jahren ein
Visum besorgt und stieg am 30. September in den Zug nach Warschau ein.
Der Wehrdienst drohte. So entschloss er sich, sein bisheriges Leben
zurückzulassen und „ins Ungewisse zu starten“, wie er sagt. Bequem
fuhr er in die Freiheit, während andere durch die Neiße waten mussten.
Da in der Botschaft kein Platz mehr für ihn war, brachten ihn
Reisebusse in ein nahe gelegenes Ferienheim der Solidarnosc. Am
Seeufer verbrachte er die Tage bis zur Ausreise. „Wir erzählten uns
unsere Fluchtgeschichten“, erinnert er sich. Als am 1. Oktober die
ersten Sonderzüge aus Prag losrollten, war es auch in Warschau so
weit. Die ersten Flüchtlinge bestiegen den Zug in den Westen. Am
Danziger Bahnhof in Warschau fielen Ostmark-Münzen und
Wohnungsschlüssel auf den Bahnsteig. „Wir brauchten sie ja nicht mehr.“
Ohne Johannes Bauch wäre Heinhold nicht in den Zug gestiegen. Der
damalige Gesandte an der Warschauer Botschaft begleitete vom 5. auf
den 6. Oktober gemeinsam mit drei Kollegen den zweiten Zug von
Warschau durch die DDR nach Westdeutschland. Doch der von der DDR zur
Verfügung gestellte Zug war zu kurz, zwei Waggons fehlen. Ein Anruf
bei der polnischen Eisenbahngesellschaft PKP genügte, und zwei weitere
Waggons rollen zum Danziger Bahnhof. Erster Klasse.
In Warschau wurde kein Eiserner Vorhang zerschnitten, hier stand auch
kein Hans-Dietrich Genscher auf dem Botschaftsbalkon. „Es ist ein
Dilemma, dass sich Warschau gegen das spektakuläre Prag und Budapest
behaupten muss“, sagt Bauch. Dabei sei die Situation in Warschau nicht
einfach gewesen. „Die demokratischen Institutionen waren drei Monate
nach der ersten halbwegs demokratischen Wahl noch nicht so vorhanden,
wie wir das heute gewohnt sind.“ Die polnischen Behörden vereinbarten,
dass die DDR-Bürger nicht zurückgeschickt werden. „Wir hätten 6000
Flüchtlinge nie so reibungslos nach Deutschland gebracht, wenn uns die
Polen nicht so unendlich in fast freundschaftlicher Weise geholfen
hätten“, sagt Bauch.
Die von der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit produzierte
Dokumentation „Tschüs DDR. Über Warschau in die Freiheit“, die vor
wenigen Tagen Premiere feierte, erinnert an die Ereignisse. Auch
Halina Awdziejczyk hat in dem Film ihren Auftritt. In der letzten
Szene fragt sie sich, was aus den Flüchtlingen von damals wohl
geworden ist. Thorsten Heinhold meint: „Für mich hat es sich gelohnt.
Ich bin einer der vielen hunderttausend, die das System zu Fall
gebracht haben.“ Trotzdem: Heute lebt er wieder in Chemnitz.
F.A.Z., 05.11.2009, Nr. 257 / Seite 9
Vor allem Arbeiter litten unter der Repression
Eine Studie aus Thüringen zeigt aber, dass die meisten gerne an die
DDR zurückdenken / Von Claus Peter Müller
ERFURT, 4. November. Vor 20 Jahren versank die DDR. Seither blüht die
Verklärung. Das SED-Unrecht indes, das den Opfern des Regimes angetan
wurde, ist kaum ein Thema mehr in der politischen Debatte, obschon es
bis heute fortwirkt. Das offenbart eine Studie des Thüringer
Sozialministeriums, die noch in der Zeit der früheren Sozialministerin
und nunmehrigen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU)
entstand. Laut Lieberknecht litten die Opfer wegen der Bedrohungen,
der Haftbedingungen und des Terrors unter seelischen und körperlichen
Erkrankungen. Wegen mangelnder Gesundheit und Ausbildung sei auch ihre
materielle Lage bis heute unbefriedigend.
Die Studie „zur sozialen Lage der Opfer des SED-Regimes in Thüringen“,
die ihr Amtsvorgänger Klaus Zeh (CDU) in Auftrag gegeben hatte, ist in
Deutschland einmalig. Das Jenaer Zentrum für empirische Sozial- und
Kulturforschung hatte Mitte vergangenen Jahres 1009 Thüringer
Haushalte in einer repräsentativen Untersuchung zu ihrer Meinung über
die DDR, das SED-Unrecht und die Wiedergutmachung befragt. Zudem waren
1200 Opfer angeschrieben und um ein standardisiertes Interview gebeten
worden. 336 der Angeschriebenen antworteten. Schließlich wurden zwölf
Opfer und zehn Fachleute aus der Verwaltung und den Opferverbänden
einzeln befragt.
Die Untersuchung zeigt, dass vor allem Arbeiter das Ziel staatlicher
Repression im SED-System waren. Auch Menschen mit religiöser Bindung
waren eher der Verfolgung ausgesetzt als andere. In der Gruppe aller
40 bis 59 Jahre alten Thüringer sind 44,8 Prozent Facharbeiter, 10,4
Prozent sind Techniker und Meister, 18,1 Prozent besuchten eine
Fachschule, 5,8 Prozent eine Fachhochschule und 11,4 Prozent eine
Hochschule. Unter den Antragstellern auf Rehabilitation wegen
SED-Unrechts derselben Altersgruppe sind 66,9 Prozent Facharbeiter,
8,9 Prozent Techniker und Meister, 9,7 Prozent besuchten eine
Fachschule, 7,3 Prozent eine Fachhochschule und 2,4 Prozent eine
Hochschule. 45 Prozent der befragten Antragsteller auf Rehabilitation
gaben an, religiös gebunden zu sein. 30 Prozent gehörten der
evangelischen Kirche an, elf Prozent der katholischen und vier Prozent
anderen Religionsgemeinschaften. Zur Zeit sind 26 Prozent der
Thüringer evangelisch, acht Prozent katholisch.
Die meisten Opfer sind heute schlechter gestellt als der Durchschnitt
der Bevölkerung. In der Gruppe der 40 bis 59 Jahre alten Thüringer
beträgt für 1,9 Prozent das Nettohaushaltseinkommen weniger als 500
Euro im Monat. 19,9 Prozent verfügen über 500 bis 1000 Euro, 40,2
Prozent über 1000 bis 2000 Euro, 33,2 Prozent über 2000 bis 4000 Euro,
2,2 Prozent über 4000 bis 5000 Euro und 2,6 Prozent über mehr als 5000
Euro. Unter den Antragstellern auf Rehabilitation derselben
Altersgruppe haben 16,8 Prozent weniger als 500 Euro. 29,4 Prozent
verfügen über 500 bis 1000, 26,9 Prozent über 1000 bis 2000, 20,2
Prozent über 2000 bis 4000, fünf Prozent über 4000 bis 5000, 1,7
Prozent über mehr als 5000 Euro.
Ihren Gesundheitszustand bewerteten die Befragten in der Altersgruppe
von 40 bis 59 Jahren zu 39 Prozent als sehr gut oder gut. 42,9 Prozent
schilderten ihren Gesundheitszustand als zufriedenstellend, und 18,1
Prozent beschrieben ihn als nicht gut oder schlecht. Unter den
Antragstellern auf Rehabilitation beschrieben 34,4 Prozent ihren
Gesundheitszustand als sehr gut oder gut, 34,4 Prozent empfanden ihn
als zufriedenstellend, 31,2 Prozent als nicht gut oder schlecht. 33
Prozent der Opfer sind nach amtlicher Feststellung erwerbsgemindert.
Im Durchschnitt der Thüringer Bevölkerung sind das 12,2 Prozent. Die
Wissenschaftler notierten, dass sich in den Einzelinterviews die
befragten Opfer meist nicht äußerten, sondern wegblickten. Statt
dessen antworteten die Ehefrauen. Sie berichteten unter anderem, dass
ihre Männer noch immer von Albträumen geplagt würden.
Die Befragten befürworten einen Anspruch der Opfer auf
Wiedergutmachung zu 41,5 Prozent „vollständig“ und zu 51,3 Prozent
„teilweise“. Nur 3,2 Prozent der Befragten lehnten eine
Wiedergutmachung ab. Gleichwohl ist der Ruf nach einem Schlussstrich
unter die Diskussion um die DDR-Geschichte unüberhörbar. 33,5 Prozent
der Befragten lehnten eine Verlängerung des Anspruchs auf
Entschädigung ab. Die Haltung gegenüber der DDR ist ambivalent. Auf
einer Skala von minus bis plus 5,0 benoteten die Befragten sie mit
plus 0,44 Punkten nur wenig schlechter als die gegenwärtige Lage in
der Bundesrepublik (0,56 Punkte). Die meisten sprechen lieber über
positive Erfahrungen als über negative, wenn sie sich an die DDR
erinnern. Als besonders positiv bewerten sie die Sicherheit des
Arbeitsplatzes. Auch an die Sicherheit vor Kriminalität, die sichere
Zukunft der Kinder, die Möglichkeiten beruflichen Aufstiegs und die
Qualität medizinischer Behandlung denken die Thüringer gerne zurück.
F.A.Z., 05.11.2009, Nr. 257 / Seite 9
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Wir machen auf folgende Sendungen aufmerksam
NDR
12. November 2009, 20:15 Uhr
Eine Herbstreise durch Westpreußen
Die Ruine von Schloss Schönberg bei Deutsch-Eylau …
NDR
13. November 2009, 15:15 Uhr
Eine Herbstreise durch Westpreußen
Die Ruine von Schloss Schönberg bei Deutsch-Eylau …
(Wiederholung v. 12.11.2009)
ARTE
13. November 2009, 20:15 Uhr
Mit dem Zug durch deutsch-tschechische Grenzland
D 2009
BR
16. November 2009, 11:45 Uhr
Geschichten aus Siebenbürgen
MDR
17. November 2009, 13:15 Uhr
Ostpreußens Norden
Dokumentation (1/2)
RBB
17. November 2009, 20:15 Uhr
Immer geradeaus: Von Aachen nach Königsberg
Dokumentation (1/2)
HR
22. November 2009, 1:15 Uhr
Nur geduldet Flüchtlingskinder in Deutschland
Dokumentationsfilm, D 2007
MDR
24. November 2009, 13:15 Uhr
Ostpreußens Norden
Dokumentation (2/2)
RBB
24. November 2009, 20:15 Uhr
Immer geradeaus: Von Aachen nach Königsberg
Dokumentation (2/2)
NDR
27. November 2009, 20:15 Uhr
Sehnsucht nach Kaschubien
PHOENIX
30. November 2009, 21:00 Uhr
Die Kinder auf der Flucht
TV-Dokudrama, 2006 (1/3)
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Massaker der Sowjets bleibt ungesühnt
Rote Armee rächte sich 1945 in Treuenbrietzen
TREUENBRIETZEN – Die Tötung von etwa 1000 Zivilisten nach dem
Einmarsch der Roten Armee in der Kleinstadt Treuenbrietzen am 23.
April 1945 bleibt ungesühnt, ?Wegen eines Verfahrenshindernisses? habe
die Staatsanwaltschaft Potsdam das Verfahren wegen Mordes eingestellt,
teilte Oberstaatsanwalt Helmut Lange mit. Bei dem ?Hindernis? handele
es sich nach einer Stellungnahme des Bundesjustizministeriums um den
Artikel III des Kontrollratsgesetzes Nr. 4 vom 20. Oktober 1945. Er
schloss die Zuständigkeit deutscher Gerichte für strafbare Handlungen
von Militärpersonen der alliierten Streitkräfte oder alliierte
Staatsangehörige aus. ?Nach diesem Gesetz können wir nicht weiter
ermitteln?, sagte der Oberstaatsanwalt. Man wolle jetzt aber prüfen,
ob russische Behörden um Mithilfe gebeten werden sollen.
Der Tagesspiegel hatte vor drei Jahren über die lange tabuisierten
Ereignisse berichtet. Daraufhin stellte das Forum für Aufklärung und
Erneuerung. das sich vorrangig mit den Folgen der DDR-Diktatur
beschäftigt, eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft.
Nach Recherchen eines Heimatforschers trieb die Rote Armee nach einer
Siegesfeier, bei der ein Offizier vermutlich durch einen SS-Mann
erschossen worden war hunderte Zivilisten, vor allem Jungen und
Männer, zusammen, um sie zu töten. Der Tagesspiegel hatte in den 50er
Jahren Treuenbrietzen ?als Stadt ohne Männer? beschrieben. Zu
DDR-Zeiten wurde zwar der Toten gedacht – aber als Opfer eines
Bombenangriffs. Ste.
Tagesspiegel vom 31.10.2009, Seite 13