Meldungen am 3. November 2009

Vergewaltigt und zu Kebab verarbeitet 18. Oktober 2009 Charlene (14) wurde vergewaltigt, zerhackt und zu Kebab verarbeitet. Die Täter kommen straffrei davon. http://www.bz-berlin.de/aktuell/welt/vergewaltigt-und-zu-kebab-verarbeitet-article617103.html ______________________________________________________________________ ?Aktueller Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan; was sie tut und tun müßte!“ General a.D. Dr. Günther Roth ehem. Ltr. des MGFA, Potsdam ehem. Kdr. einer FallschirmjgrBrig. HILTON Berlin am Gendarmenmarkt, Mohrenstr. 30 Mittwoch,dem 11.November; 19:00 ______________________________________________________________________ Haben Sie sich nicht auch schon gewundert, warum in unserer Gesellschaft die Kultur des Hinterfragens immer unrelevanter zu werden scheint? Wir haben doch als Kinder alle einmal den folgenden Reim mitgesungen: ?Wer?, wie?, was?, wieso?, weshalb?, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm!? Wie konnte dieser so wichtige Satz nur in Vergessenheit geraten? Das Internetportal www.nuoviso.de versucht dies zu ändern. ______________________________________________________________________ Eine Lehre von der Feindschaft in der Welt Carl Schmitts politische Theologie und ihre Bedeutung für die Gegenwart http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/eine_lehre_von_der_feindschaft_in_der_welt_1.3914871.html ________________________________________________________________________ Eine interessante Seite: http://www.teleboom.de/html/lichtfamilie.html Man klicke dann auf die linksseitige Verbindung: Deutschland ___________________________________________________________________________ Zentralrat der Juden: Broders Kritik ungehörig bin. Frankfurt, 22. Oktober. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Graumann, hält die Bewerbung des Publizisten Henryk Broder für das Präsidentenamt des Zentralrats für wenig erfolgversprechend. Broder habe sich bisher nicht in der Gemeindearbeit engagiert, sagte Graumann am Donnerstag dieser Zeitung. Broders Kritik an der Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch wies Graumann als „ungehörig und falsch“ zurück. (Siehe Seite 4.) F.A.Z., 23.10.2009, Nr. 246 / Seite 1 „Die Kritik ist ungehörig“ Zentralrat der Juden reagiert auf Henryk Broder bin. FRANKFURT, 22. Oktober. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Graumann hat am Donnerstag die Kritik des Publizisten Henryk Broder an der Zentralratspräsidentin, Charlotte Knobloch, und dem Generalsekretär des Zentralrats, Kramer, zurückgewiesen. Broder hatte in einem Artikel in der Zeitung „Tagesspiegel“ über Frau Knobloch geschrieben, „die Präsidentin – intern Tante Charly genannt – scheint von dem Job überfordert“. Kramer versuche, den Bedeutungsverlust des Zentralrats durch „sinnfreien Aktionismus“ auszugleichen. Der Zentralrat trete als „Reue-Entgegennahme-Instanz auf“ und befinde sich in einem erbärmlichen Zustand. Seine inflationären Stellungnahmen würden kaum noch wahrgenommen. Er, Broder, wolle sich daher im kommenden Jahr als Nachfolger von Frau Knobloch bewerben. Als Präsident würde er sich dafür einsetzen, dass die Leugnung des Holocausts kein Straftatbestand mehr sei. Der Vizepräsident des Zentralrats Graumann verwahrte sich gegen die persönlichen Angriffe auf Frau Knobloch und Kramer. Diese seien „ungerecht, ungehörig und falsch“, sagte Graumann dieser Zeitung. In dem Artikel hatte Broder auch behauptet, Graumann und der zweite Vizepräsident des Zentralrats, Korn, belauerten einander. Auch diese Einschätzung wies Graumann zurück: „Wir arbeiten nicht nur kollegial, sondern freundschaftlich zusammen.“ Broder habe in dem Artikel allerdings auch legitime Kritik am Zentralrat geübt. „Wir kritisieren deftig, dann müssen wir uns das auch anhören.“ Selbstverständlich könne Broder auch für das Präsidentenamt kandidieren. „Broder hat alle Chancen, Aufmerksamkeit zu bekommen“, äußerte Graumann. Eine reelle Chance, gewählt zu werden, habe Broder jedoch nicht. Broder habe sich bisher nicht in der jüdischen Gemeindearbeit engagiert. Graumann wies darauf hin, dass die jüdischen Gemeinden in Deutschland vor gewaltigen Herausforderungen stünden: 90 Prozent der etwa 110 000 Mitglieder seien nach 1989 aus der früheren Sowjetunion eingewandert. Der Präsident des Zentralrats müsse daher sehr viel nach innen arbeiten und unterschiedliche Interessen zusammenführen. Graumann sagte, Broder sei ein brillanter Journalist, aber er suche stets den Konflikt und nie den Konsens. F.A.Z., 23.10.2009, Nr. 246 / Seite 4 Egon Krenz, früherer SED-Spitzenfunktionär, hat in einem Brief an Bundespräsident Horst Köhler eine andere Bewertung der DDR-Geschichte gefordert. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall seien frühere DDR-Bürger noch immer politisch ausgegrenzt und sozial benachteiligt, zitierte Krenz am Samstag im brandenburgischen Petershagen nahe Berlin aus seinem Schreiben vor mehreren hundert früheren DDR-Grenzsoldaten. dpa Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.10.2009, Nr. 43 / Seite 8 Bündnis von Rechtsextremen R.O. WIEN, 25. Oktober. In Ungarn haben am Wochenende fünf rechtsextreme Parteien einen Verbund der „Europäischen Nationalen Bewegungen“ gegründet. Die Gründungsvereinbarung haben außer der ungarischen Partei Jobbik der Front National (Frankreich), die Fiamma Tricolore (Italien), die schwedischen Nationaldemokraten sowie der wallonische Front National aus Belgien unterzeichnet. Die Gründung des Zusammenschlusses wurde während eines Parteitages von Jobbik beschlossen; die Partei war bei der Europawahl im Juni in Ungarn auf Anhieb drittstärkste Partei geworden und hat drei Abgeordnete im Europäischen Parlament. Nach Angaben des stellvertretenden Jobbik-Vorsitzenden und Europaabgeordneten Zoltán Balczó hat auch die Britische Nationalpartei (BNP) ihre Beitrittsabsicht erklärt. Zudem gebe es Verhandlungen mit der österreichischen FPÖ sowie mit spanischen und portugiesischen Rechtsparteien. Der Verbund stehe nicht in Gegnerschaft zu Europa, sondern habe die Schaffung eines „Europas aus freien, unabhängigen, gleichberechtigten Staaten“ zum Ziel. Man wende sich daher gegen alle auf die Gründung eines über den europäischen Nationen stehenden Bundesstaates gerichteten Bestrebungen. In der Gründungserklärung heißt es, die Parteien wollten Europa „vor Bedrohungen wie Terrorismus sowie religiösem, politischem, wirtschaftlichem oder finanziellem Imperialismus schützen“. Sie empfehlen „den Völkern des Kontinents, gemeinsam gegen soziales Dumping sowie die zerstörerischen Folgen der Globalisierung zu kämpfen“. Der Vizepräsident des französischen Front National, Bruno Gollnisch, sagte, das Bündnis zeige, „dass Nationalismus nicht zu Krieg führt“. F.A.Z., 26.10.2009, Nr. 248 / Seite 7 Gegen Karl-Heinz Kurras wird wieder ermittelt. Einen Bericht des Magazins „Focus“ bestätigten sowohl die Bundesanwaltschaft als auch die Generalstaatsanwaltschaft Berlin. Der heute 81 Jahre alte pensionierte Kriminalbeamte Kurras hatte 1967 den Studenten Ohnesorg erschossen. Erst Ende Mai 2009 wurde bekannt, dass sich Kurras 1955 gegenüber dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR verpflichtet hatte, die West-Berliner Polizei auszuspähen. Eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft sagte, es werde derzeit geprüft, ob Kurras noch bis Ende November 1989 Staatsgeheimnisse an die DDR verraten habe. Bislang waren die Ermittler davon ausgegangen, dass die Spionagetätigkeit von Kurras nach den Schüssen auf Benno Ohnesorg endete. dpa Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.10.2009, Nr. 43 / Seite 8 Neue Ermittlungen gegen Kurras Mehr als 40 Jahre nach den tödlichen Schüssen auf Benno Ohnesorg wird gegen den früheren West-Berliner Polizisten und Stasi-Agenten Karl-Heinz Kurras neu ermittelt. Sowohl die Bundesanwaltschaft als auch die Berliner Generalstaatsanwaltschaft überprüften einen gegen Kurras bestehenden Spionage- und Mordverdacht, bestätigten Sprecher der Behörden am Wochenende einen Bericht der Zeitschrift „Focus“. Geprüft werde, ob Kurras noch bis Ende November 1989 Staatsgeheimnisse aus der Bundesrepublik an die DDR verraten habe, sagte eine Sprecherin der Karlsruher Behörde am Samstag. In Berlin prüft die Generalstaatsanwaltschaft, ob die Verfahren gegen Kurras wiederaufgerollt werden müssen. Sie sei wegen mehrerer privater Anzeigen gegen Kurras von Amts wegen dazu verpflichtet, sagte eine Sprecherin. (dpa F.A.Z., 26.10.2009, Nr. 248 / Seite 7 „Pro Köln“ klagt gegen Auflagen Die Partei „Pro Köln“, die vom Verfassungsschutz wegen des Verdachts auf Rechtsextremismus beobachtet wird, klagt fünf Monate nach ihrem „Anti-Islamkongress“ gegen damalige Auflagen und Verbote der Polizei. Mit sechs Klagen werde sich das Kölner Verwaltungsgericht am kommenden Donnerstag zu befassen haben, sagte ein Gerichtssprecher am Freitag. In zwei Fällen hatte die Polizeiführung eine Kundgebung im Zentrum der Stadt untersagt. Zudem waren ein Demonstrationszug durch Köln und eine Busfahrt zur geplanten und beschlossenen Moschee verboten worden, gegen deren Bau „Pro Köln“ protestiert. (dpa) F.A.Z., 24.10.2009, Nr. 247 / Seite 4 Wie viele Minarette verträgt die Schweiz? Eine rechtskonservative Volksinitiative hat eine Abstimmung erzwungen. Das Land ist gespalten. Anstoß erregt vor allem ein Plakat Von Jürgen Dunsch Zürich. Es geht um die Fremden. In Genf hat eine Bürgerbewegung, die gegen den Zustrom von Grenzgängern aus Frankreich polemisiert, bei den jüngsten Wahlen ihren Stimmenanteil glatt verdoppelt. Sie schlug dabei sogar die Schweizerische Volkspartei (SVP) um Längen, deren Kerngeschäft sonst die „Ausländerbegrenzung“ ist. Was nichts heißen will, denn die SVP ist gleichwohl bei diesem Thema wieder einmal an der Spitze. Zusammen mit der Splitterpartei Eidgenössisch-Demokratische Union (EDU) wirbt sie für eine Annahme der sogenannten Anti-Minarett-Initiative, die den Bau solcher Türme in der Schweiz verbieten will. Abgestimmt wird zwar erst am 29. November, aber schon jetzt reden sich die Schweizer die Köpfe heiß über das Ansinnen. Wie immer, muss man sagen, wenn es um Ausländerfragen geht. Die SVP, mit nahezu 30 Prozent die wählerstärkste Partei des Landes, widmet sich dem Minarett-Thema mit Wonne, wobei der goldgekrönte Turm in Neuenburg damit nicht gemeint ist. Dieses Minarett hatte im 19. Jahrhundert der spleenige Schokoladenpionier Philippe Suchard nach einer Orientreise für sich gebaut. Der Vorstoß richtet sich gegen islamische Gotteshäuser mit einem solchen Anbau. Nicht überraschend steht an der Spitze des Initiativkomitees mit Walter Wobmann ein Parlamentsabgeordneter der SVP. Seine Kampagne sorgt seit Wochen für erhöhte Aufmerksamkeit. Grund ist vor allem das offizielle Plakat, das im Vordergrund eine schwarz verhüllte Frau zeigt und im Hintergrund auf der Schweizer Nationalflagge Minarette, die Raketen ähneln. „Moscheen gleichen nun einmal unbeabsichtigt Raketen“, findet Wobmann. Andernorts vertritt man eine entgegengesetzte Meinung. Für die Stadt Basel ist das Plakat „rassistisch“, sie hat daher verboten, es auf öffentlichem Grund zu hängen. Ideengeber für das Plakat ist übrigens ein Deutscher: Der in Hamburg aufgewachsene Alexander Segert arbeitet seit 14 Jahren für die SVP, seit sieben Jahren ist er Geschäftsführer der Agentur Goal in Dübendorf. Mit dem Minarett-Motiv setzt Segert eine SVP-Tradition aggressiver Plakate fort. In Erinnerung ist zum Beispiel die „Volksinitiative für die Ausschaffung krimineller Ausländer“ vor zwei Jahren. Da kickten weiße Schweizer Schafe ein schwarzes (Ausländer-)Schaf aus dem Land. Segert, der in diesem Sommer auch den Wahlkampf der rechtspopulistischen FPÖ im österreichischen Vorarlberg organisierte, hat damit offenbar kein Problem – ganz im Gegenteil. Der Zürcher „Tages-Anzeiger“ zitiert ihn mit dem Bekenntnis, sofern gewünscht, würde er sogar eine Kampagne mit dem Slogan „Deutsche raus“ konzipieren. Segerts Werbekampagnen zielen auf die „direkte Demokratie“, auf welche die Schweizer stolz sind. Sie ist auch ein Grund dafür, dass sie nichts von einem EU-Beitritt halten. Das Volk stimmt nicht nur über lokale Bauvorhaben, kantonale Steuern oder die nationale Aufweichung des Bankgeheimnisses ab, sondern über all jene Themen, für welche die notwendige Anzahl von Unterschriften zusammenkommt. Auch wenn einige Initiativen, die am Abstimmungstag in den allermeisten Fällen abgelehnt werden, dem Bild der Schweiz als tolerante, mehrsprachige Gemeinschaft widersprechen, gehöre dies zur Volkssouveränität, sagen die Eidgenossen. Bei der Anti-Minarett-Initiative kommt ein weiteres Element hinzu. Es geht ja nicht allein um den Bau von Minaretten, sondern um ein Zeichen gegen die „schleichende Islamisierung“, wie die Abstimmungsprotagonisten ein ums andere Mal suggerieren. Kirchtürme neben Minaretten, das ist für sie keine echte Gleichung. Dabei entstand die erste Moschee samt Gebetsturm schon 1963 in Zürich – dies gar nicht weit weg von einer Kirche. Seitdem sind drei Minarette hinzugekommen. Weitere Anträge beschränken sich bisher auf zwei Standorte von Moscheen. Auch sonst stellt sich die angebliche Bedrohungslage einigermaßen entspannt dar. In der ganzen Schweiz leben schätzungsweise 400 000 Muslime, das wären etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Die Konflikte mit dieser Bevölkerungsgruppe ragen ebenfalls nicht besonders hervor. Muslime sind auch sehr willkommen, etwa bei den Genfer Privatbanken als Geldanleger aus dem Nahen Osten. In der Gegenbewegung zur SVP-Kampagne sind nahezu alle anderen großen politischen Gruppierungen vereint. Hierzu gehören die Sozialdemokraten als die zweitstärkste Partei in der Schweiz, die bürgerlichen Parteien FDP und CVP ebenso wie die Grünen und Grün-Liberalen, viele Verbände und Hilfswerke. Für sie ist das Begehren diskriminierend, rechtswidrig und löst keine Probleme, ganz abgesehen von dem negativen Bild, das die ohnehin an vielen Stellen bedrängte Schweiz im Ausland abgebe. Dort sind denn auch erste negative Stimmen laut geworden, das Menschenrechtskomitee der Vereinten Nationen beispielsweise nahm Anstoß an der „erschreckenden Plakatkampagne“. Zugleich ist die Regierung in Bern in eine ziemliche Schieflage geraten. Sie und die Parlamentsmehrheit befinden sich auf einer nach außen schwer vermittelbaren Gratwanderung. Ihrer Meinung nach gefährdet die Anti-Minarett-Initiative den religiösen Frieden im Land, verstößt gegen Grundrechte in der Verfassung und gegen allgemeine Menschenrechte. Aber zwingendes Völkerrecht – wie das Verbot von Folter, Völkermord oder unmenschlicher Behandlung – werde nicht verletzt. Man müsse die Abstimmungskampagne politisch bekämpfen, lautet die Schlussfolgerung. Wogegen wiederum einzelne Parlamentarier und Fachleute wie der emeritierte Staatsrechtler Thomas Fleiner aus Fribourg Front machen: Die Religionsfreiheit sei Teil des zwingenden Völkerrechts, sagen sie, die Initiative sei daher zu verbieten. Aber: Seit der Gründung des Bundesstaats 1848 hat das Parlament erst vier Volksbegehren für ungültig erklärt. Die einzelnen Städte kämpfen unterdessen mit der ganz praktischen Frage, ob sie die Minarett-Plakate der Minarett-Gegner auf öffentlichem Grund zulassen oder nicht. Meinungsfreiheit und religiöse Diskriminierung werden dabei unterschiedlich gewichtet. Lausanne, Neuenburg und Fribourg zum Beispiel sagen wie Basel nein, andere wie Zürich, Luzern und Genf sagen ja. Bern glaubt eine besonders schlaue Lösung gefunden zu haben. Die Stadt empfiehlt der Plakatgesellschaft APG, die „diskriminierenden Plakate“ nicht aufzuhängen, überlässt aber die Entscheidung dem Unternehmen. Was die Stimmbürger denken, ist noch unklar. Auf jeden Fall können die Minarett-Gegner mit einem substantiellen Stimmenanteil rechnen. Die Regierung beugt schon einmal für den Notfall vor. Da die Initiative Normen der Europäischen Menschenrechtskonvention und des UN-Pakts über bürgerliche und politische Rechte verletze, sagt die zuständige Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf, dürfte eine Umsetzung „nicht ganz einfach werden“. Für Leute wie den SVP-Parlamentarier Lukas Reimann ist das ein „Totschlagargument“. Bis zum 29. November wird er aber kaum zu einem Blick über die Grenze zu gewinnen sein. Dabei richtet sich in allen Nachbarländern der Schweiz der Bau von Minaretten einzig nach den allgemeinen Bauvorschriften und den Vorgaben der Raumplanung und des Denkmalschutzes. Das schließt aber aufreibende Konflikte mit den nichtmuslimischen Anwohnern nicht aus. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.10.2009, Nr. 43 / Seite 7 Willkommen im Landerziehungsheim! Elite oder Avantgarde? Ulrich Raulffs Buch über das Nachleben des Dichters Stefan George Die Wege zwischen Elite und Avantgarde sind verschlungen, aber manchmal unheimlich kurz. Die Geschichte von dem Säbel, den Oberfähnrich Schenk Graf von Stauffenberg, 1929 Jahrgangsbester der Kavallerie an der Kriegsschule des Heeres in Hannover, als Auszeichnung erhielt, beschreibt so einen unheimlichen Weg: Ende des vergangenen Jahrhunderts wurde der stauffenbergsche Ehrensäbel von einem gewissen Herbert Mies, der als Rentner in Mannheim lebte, einem rheinischen Museum übergeben, das sich der Geschichte der Bundesrepublik widmet. Das sind erst einmal nicht mehr als zwei Namen mit unterschiedlichem Bekanntheitsgrad. Sie werden aber für jemanden, der wie der Autor dieser Zeilen in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre in der sozialistischen Schülerbewegung an einem Gymnasium in der Nähe von Hannover aktiv war, sofort zu einem unheimlichen Erinnerungsfaden. Herbert Mies, das war damals der ewige Vorsitzende der 1968 als Nachfolgeorganisation der 1956 verbotenen KPD neu gegründeten Deutschen Kommunistischen Partei (DKP). Mies war für alle, die sich als undogmatische Linke verstanden, so etwas wie das Schreckgespenst des ewigen Bürokommunisten, dessen Utopie sich zuerst an der Pünktlichkeit der Schweizer Post orientierte. So einer mochte als Avantgarde der Werktätigen ja seinen Sinn haben. Für das, was wir wollten (keine Macht für niemand), war dieser Herr mit seinem immer gleichen Anzug aber sterbenslangweilig und zugleich irgendwie bedrohlich. In gewisser Weise genauso bedrohlich wie Schenk von Stauffenberg, der uns gerade von jenen Geschichtslehrern als leuchtendes Beispiel des deutschen Geistes vorgehalten wurde, die die Nazis aufrichtig hassten, methodisch aber noch nicht einmal in der Weimarer Republik angekommen waren. Unheimlich heimlich Der Zusammenhang zwischen Mies und Stauffenberg, von dem Ulrich Raulff in seiner gerade erschienenen George-Studie „Kreis ohne Meister“ gleich zu Anfang berichtet, lässt die sozusagen schon immer befürchtete Verbindung von deutschem DDR-Kommunismus und Preußentum zur Gewissheit werden. Es gehört, um das vorwegzunehmen, zu den Eigenheiten dessen, was Raulff in diesem Buch erzählt, dass es so viele Punkte der Geschichte der Bundesrepublik berührt, dass es für politisch, sozial und historisch interessierte Leser fast unmöglich scheint, nicht irgendwo auch selbst berührt zu werden und als Autor in dieses Buch hineinsprechen zu wollen. Ein Wunder ist das nicht. Ulrich Raulff gehört selbst zu den Figuren der alten Bundesrepublik, die aus den Verirrungen der in Gewalt oder Kaderparteien steckenden Linken einen Weg wiesen. Raulff war hierzulande einer der ersten Übersetzer der Arbeiten des französischen Philosophen Michel Foucault. Und auch wenn er über die Stationen als Feuilletonchef der F.A.Z., als leitender Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, mittlerweile als Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, so haben Raulffs Wahrnehmung und Methodik vieles von dem, was der französische Philosoph von Wahrheit, Sexualität und Gegengeschichte praktiziert hat, mitgenommen und angewendet. Raulffs erklärtes Vorhaben ist es, eine Geschichte des Nachlebens des „geheimen Deutschlands“ zu schreiben. Als „geheimes Deutschland“ hatte sich der Kreis um den am 4. Dezember 1933 verstorbenen Dichter Stefan George verstanden. Für Raulff sieht es so aus, dass dieses geheime Deutschland aber erst mit dem Tod Georges zu leben begann. Deshalb heißt das Buch „Kreis ohne Meister“, deshalb geht es um das Nachleben Georges. Der Bogen, in den Raulff dieses Nachleben spannt, beginnt mit einem Zitat aus Sigmund Freuds Abhandlung über „Das Unheimliche“ aus dem Jahr 1919. „Unheimlich ist irgendwie eine Form von heimlich“, schreibt Freud darin. Von da aus sind es dann im Buch etwas mehr als fünfhundert Seiten, bis man in Frankfurt am Main Ende der sechziger Jahre auf den Adorno-Schüler Hans-Jürgen Krahl trifft. Der „Robespierre von Bockenheim“, wie der 1970 bei einem Autounfall ums Leben gekommene Theoretiker von Konstitution und Klassenkampf auch wegen seiner rhetorischen Schärfe genannt wurde, zog mit seiner ganzen Habe in zwei Plastiktüten, darunter die zweibändige rote George-Ausgabe, durch das Frankfurter Westend und schlief jede Nacht woanders. Der unbehauste Krahl hatte dabei eine Geschichte hinter sich, die man auch als Spiegel eines Teils des Wirkungsspektrums von George selbst lesen kann. Bevor Krahl einer der einflussreichsten Theoretiker der Achtundsechziger wurde, war er auf dem Gymnasium in der Nähe von Hannover am rechten Rand tätig und auf der Seite des oben bereits beschriebenen Lehrertypus zu finden. Etwa zur gleichen Zeit sitzt in Marrakesch mit Robert von Steiger einer der letzten Freunde Georges und unterhält, in bescheidenen Verhältnissen lebend, Durchreisende mit detailreichen Geschichten auch über die homosexuellen Praktiken Georges. Von Steiger hatte mit anderen die Totenwache Georges gehalten, er ging hinter seinem Sarg und musste 1940 die Schweiz wegen seiner Homosexualität verlassen. Danach lebte er an verschiedenen Orten Europas und in Marokko. Raulff setzt diese Nachrichten in eine Fußnote. Mit dem Jahr 1968 will er seine Geschichte um Georges Nachleben beenden. Eine direkte Fortwirkung sieht er danach nicht mehr. Raulff hatte aber mit Hellmut Becker längst eine der schillerndsten Figuren der bundesrepublikanischen Bildungspolitik überhaupt eingeführt. Hellmut Becker war Anfang der sechziger Jahre Gründungsdirektor des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung, Mitglied des Deutschen Bildungsrates und der Denker der deutschen Bildungsreformen im Zuge der Babyboom-Generation. Immer wieder erzählte Becker von seiner persönlichen Urszene, als er im Jahr 1932 in Freiburg fast ein ganzes Semester ausschließlich mit der Interpretation der Gedichte Georges verbracht hatte. Das war ihm Anlass, in feierlichen Reden die Wiederaufnahme der Gedichte in den Kanon der Schulen zu fordern. Dabei müsse die hermetische Form von Georges Dichtung durch eine gewisse Einführung, die auch ruhig ein Stück Verführung sein dürfe, aufgelöst werden. Meister elitären Dünkels Etwas Verführung habe immer dazugehört, wenn mit George die Bildung und Erziehung junger Menschen in den Blick komme, notiert Raulff dazu. Und weiter: Auch wenn sich die (homo-)sexuelle Konnotation, die bei George zur Initiation in seinen Kreis gehörte, über die Jahre der Bundesrepublik verflüchtigt und der freien Rede über Sexualität Platz gemacht habe, sei der gesamten Bildungsreform immer auch der georgesche Elitismus zugrunde gelegen. Der härteste Satz seines Buches lautet: „Die Erziehung der Bildungsreformer war ein durch und durch elitäres Projekt, ersonnen von sendungsbewussten Angehörigen der Eliten, die für die Massen und massengerecht zu handeln meinten, während sie in Wahrheit an Chiron und Achill dachten und Ideen generalisierten, die großenteils aus der Reformschulbewegung stammten: die Bundesrepublik, ein Landerziehungsheim.“ Und von hier aus, vom georgeschen Elitismus als Kern der Bildungsreform, reicht ein Strang bis in die heutigen Bildungskonzepte, mit dem einen Unterschied: Von Massen mag niemand mehr sprechen, nur noch von Exzellenzen. Die Entkleidung der Bildungsreformer als Meister des elitären Dünkels hat Raulff durch eine andere Richtigstellung im Geiste der alten Avantgarde-Ideen vorbereitet: Der 20. Juli als ein Geschichtszeichen aus dem Geiste Georges wird als Erfindung entlarvt. Erfunden wurde die Legende von Stauffenberg als sozusagen vom George-Geist gesteuertem Widerstandskämpfer von der ehemaligen „Zeit“-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, gemeinsam mit ihrem Doktorvater Edgar Salin. Salin, ein deutsch-jüdischer Schüler Georges, der in der Schweiz Nationalökonomie lehrte, hatte gleich nach dem Krieg angefangen, in Zeitschriftenaufsätzen den 20. Juli als eine Gegenrevolution, eine „Revolte des deutschen Geistes“ zu beschreiben. Seine Energien bezog dieser deutsche Geist vor allem vom ostpreußischen Adel, der bei Salin zu einer „aufrechten, geschlossenen Opposition“ gegen den Nationalsozialismus wurde. Dies hat der ostpreußischen Gräfin so gut gefallen, dass sie nie müde wurde, die salinsche Version des deutschen aufrechten Geistes aus Ostpreußen auszuschmücken und weihevoll unter die Leute zu bringen. Dies ging so weit, dass die beiden auch noch Stauffenbergs letzte Worte vor dem Erschießungskommando umschrieben. Aus „Es lebe unser heiliges Deutschland“ wird bei Dönhoff-Salin „Es lebe das Geheime Deutschland“ oder, etwas lautverschoben, das „heimliche Deutschland“. Raulff lässt an diesem Duo des deutschen Geistes kein gutes Haar. Er hat damit aber gleichzeitig auch ein treffendes Beispiel für Freuds Wendung vom Unheimlichen ins Heimliche gefunden. Um das Heimliche geht es auch in einer anderen Linie der verästelten georgeschen Wirkung, diesmal aber mit Raulffs ganzer Sympathie. Der nach Amerika ausgewanderte George-Schüler und Mittelalter-Historiker Ernst Kantorowicz findet in Raulff seinen nachgeborenen Meister. Kantorowicz, der zuerst in Berkeley, später in Princeton lehrte, suchte nach einer Geschichtsschreibung, die alle Ebenen der Wirklichkeit, damit auch die Irregularitäten des Lebens und der Geschichte zu fassen erlaubt. Das ging natürlich nicht nur mit Reflexion und Worten, es musste etwas hinzukommen. Dafür entlieh Kantorowicz aus der Biologie den Begriff der Ökologie. „Ökologie“ stand von nun an in der Geschichtsschreibung für alles, was kompliziert und rätselhaft war. In Amerika war damit über George die Ökologie in den Geist eingezogen, eine Linie, die bis heute nicht nur schöne, sondern auch fruchtbare Blüten trägt. Raulff schätzt an Kantorowicz auch die literarisch inspirierte Geschichtsschreibung. Seinem eigenen Werk hat dieser Einfluss gutgetan. Unter den abstürzenden Einflusslinien Georges, denen Raulff bis 1968 in allen nur denkbaren Richtungen folgt, ist dies eine, der man noch immer nachfahren kann. CORD RIECHELMANN Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.10.2009, Nr. 43 / Seite 24 Wider die Konfektionsgröße Europa vor 1914: Philipp Blom möchte mit seiner Reportage das Bild von der guten alten Zeit korrigieren Vor einem Vierteljahrhundert schrieb die Grande Dame der amerikanischen Historiker mit Breitenwirkung, Barbara Tuchman, eine Reportage über das Europa der Vorkriegszeit: „Der stolze Turm“. Die Sammlung von Essays reichte von Richard Strauss über die Dreyfus-Affäre in Frankreich bis zu den Weekends der englischen Aristokratie. Viele dieser Topoi begegnen uns auch in den Kapiteln von Philipp Blom wieder – mit dem einen Unterschied, Blom möchte sein Buch ganz explizit nicht als eine Geschichte der Vorkriegszeit aufgefasst wissen, nicht mit „teleologischen Vorurteilen“ an sie herangehen. Der Leser möge sich vorstellen, er wüsste „nichts vom Mord in Sarajevo, von der Schlacht an der Somme“. Daher versucht er uns nicht auf Schritt und Tritt eine neue Lesart zu präsentieren, warum alles so kommen musste, sondern versteht es, den Leser aufs Glatteis zu führen: So geht es bei „Wagners Wahn“ mitnichten um Richard, sondern um einen Namensvetter, der sich als schwäbischer Amokläufer in die Annalen einschrieb. Beim „politischen Mord 1914″ geht es nicht um Franz Ferdinand, sondern um die zweite Frau eines französischen Ex-Premiers, Madame Caillaux, die kurzerhand einen Chefredakteur über den Haufen schoss, der in ihrem Vorleben schnüffelte. Eine zweite gedankliche Operation beruht vielleicht mehr auf einem Missverständnis. Blom möchte das Bild von der „guten, alten Zeit“ korrigieren, nicht im Sinne desjenigen, der allzu souverän über den Vorurteilen der Vergangenheit thront, weil er so sehr in seinen eigenen gefangen ist, sondern weil er damit die Vorstellung einer ruhigen, konservativen, statischen Zeit verbindet. Deshalb auch der Buchtitel, der etwas unglücklich übersetzt wurde: „The Vertigo Years“ soll den Rausch der Geschwindigkeit symbolisieren, der Übelkeit verursacht, wie das unscharfe Foto des Rennautos auf dem Titelbild. „Der taumelnde Kontinent“ ruft da ganz andere, mehr frühmorgendliche Assoziationen hervor. Die gute alte Zeit war eben deshalb so gut, weil sie dynamisch war, sprich: von einem rasanten Wirtschaftswachstum geprägt, während das Europa danach, für vierzig Jahre, von 1913 bis 1953, ökonomisch stagnierte – aus offenkundigen Ursachen. Freilich, Blom ist kein Wirtschaftshistoriker – und auch kein Fachmann der politischen Geschichte, wie Barbara Tuchman das war. Vom Schlieffenplan verstand sie mehr. Bloms politische Interpretationen sind oft erstaunlich naiv oder gewagt. Die sozialpsychologische Schiene erklärt komplexe historische Konstellationen nur unzureichend. Jede Generation stellt neue Fragen an die Geschichte: Ob die gefährdete „männliche Identität“ – eine von Bloms Lieblingsthemen – viel zum Verständnis der Dreyfus-Affäre beiträgt (wie das eine amerikanische Dissertation vorgibt), ließe sich dennoch bezweifeln. War zwischen 1900 und 1914 die „vielleicht profundeste Umwälzung der Lebenswelt der Wandel im Verhältnis zwischen Männern und Frauen“ – oder behauptet das bloß jede Generation aufs neue, vom erzwungenen Emanzipationsschub der Kriegsjahre bis zum Pillenknick? Bleiben wir beim „Vielleicht“. Der Kulturhistoriker hält sich an das Einfühlungsvermögen der Künstler – und gerät gerade dadurch auf die Abwege der ausgetretenen Pfade, wie zum Beispiel im Abschnitt über seine Wahlheimat Österreich, der altbekannte Klischees aus Freud, Zweig und Musil reproduziert. Dafür stößt man gleich danach auf einen Adel nach nationalem Proporz (den es just dort nicht geben konnte) oder auf Englisch als Kommandosprache in k. u. k. Regimentern (da wird eine hübsche Anekdote verallgemeinert). Die Gefahr von Rückübersetzungen unterstreicht der Begriff Tschechien – den es damals nicht gab und den damals gerade die Tschechen weit von sich gewiesen hätten – oder der biedere Minister für Unterricht und Kultus, der zu einem bedrohlich mit dem Zeigefinger wackelnden Erziehungsminister mutiert, ebenso wie das alte Badenser Geschlecht Marschall von Bieberstein zu martialischen Preußen. Beckmesser werden da voll auf ihre Kosten kommen. Doch all diese Mängel werden wettgemacht durch den Enthusiasmus Bloms für seinen Gegenstand, durch den Abwechslungsreichtum seiner Exkurse, den Blick für kuriose, aber doch wiederum bezeichnende Details, Absurditäten und Schrullen: Vom ersten Gefrierschiff 1884, das endgültig die Krise der europäischen Landwirtschaft einläutete, und den neogotischen Wellblechkapellen, die englische Missionare nach Übersee exportierten, über das letzte politische Duell in Frankreich (das erst 1967 stattfand) und den Alkoholtod des Baby-Alligators von Sarah Bernhardt, bis zu prägnanten Zitaten, die es sich zu merken lohnt, so George Orwells höchst aktuelle Klage: „Jeder Fruchtsaftapostel und Sandalenträger glaubt heutzutage eine politische Botschaft zu haben.“ Dabei hatten es derlei sektiererische Weltverbesserer gerade im frivol-republikanischen Frankreich schwer; im liberalen England war die Kulturszene weit konservativer als auf dem Kontinent. Das Verhältnis von Sein und Bewusstsein war komplexer, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Immer für eine Überraschung gut und keinem ideologischen Schema verpflichtet sind auch Bloms Vorlieben und Antipathien. Er liebt Edward VII. nicht – diese „kugelförmige Verkörperung eines dekadenten Weltreiches“ -, nimmt Kipling in Schutz und geißelt dafür den königlich belgischen Kongo im Kautschukfieber, mit seinen prästalinistischen Ablieferungsquoten bei Strafe der Mutilation, als Schauplatz des „größten Völkermordes der Geschichte“. Bloms „Europa 1900-1914″ ist in erster Linie eine Reportage der „chattering classes“, die „aussprachen, was jahrhundertelang nur von wenigen angedeutet worden war“. Vielleicht ist gerade deshalb sein Buch amüsanter und unterhaltender zu lesen als so manche kondensierte Sozialstatistik, auch wenn sich die Welt nicht auf den literarischen Diskurs reduzieren lässt: „Die Intellektuellen mochten nach einem Ausweg aus der westlichen Kultur suchen, aber die meisten ihrer Zeitgenossen suchten einen Weg hinein.“ Daraus ergab sich das Dilemma, das auch Kulturrevolutionären späterer Epochen nicht erspart bleibt: Der „Kult des Ich und die gleichzeitige Existenz als Konfektionsgröße“. Lothar Höbelt Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914. Carl Hanser Verlag, München 2009. 528 S., 25,90 [Euro]. F.A.Z., 26.10.2009, Nr. 248 / Seite 8 Mussolini britischer Agent Benito Mussolini stand während des Ersten Weltkriegs in Diensten des britischen Geheimdienstes MI 5. Der spätere Faschistenführer wurde dafür entlohnt, dass er in seinem sozialistischen Journal Stimmung für die Fortsetzung des Krieges machte. Sein damaliger Verbindungsagent Sir Samuel Hoare unterschrieb später als britischer Außenminister das Abessinien-Abkommen, das dem Diktator Mussolini die Herrschaft über das heutige Äthiopien zugestand. (Lt.) F.A.Z., 15.10.2009, Nr. 239 / Seite 5 Stalins Enkel verliert Prozess – Jewgenij Dschugaschwili hat den Moskauer Zivilprozess gegen die „Nowaja Gaseta“ verloren. Dschugaschwili wollte zehn Millionen Rubel Entschädigung erstreiten, weil die Zeitung seinen Großvater und damit auch ihn verunglimpft habe. Vertreter der Menschenrechtsorganisation Memorial zeigten sich erleichtert, dass es auch weiterhin möglich sei, über historische Tatsachen wie die Verbrechen Stalins zu sprechen. (M.L.) F.A.Z., 15.10.2009, Nr. 239 / Seite 5 Fellay: Irrtümer und Mehrdeutigkeiten beseitigen Generaloberer der Pius-Bruderschaft kündigt „lange Gespräche“ über „Wiederherstellung der Kirche“ an jöb. ROM, 14. Oktober. Dem Heiligen Stuhl stehen schwierige Gespräche mit der traditionalistischen Pius-Bruderschaft über deren Rückkehr in die katholischen Kirche bevor. Einer der drei von der Glaubenskongregation beauftragten Dialogpartner, der deutsche Jesuit Karl Josef Becker, wollte gegenüber dieser Zeitung nicht auf die jüngste Äußerung des Generaloberen der Bruderschaft, Fellay, reagieren, der kürzlich „lange Gespräche“ in Aussicht gestellt hatte. Es werde nicht nur um Religionsfreiheit, Ökumene und Kollegialität in der Kirche gehen, hatte Fellay über das Internetportal der Bruderschaft verbreitet, sondern auch um den Einfluss „der modernen Philosophie und des Zeitgeistes auf die Kirche“. Herausfordernd setzte Fellay hinzu, die Gespräche sollten die „Irrtümer oder Mehrdeutigkeiten“ beseitigen, „die sich seit dem Konzil in der Kirche verbreitet“ hätten. Fellay äußerte die Ansicht, dass die „Wiederherstellung der Kirche“ mehr als eine Generation brauchen werde. Dazu sagte Becker dieser Zeitung lediglich, der Heilige Stuhl wolle den demnächst beginnenden Dialog mit der Pius-Bruderschaft nicht durch Pressekommentare beeinflussen. Der Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaft, der deutsche Kirchenhistoriker Walter Brandmüller, äußerte, für eine „Rekonzilierung“ mit den Pius-Brüdern – eine Aussöhnung und eine Rückkehr der Bruderschaft in die Kirche auf Grundlage der Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils – müsse der Glaube der Kirche ohne Einschränkung bejaht werden. Dafür müsse sich die Bruderschaft der Leitungsgewalt des Papstes unterstellen, sagte Brandmüller dieser Zeitung. So müsse die Gemeinschaft dem II. Vatikanischen Konzil folgen und „sauber zwischen Religions- und Gewissensfreiheit unterscheiden“. Jeder Mensch habe ein Recht darauf, dass er bei seiner Wahrheit nicht unter Druck gesetzt werde. Brandmüller warf der Pius-Bruderschaft „Züge sektenhaften Verhaltens“ vor. Drei Berater der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre sollen die Gespräche mit der Bruderschaft führen: der deutsche Jesuit Becker, der lange an der Päpstlichen Universität Gregoriana lehrte, der Generalsekretär der Internationalen Theologenkommission, der schweizerische Dominikaner Charles Morerod, sowie der Generalvikar des Opus Dei, Fernando Ocáriz. Namens der Bruderschaft soll der Pius-Bischof Alfonso de Galarreta den Dialog mit Rom führen, von dem es heißt, dass er „Mitte Oktober“ beginnen soll. Dabei ist der Heilige Stuhl in einer schwierigen Lage. Einerseits setzt Papst Benedikt XVI. alles daran, die unwiderrufliche Abspaltung der Pius-Bruderschaft in Form weiterer Bischofsweihen zu verhindern. Käme der Papst der Pius-Bruderschaft theologisch entgegen, würde das von jener Gemeinschaft als Triumph über die Glaubensbotschaft des II. Vatikanischen Konzils angesehen. Sollten die Gespräche aber scheitern, dann fehle – wie Benedikt XVI. im März schrieb – dem „Körper der Kirche eines seiner Gliedmaße“. F.A.Z., 15.10.2009, Nr. 239 / Seite 6 Das aktuelle Buch Der Grad der Anpassung Joachim Gauck blickt zurück auf die DDR und lässt die 1989 gewonnene Freiheit leuchten Aus der Vielzahl der Neuerscheinungen zur friedlichen Revolution ragen Joachim Gaucks glänzend formulierte und das Vergessen des SED-Unrechts beklagende Erinnerungen heraus. Der 1940 geborene Rostocker war Pastor in Lüssow/Kreis Güstrow, später in Rostock-Evershagen. In den achtziger Jahren kümmerte er sich zudem federführend um Kirchentage in Mecklenburg. Nach der Wiedervereinigung war er bis 2000 erster Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Gauck schildert Kindheit und Jugend in Mecklenburg, mit dem „Abholen“ seines Vaters 1951 als prägendem Erlebnis. Den verurteilte ein sowjetisches Militärtribunal zu „zweimal 25 Jahren“ – wegen Spionage für einen Brief mit einer Einladung nach West-Berlin plus 50 Mark Reisegeld sowie wegen angeblicher antisowjetischer Hetze, weil sich bei dem Arbeitsschutzinspektor für Schifffahrt und früheren Kapitän eine nautische Fachzeitschrift aus dem Westen fand. Nach Stalins Tod hörte die Familie erstmals 1953 davon, dass der Vater noch lebe – in einem sibirischen Lager. 1955 durfte er zurückkehren. So wuchs Gauck als „Opponent gegen kommunistisches Unrecht“ und durch Reisen zu Freunden und Verwandten als Bewunderer des Westens auf – bis die SED-Clique „ein ganzes Staatsvolk kurzerhand zu Leibeigenen erklärte“. Der 13. August 1961 bestimmte die Mentalität in der DDR nachhaltig, weil der objektiven Machtlosigkeit die subjektive Ohnmacht folgte und die Menschen „allmählich die Fähigkeit zu eigenverantwortlichem Handeln“ verloren. Gauck berichtet von Schikanen, die jene erleiden mussten, die sich mit dem Regime nicht arrangieren, ja ihm den Rücken kehren wollten: „Bis 1989 wurden etwa 250 000 Menschen aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen. Unter ihnen drei meiner vier Kinder.“ Und zum Alltag als Pfarrer stellt er fest, dass „die Kirche in der DDR eine Vertreterin der politisch Unterprivilegierten“ war. Sie besaß kein Gegenprogramm, machte aber „die Menschen freier und für das System nicht oder weniger verführbar“ . Ein Dutzend IMs hatten Gauck im Visier. Die Demonstrationen in Mecklenburg setzten 1989 mit einer gewissen Verzögerung ein – ab 19. Oktober und von Gaucks Rostocker Marienkirche aus. Der „Revolutionspastor“ engagierte sich im Neuen Forum, wo manche für einen neuen Sozialismus und die Eigenständigkeit der DDR plädierten. Gauck war jedoch dagegen, den von der Bevölkerung zum Ausdruck gebrachten „Einheitswillen zu diskreditieren oder zu zensieren. Im Neuen Forum sollten wir dies unterlassen. Wir sind nicht in erster Linie Lehrer des Volkes, sondern Teil des Volkes“, notierte er damals. Nach seiner Wahl (Bündnis 90) in die Volkskammer im März 1990 übernahm er die Leitung des Sonderausschusses, der sich mit der Auflösung und den Beständen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) befasste. Außerdem gehörte er zu den Initiatoren des Stasiunterlagengesetzes vom 24. Juni 1990: „Zum ersten Mal in der Politikgeschichte gab es eine Umwidmung des gesamten Archivgutes einer Geheimpolizei, die dem Einzelnen und der Öffentlichkeit das Recht eines umfassenden geregelten Zugangs einräumte.“ Die Volkskammer wählte Gauck am 28. September zum Sonderbeauftragten für die Akten und Dateien des MfS. Am 2. Oktober händigte ihm ein Beamter des Bundesinnenministeriums vor dem Festakt zur Einheit im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt die Urkunde aus, die ihn in dieser Funktion bestätigte: „Um Mitternacht, als das neue Deutschland geboren wurde, begann meine Tätigkeit als Leiter einer Behörde, die zunächst nur auf dem Papier existierte.“ Gauck holte sich als Direktor und Chefbeamten den bayerischen Juristen und Datenschützer Hansjörg Geiger, der sich große Verdienste beim Behördenaufbau und bei der Vorbereitung des Stasiunterlagengesetzes von Ende 1991 erwarb. Gauck veranschaulicht den Umfang der Stasi-Hinterlassenschaft: 204 Kilometer Akten, darunter sechs Millionen Personendossiers (vier Millionen über DDR-, zwei Millionen über Bundes-Bürger), Fotos, Filme, Tonbänder und „die perversen Geruchsproben, gelbe Tücher, die – hatten sie einmal den speziellen Geruch einer Person an seinen Geschlechtsteilen aufgenommen – in Einweckgläsern konserviert worden waren“. Beim DDR-Zusammenbruch gab es 90 000 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter und 174 000 aktive Inoffizielle. „Insgesamt erfüllt es mich mit tiefer Genugtuung, dass wir ein Spezialgesetz geschaffen haben, das zur Delegitimierung der vergangenen Diktatur beigetragen hat.“ Zum Schluss singt Gauck ein Hohelied auf die Freiheit und die Grundrechte. Er erinnere sich gut daran, wie in der DDR eine ganze Gesellschaft ins Glied und unter einen einheitlichen Willen gezwungen werden sollte. „Zu wählen war nur zwischen dem Grad der Anpassung“, schreibt er. Wer aufsteigen wollte, passte sich an – und wenn es sich nur um eine „unüberzeugte Minimalloyalität“ handelte. Der Untergang der DDR habe die einen dazu befähigt, Firmen zu gründen oder unbekannte Kontinente zu erforschen („eine der Befreiten wird Regierungschefin“), andere fühlten sich überfordert, weil sie in der „lange eingeübten Ohnmacht“ gefangen blieben. Man schaue in Deutschland allgemein zu sehr auf „Kleinmütige und Zweifler“. Für ihn stehe nach wie vor die 1989 gewonnene Freiheit im Mittelpunkt: „Sie wird mir immer leuchten.“ Rainer Blasius Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst. Erinnerungen. In Zusammenarbeit mit Helga Hirsch. Siedler Verlag, München 2009. 348 S., 22,95 [Euro]. F.A.Z., 15.10.2009, Nr. 239 / Seite 12 Rom sehen und schreiben Literatur Höllenfahrt durch die Ewige Stadt: Dorothea Dieckmann schickt einen Journalisten zum Prozess gegen den Kriegsverbrecher Erich Priebke. Die „Ewige Stadt“ Rom gehört mit ihrem unerschöpflichen Geschichts- und Bildfundus zu den vielbeschriebenen literarischen Orten. Nun ist sie Schauplatz von „Termini“, dem jüngsten Roman der Autorin Dorothea Dieckmann. Im Sommer 1996 soll Ansgar Weber, Mitte dreißig und Journalist beim „Spiegel“, aus Rom über den Prozess gegen den SS-Offizier und Kriegsverbrecher Erich Priebke berichten. Da Weber versehentlich am Bahnhof Ostia ankommt, kreuzt er die Viale delle Cave Ardeatine, die Straße der Ardeatinischen Höhlen, und stößt damit sofort auf den Schauplatz des Verbrechens, bei dem Priebke im März 1944 an der Erschießung von 335 Römern beteiligt war, mit dem der Tod von dreiunddreißig Südtiroler Polizisten vergolten werden sollte, die bei einem Anschlag von Partisanen gestorben waren. Webers Ankunft am Ort des Verbrechens deutet bereits auf die Abgründigkeit des Romans, der, von Todessehnsüchten und Mordgelüsten seiner Protagonisten durchzogen, streckenweise auch krimihafte Züge aufweist. Als Ort, an dem die persönliche Geschichte jedes Reisenden von Historie überlagert wird, hat Rom in „Termini“ auch in architektonischer und topographischer Hinsicht konstitutive Bedeutung. Die vertikalen Abstufungen von den Höhlen und Katakomben der Stadt bis hinauf zu ihren Hügeln verwebt Dieckmann mit dem Ausloten innerer Zustände der Protagonisten. Indem sich die Figuren an bestimmten Orten wiederfinden, verknüpfen sich ihre Eindrücke, Biographien und Perspektiven mit ihnen. So sind die Stadtlandschaften im Roman zugleich Seelenlandschaften, verflüssigen sich die Postkarten- und Geschichtsbuchabbildungen Roms und werden neu konnotiert. Rom wirft seinen Zauber über alle Figuren. Weber vernachlässigt seinen Auftrag, versäumt die entsprechenden Termine und gerät auf einen Weg, der ihm zur Höllenfahrt wird. Durch einen Hinweis stößt er auf die ausgewanderte, seit zwanzig Jahren totgeglaubte Schriftstellerin Lydia Marin, die ehemals in Deutschland große literarische Erfolge feiern konnte. Ein Interview mit ihr erscheint ihm als der größere journalistische Coup. Neben dem Journalisten Weber und der Autorin Marin, für deren Charakteristik Dieckmann Ingeborg Bachmann als unschwer erkennbares Vorbild gewählt hat, was bis in den Wortlaut von Sätzen wie „Es war Mord“ aus „Malina“ abzulesen ist, spielt eine dritte Figur eine zentrale Rolle: Walter Haymon, ebenfalls Deutscher, lebt als Kartenleser in der Stadt. Seine Wahrsagekünste, die er nahe der Piazza Navona praktiziert, haben ihn nicht nur in der Halbwelt der Stadt zu einer reichen Berühmtheit werden lassen. Während Weber sich auf die Beobachterrolle berufen zu können glaubt, als Journalist lediglich Fakten aufspüren, ordnen, aufbereiten und mit seiner Person im Hintergrund bleiben zu können glaubt, stand Marin in der Rolle der erfolgreichen Autorin stets im Licht der Öffentlichkeit. Nachdem sie alles gehabt hatte, „Reisen, Poetikvorlesungen, das Titelbild beim ,Spiegel’, Freunde, Geld, Interviews“, wollte sie, wie sie sagt, durch ihren fingierten Tod „eine Sprache finden, die nicht auf die andere Seite schielt“. Doch es ist nicht die ganze Wahrheit, die sie Weber zu Protokoll gibt, ehe sie die Tonbandaufzeichnung vernichtet. Und Haymon, schon als Kind aufgrund seiner hellseherischen Fähigkeit gequält und geächtet, hat seinen jungen Geliebten in den Tod getrieben. Er lebt mit dieser Schuld und, da er durch den Blick in die Tarotkarten die Wahrheit immer schon kennt, vor allem mit dem Zynismus, der aus seiner seltsamen Kraft erwächst, eine Kassandra-Figur, Seher unter Blinden. Der Seher, die lebende Tote an dem Punkt, an dem sie keine wahren Sätze mehr findet, und der Beobachter bilden in „Termini“ ein Dreigestirn. In drei zentralen Sequenzen der sich in fünf Tagen und vier Nächten abspielenden Handlung treffen sie in wechselnden Konstellationen und fast duellartigen Dialogen aufeinander, die das je eigene Scheitern im Spiegel des Gegenübers offenlegen, die Grenzen ihrer Perspektive offenbaren. Das Motto des Romans aus den Tagebüchern Friedrich Hebbels: „Zu irgendeiner Zeit, Tragödie der Zukunft“ verweist darauf, wie „Termini“ die Gesichter der Stadt in einer Weise modelliert, in der Rom, fremd und vertraut zugleich, zum theatrum mundi wird, ein Labor, in dem die Autorin, elementare Prozesse und die Irrwege, die beim Erzählen jeglicher Geschichte und Geschichten ablaufen, in einen bildmächtigen Rahmen fasst. Dieckmann lässt zudem Literarisches von Dante bis Leopardi einfließen. Und hin und wieder scheint es, als sähe man Einstellungen aus Filmen von Pasolini oder Fellini, und das letzte der fünf Romankapitel trägt den an Rosselinis Film anklingenden Untertitel „Offene Stadt“. Die Autorin kennt ihre Mittel gut, vielleicht zu gut. Durch die wuchtige Konstruktion, die geschichtsphilosophischen Fragenstellungen, wechselnde Konstellationen, Individualpsychologisches, Poetologisches, genius loci, Fiktives und Faktisches miteinander verzahnt und in einer hoch reflektierten Sprache vermittelt, in der an den Wäscheleinen nicht Kleidung, sondern „Damenkleider und Dessous“ flattern, wird die Handlung streckenweise fast erdrückt. „In Italien habe ich gelernt, Gebrauch von meinen Augen zu machen, habe schauen gelernt“, schrieb Ingeborg Bachmann 1955 in ihrem Essay „Was ich in Rom sah und hörte“. Eine Schule des Sehens ist auch Dieckmanns für den Bremer Literaturpreis 2010 nominierter Roman. „Termini“ zeigt, wie ernst es der Autorin mit ihrem Schreiben ist, und fügt den literarischen Liebeserklärungen an die Stadt eine weitere, groß orchestrierte hinzu. Dennoch oder ebendeshalb kann einem beim Lesen gelegentlich Hören und Sehen vergehen. Denn die Essayistin und Philosophin droht immer wieder Oberhand über die Erzählerin Dieckmann zu gewinnen. Am Ende wird Priebke freigesprochen, vorübergehend, wie der Leser weiß. Und Weber verlässt Rom nicht ohne tiefere Einsichten. Ob er wirklich etwas gelernt hat, steht auf einem anderen Blatt. BEATE TRÖGER Dorothea Dieckmann: „Termini“. Roman. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2009. 317 S., geb., 21,90 [Euro]. F.A.Z., 15.10.2009, Nr. 239 / Seite 34 Vom Stammtisch zum Vernichtungskrieg Richard Evans stellt in Berlin den dritten Band seiner Studie zum „Dritten Reich“ vor Brauchen wir noch ein Standardwerk zur Geschichte des Nationalsozialismus? Es gibt die Bücher von Norbert Frei, Klaus Hildebrand und Ian Kershaw über Hitlers Herrschaft, dazu die Zusammenfassungen des Zweiten Weltkriegs bei Gruchmann und Keegan, und wem dies noch nicht reicht, der kann sich die zehnbändige Kriegschronik des Militärgeschichtlichen Forschungsamts als Fundamentsockel unter das Bücherregal stellen. Dennoch hat der britische Historiker Richard Evans eine dreiteilige Geschichte des „Dritten Reichs“ verfasst, deren gut tausend Seiten dicker Schlussband jetzt im Berliner Martin-Gropius-Bau vorgestellt wurde. Nach den teilweise heftig kritisierten ersten Bänden (F.A.Z. vom 2. Dezember 2006) bietet der dritte unter dem Stichwort „Krieg“ eine Darstellung des Zweiten Weltkriegs, des Holocausts und der Nürnberger Prozesse. Viel Stoff also für wissenschaftliche Debatten – aber Evans hat sein Buch, wie er im Gespräch mit dem „Zeit“-Redakteur Volker Ullrich erklärte, vor allem für ein nichtakademisches Publikum in Großbritannien und den Vereinigten Staaten geschrieben. Erst in zweiter Linie wende er sich an Geschichtsstudenten. Und in dritter, so darf man ergänzen, an den deutschen Leser. Dabei hat die Beschäftigung mit sogenannten Ego-Dokumenten, wie sie Evans ausführlich zitiert – etwa die Aufzeichnungen der Generäle Heinrici und von Bock oder die Tagebücher der Hamburger Hausfrau Luise Solmitz und des Schriftstellers Victor Klemperer -, hierzulande durchaus Konjunktur. Problematisch ist das Gewicht, das sie in der Darstellung durch Evans bekommen. So liest der Brite die Notizen der Hamburgerin und die SD-Berichte über die Nachwirkungen der „Operation Gomorrha“ voreilig als Belege dafür, dass der alliierte Bombenkrieg die Moral der Zivilbevölkerung nachhaltig erschütterte. Wo die Ego-Dokumente fehlen, weil sie ihre Verfasser in Todesgefahr gebracht hätten, fällt die Geschichtserzählung denkbar knapp aus. Den Widerstand gegen Hitler handelt Evans auf dreißig, das Attentat vom 20. Juli auf zweieinhalb Seiten ab. Das sei „eine Frage der Proportionen“, sagte der Professor aus Cambridge in Berlin. Aber wer bestimmt die Proportionen – die Geschichte, in der die Rebellion „am Ende gescheitert“ ist (Evans), oder der Historiker, der verlorene Sachen nicht nach dem Maßstab der Sieger messen muss? Mag sein, dass die angelsächsische Leserschaft nicht mehr über Goerdeler und Stauffenberg wissen will, als Evans ihr zumutet. Für ein Standardwerk über den Nationalsozialismus wirkt die Gewichtung zwischen dem deutschen Widerstand und der Schlacht bei Stalingrad, der das Buch immerhin vierzig Seiten widmet, dennoch fragwürdig. Ego-Dokumente, richtig gelesen, geben Einblick ins kollektive Unterbewusste. Vor zwanzig Jahren hat Evans in einer Studie gezeigt, dass Vorurteile gegen Russen und Juden schon die „Kneipengespräche im Kaiserreich“ prägten. Im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion verband sich diese Tradition mit dem Rassismus der Nationalsozialisten. Militärisch rächte sich die Unterschätzung der russischen „Barbaren“ (Evans) bitter. Nach wenigen Monaten, so hofften die Tagebuch schreibenden Generäle, würde das Rückgrat des bolschewistischen Staates gebrochen sein. Doch es brach nicht. Was zerbrach, war das Deutsche Reich. ANDREAS KILB F.A.Z., 15.10.2009, Nr. 239 / Seite 37 _________________________________________________________________________ This is by far the best explanation of the Muslim terrorist situation I have ever read. His references to past history are accurate and clear. Not long, easy to understand, and well worth the read. The author of this email is said to be Dr. Emanuel Tanay, a well-known and well-respected psychiatrist. A man, whose family was German aristocracy prior to World War II, owned a number of large industries and estates. When asked how many German people were true Nazis, the answer he gave can guide our attitude toward fanaticism. ‘Very few people were true Nazis,’ he said, ‘but many enjoyed the return of German pride, and many more were too busy to care. I was one of those who just thought the Nazis were a bunch of fools. So, the majority just sat back and let it all happen. Then, before we knew it, they owned us, and we had lost control, and the end of the world had come. My family lost everything. I ended up in a concentration camp and the Allies destroyed my factories.’ We are told again and again by ‘experts’ and ‘talking heads’ that Islam is the religion of peace, and that the vast majority of Muslims just want to live in peace. Although this unqualified assertion may be true, it is entirely irrelevant. It is meaningless fluff, meant to make us feel better, and meant to somehow diminish the spectre of fanatics rampaging across the globe in the name of Islam. The fact is that the fanatics rule Islam at this moment in history. It is the fanatics who march. It is the fanatics who wage any one of 50 shooting wars worldwide. It is the fanatics who systematically slaughter Christian or tribal groups throughout Africa and are gradually taking over the entire continent in an Islamic wave. It is the fanatics who bomb, behead, murder, or honor-kill. It is the fanatics who take over mosque after mosque. It is the fanatics who zealously spread the stoning and hanging of rape victims and homosexuals. It is the fanatics who teach their young to kill and to become suicide bombers. The hard quantifiable fact is that the peaceful majority, the ’silent majority,’ is cowed and extraneous. Communist Russia was comprised of Russians who just wanted to live in peace, yet the Russian Communists were responsible for the murder of about 20 million people. The peaceful majority were irrelevant. China’s huge population was peaceful as well, but Chinese Communists managed to kill a staggering 70 million people. The average Japanese individual prior to World War II was not a warmongering sadist. Yet, Japan murdered and slaughtered its way across South East Asia in an orgy of killing that included the Systematic murder of 12 million Chinese civilians; most killed by sword, shovel, and bayonet. And, who can forget Rwanda, which collapsed into butchery. Could it not be said that the majority of Rwandans were ‘peace-loving’? History lessons are often incredibly simple and blunt, yet for all our powers of reason we often miss the most basic and uncomplicated of points: Peace-loving Muslims have been made irrelevant by their silence. Peace-loving Muslims will become our enemy if they don’t speak up, because like my friend from Germany, they will awaken one day and find that the fanatics own them, and the end of their world will have begun. Peace-loving Germans, Japanese,Chinese, Russians, Rwandans, Serbs, Afghans, Iraqis, Palestinians, Somalis, Nigerians, Algerians, and many others have died because the peaceful majority did not speak up until it was too late. As for us who watch it all unfold, we must pay attention to the only group that counts; the fanatics who threaten our way of life. Emanuel Tanay, M.D.


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