Nachfolgend eine zusammenstellende Weiterleitung des verstorbenen
Ritterkreuzträgers Oberleutnant d.R. a.D. Hennecke Kardel (1922-2007), verbreitet durch die sehr verdienstvollen jungen Deutschen (Kontakt: VergesseneV@aol.com) um den ehemaligen Görlitzer Stadtrat Jürgen Hösl (DSU) zu den Hintergründen einer doch eher fragwürdigen sogenannten “MORALISCHEN INSTANZ” der bundesrepublikanischen Gesellschaft, die sich mittlerweile immer weiter von einer Volksgemeinschaft entfernt. Dies zur freundlichen Kenntnis in einer Gesellschaft der gleichgeschalteten Medien, der Feigheit und Opportunität, des Kriechertums, der Zensur, Tatsachen- und Meinungs-Unterdrückung.
H. Kartel
Der Eichmann von Kattowitz
Hauptmann (a. D.?) – Prof. Dr. Marceli Reich-Ranicki
In den Gebieten, aus denen die deutsche Bevölkerung nach 1945 vertrieben wurde, kam es unter polnischer Verwaltung zur Errichtung von 1255 Konzentrationslagern, in die verbliebene Deutsche eingeliefert wurden. Dieses ist belegt und gesichert. Einziger Verhaftungsgrund:
Nationalität oder Sprache deutsch. In den Folterlagern wankten zum
Skelett abgemagerte deutsche Kinder barfuß und nur mit dünnen Fetzen
bekleidet im Schnee und bettelten vergeblich um Brot bis sie
zusammenbrachen, Menschen wurden in Wasserzellen gesteckt oder zu Brei geschlagen, Greise zu Tode gequält. Warum? Weil sie Deutsche waren.
Schon nach dem ersten Weltkrieg 1918 gab es solche Lager für Deutsche
und Pogrome an Deutschen in den polnisch besetzten deutschen
Gebieten. Über all das wird in der Öffentlichkeit geschwiegen. Warum?
Über das Leid anderer Völker wird doch auch berichtet, siehe die
Armenier. Gibt es denn 2 Klassen von Opfern?
Polnisches Leid oder jüdisches Leid wird nicht weniger gelten dadurch,
daß es auch deutsches Leid unschuldiger Menschen gab und dieses auch
laut gesagt werden darf. Eine wahrhafte Aussöhnung mit Polen und eine
aufrichtige und endlich auf Dauer friedliche Partnerschaft zwischen
Polen und Deutschen sind bitter notwendig. Eine echte und stabile
Partnerschaft ist jedoch nur durch Ehrlichkeit zu erreichen. Wenn
Polen einmal ein Bedauern über die Verbrechen AN Deutschen ausdrücken würde, nur annähernd so wie Deutschland unablässig über die Verbrechen VON Deutschen, wäre ein großer Schritt zur deutsch-polnischen Freundschaft getan. Ein wesentlicher und eigentlich
selbstverständlicher Schritt dazu muß die Verurteilung noch lebender
Folterer und Vergewaltiger sein. Die Verantwortlichen für Verbrechen
gegen die Menschlichkeit leben noch unter uns und die Archive zur
Aufarbeitung sind geöffnet.
“Hitler und das deutsche Volk haben den Krieg nicht gewollt. Wir haben auf die verschiedenen Beschwörungen Hitlers um Frieden nicht geantwortet. Nun müssen wir feststellen, daß er recht hatte. An Stelle einer Kooperation Deutschlands, die er uns angeboten hatte, steht die riesige imperialistische Macht der Sowjets. Ich fühle mich beschämt, jetzt sehen zu müssen, wie dieselben Ziele, die wir Hitler unterstellt
haben, unter einem anderen Namen verfolgt werden.”
Sir Hartley Shawcross, der britische Generalankläger in Nürnberg
(vgl. Shawcross “Stalins Schachzüge gegen Deutschland”, Graz, 1963)
Am 1. September 1939 kam es nach vielen heute verschwiegenen
Provokationen zu einer deutschen begrenzten Polizeiaktion in Polen,
die sich schnell zum Zweiten Weltkriege verunstaltete. Sowjets
kämpften mit Deutschen gegen die Polen gemeinsam. Später brachten sie es auf 30 Millionen Tote gegeneinander.
Italiener fochten auf Seiten der Deutschen und danach gegen diese ?
wie Rumänen und Finnen auch. Dieser Krieg war ein Krieg der Ideologen, noch nicht einmal ein Religionskrieg wie einige Hundert Jahre zuvor der eine oder wie vor Jahrzehnten der Wirtschaftskrieg 1914?18 ein anderer. Wie in letzten Kriegen üblich, sperrte jeder Kriegführende seine inneren Feinde ein: in Lager oder in Ghettos. Die Sowjets schafften die Wolga-Deutschen (die “deutsch” als Volkszugehörigkeit in Stalins Pässen hatten) in Arbeits- Vernichtungslager nach Sibirien. Die US-Amerikaner verbrachten die Japaner (deren Abkunft aus Pässen und Gesichtern erkenntlich war) und auch Deutsche in ihre berüchtigten Wüsten-Todes-Lager. Und auch die Deutschen sperrten die Juden (die in Deutschland auf Schweizer Anregung längst vor diesem Zweiten Weltkriege ein rotes “J” in den Paß gestempelt bekommen hatten) in Ghettos und Lager.
“Wir sind das trojanische Pferd in der Festung des Feindes”, hatte
Zionisten-Führer Chaim Weizmann Mitte dieses Großen Krieges in New
York weltweit verlauten lassen: “Tausende in Europa lebende Juden sind
der Hauptfaktor bei der Vernichtung des Feindes.” Allen diesen
ergriffenen deutschen, japanischen, jüdischen Feinden des
kriegführenden Landes erging es in der Internierung schlecht. Die
Todeszahl war überall so hoch wie die bei kämpfenden Infanteristen an
den Fronten. Marceli Reich – im folgenden als MARCEL REICH-RANICKI, abgekürzt MRR – ging es nicht gut, aber besser als den nach Sibirien verschleppten Wolga-, heutigen Kasachstan-Deutschen, besser als den in abgelegene US-Wüsten-Camps verschleppten Japanern und besser als den hinter Stacheldraht gesperrten Juden Europas. MRR war nie in einem Lager. Aus dem Warschauer Ghetto hatte er stets freien Ausgang, dabei meist das NS-Blatt “Völkischer Beobachter” unter dem Arm. Einen Judenstern trug er dabei nicht. Es ging ihm also besser, und zwar viel besser, als deutschen oder sowjetischen Soldaten an der Newa, an der Wolga oder am Terek. Warum MRR beim Einmarsch der Deutschen von Westen in Polen 1939 auswich zu den von Osten anrückenden Sowjets und sich dann von dort in das deutsch-besetzte Gebiet verfügte, das wird sein Geheimnis bleiben. Er gibt darauf keine Antwort. Die Anfrage des Berichters an ihn selbst blieb ohne Bescheidung. Kurz nach Hitlers Abgang 1945 im Bunker der Reichskanzlei entstand nach zweitausend Jahren der Diaspora ein Judenstaat auf inzwischen palästinensischem Boden ? eine Folge der Hitlerschen Juden-Politik ganz ohne Zweifel.
Die Palästinenser die wirklichen Opfer Hitlers? Aber ja doch! Seit
1948 haben wir – wie es Deutsche und Auslandsdeutsche auf der Welt
gibt – Juden und Auslandsjuden allüberall. Ein Jude, der sich nach
seinem Polen die Bundesrepublik Deutschland als Heimat suchte ? und
nicht den Judenstaat ? ist ein Auslandsjude. Und hier ist er
begünstigt wie kein anderer Bürger oder Asylsuchender dank eben der
Hitlerschen Judenpolitik und seinem damaligen Chef-Judenverfolger Hans Maria Globke, nach dem Krieg Generalsekretär bei Kanzler Adenauer. MRR ist Auslandsjude. In seinen polnischen Papieren steht ?Nationalität: Jude?.
Juden in der Bundesrepublik sind “persona grata”, unantastbar – auch wenn sie zwölf Jahre Zuchthaus rechtskräftig auf dem Buckel hatten wie Bubis oder ob sie wie MRR mit der Frage befaßt sind, womit deutsche Bücherregale gefüllt werden sollen. Man stelle sich einen deutschen “Literaturpapst” mit Gestapo-Vergangenheit in Israel vor – dann weiß man, welches Volk die größere Selbstachtung hat. Die “Vierte Gewalt” der Medien, die Hofpresse, der Rundfunk, das Fernsehen, weiß genau: MRR war ein Rad im System der Völkermörder, eben ein Schreibtischmörder – mit eigener Hand mordete er sowenig wie Adolf Eichmann es tat. Das sind die wahren Halunken - wie Hochhuth es ausdrückt: »und der Schusterjunge, der abdrückte, ist
dran. « In dieser Schrift wird berichtet über den “Leiter der
Operativen Abteilung der polnischen Geheimpolizei UB” in Kattowitz,
Marceli Reich, wo laut Angaben des Juden John Sack damals 80.000
deutsche Jugendliche, Frauen, Greise in den ehemaligen
Auschwitz-Nebenlagern (noch voll eingerichtet) vernichtet wurden
(”Auge um Auge” im Hamburger Kabel-Verlag, 1995).
Einrückende Vergewaltiger, Kollegen des MMR aus dem Osten hatten
zwanzigtausend Frauen im Raume Kattowitz mit Syphilis angesteckt:
?Die Behandlungsmethode war einfach: Kopfschuß?.
?Aus einem Totenland?
Der jüdische Emigrant und gebürtige Berliner Robert Jungk veröffentlichte im
November 1945, noch bevor die sogenannte ?geregelte? Vertreibung begonnen
hatte, in der Zürcher ?Weltwoche? einen Erlebnisbericht über die Zustände in
den polnisch besetzten deutschen Ostgebieten. Der Bericht trug den Titel ?Aus
einem Totenland?. Wir zitieren auszugsweise:
?Wer die polnische Zone verlassen hat und in russisch okkupiertes Gebiet
gelang, atmet geradezu auf. Hinter ihm liegen leer geplünderte Städte,
Pestdörfer, Konzentrationslager, öde unbestellte Felder,
leichenübersäte Straßen, an denen Wegelagerer lauern und Flüchtlingen
die letzte Habe rauben … Es ist wahr, dass in dem Ort G. auf
öffentlichem Platze Mädchen, Frauen, Greisinnen von Angehörigen der
polnischen Miliz vergewaltigt wurden. Es ist wahr, dass auf dem
Bahnhof von S. sämtliche Flüchtlingszüge regelmäßig derart ausgeraubt
werden, dass die Insassen nackt weiter gegen Westen reisen müssen. Es
ist wahr, dass in weiten Gebieten Schlesiens kein einziges Kind unter
einem Jahr mehr am Leben ist, weil sie alle verhungern mußten oder
erschlagen wurden. Es ist wahr, dass in Oberschlesien die von Syphilis
angesteckten (vorher vergewaltigten, Anm. Red.) Frauen als
“Behandlung” einfach einen Kopfschuß erhalten.
Und es ist wahr, dass eine Selbstmordwelle durch das Land geht. In einigen
Orten hat sich ein Zwölftel, in anderen bereits ein Zehntel oder sogar ein
Fünftel der Bevölkerung ums Leben gebracht. Es ist wahr, dass in den
sogenannten Arbeitslagern C. und S. Insassen nächtelang bis zum Hals
im eiskalten Wasser stehen müssen und dass man sie bis zur
Bewußtlosigkeit schlägt.?
MRR meint zu dem Geschehen: ?Was geht denn das die Deutschen an, was
ich in fremden Diensten getan habe?? Einspruch, Euer Unehren! Aber die
vereinigten Gewalten in der Bundesrepublik Deutschland verhalten sich
wie die drei ostasiatischen Affen. Die vierte Gewalt, die Medien sind
angepaßt wie zu Zeiten des Goebbels. Gelernt ist gelernt. Nach dem
Bericht von John Sack über die Beteiligung des MRR am 45er Völkermord
im oberschlesischen Kattowitz ermittelte kein deutscher Staatsanwalt
von Amts wegen. So läuft das ?an Weisungen gebunden? in Wahrheit.
Angestoßen mit einer Strafanzeige und gestoßen wurde schließlich der
Frankfurter Staatsanwalt Galm, der zunächst einmal im August 1995
zweifelte, ob Marceli Reich und Marcel Reich-Ranicki überhaupt
identisch seien.
Diese Identität hatte MRR längst zugegeben. Nach zwei Jahren stufte am 6.3.97
dieser Staatsanwalt Galm das Verfahren gegen MRR wegen Völkermord auf
einfachen ?Mord? herunter. Beugte er damit das Recht, begünstigte und
strafvereitelte er auf diese Art im Amt? ?Der Tatzeitraum konnte auf
den 05.02. ? 25.03.1945 eingegrenzt werden … die Mordtaten sind
nach deutschem Recht nach Ablauf des 24.03.1965 verjährt.? Heilige
Schwarze Madonna von Tschenstochau ? in meinem Strafgesetzbuch ist auf
Seite 73 als einziges in rot gedruckt: ?Die Verbrechen Völkermord und
Mord verjähren nicht.? Zu diesem Staatsanwalt Galm verspricht der
damalige Hessische Justizminister, er werde das Verfahren an sich
ziehen. Auch ein sehr abhängiger Landesminister weiß: In manchen
Fällen ist bei Gleichbehandlung der Hammer ?Antisemitismus? schnell
zur Hand. Und den fürchtet er wie der Teufel das Weihwasser. Wo es um
Völkermord an Serben und Kroaten, an Bosniern geht im abgeflauten
Balkan-Krieg, da schlägt die bundesdeutsche Justiz zu, wenn sie denn
einen der Völkermörder in Deutschland einfängt. Recht so! Wenn es sich
um 80.000 zu Tode gequälte Deutsche in Oberschlesien handelt, dann
jedoch macht die Justiz die beschriebene Pause. ? Wäre MRR Serbe oder
Kroate, dann verbrächte er seine letzten zehn Jahre hinter deutschen
Gittern.
Der ehemalige Berliner Wiedergutmachungsrichter Dietrich Schmiedel ? Enkel
eines kaiserlichen, Sohn eines ?Führer ?-Richters ? bekennt im Buche
?Rechts-Staat? (Marva/Genf 1977): ?Auf unseren Betriebsausflügen
sangen wir
Wiedergutmacher in die Landschaft: »Wir machen alles wieder gut, nur
immer Mut, nur immer Mut. «? Der Bundespräsident a.D. Herzog ? noch
ein Jurist ? tönt zur Heine-Feier Ende 1997: ?Schriftsteller dienen
ihrem Land mit ätzender Kritik. Wir brauchen Widerspruch. Nie ist der
sperrige Individualist wichtiger
gewesen als heute.? ? Trauen wir diesem Frieden nicht. Da wird
geheuchelt. Denn gleichzeitig haben die an Weisungen gebundenen
Staatsanwälte den Paragraphen 90a von der ?Verunglimpfung des Staates?
und den besonders gern verwandten Paragraphen 130 ?Volksverhetzung.?
Und diese beiden Paragraphen werden genutzt, daß die Schwarte kracht,
daß die Knäste überquellen. Der Berichter kann ein Lied davon singen,
brach er bisher doch einige Tabus. Er war NKWD-Häftling und floh. Er
war Häftling der polnischen UB-Geheimpolizei des MRR und floh.
MRR in Diensten der Nationalsozialisten und der Sowjets
?Eine zusammenhängende Darstellung dieses so erstaunlichen wie
faszinierenden Lebenslaufs fehlt bisher?, meinen Volker Hage und
Mathias Schreiber in ihrem Buche ?Marcel Reich-Ranicki? (Kiepenheuer
& Witsch 1995) über den Aussteiger, der da am 21. Juli 1958 auf dem
Hauptbahnhof Frankfurt am Main den aus Polen eingetroffenen Zug
verläßt. Der an den beiden Grenzen vorgezeigte Paß wies aus ?geboren
am 2. Juni 1920 in Slocawik? (einer polnischen Kleinstadt an der
Weichsel) als Sohn des David Reich. Um ihm seine berufliche Zukunft
nach dem geschäftlichen Ruin seines Vaters offen halten zu können,
schickten ihn die Eltern zu den wohlhabenden Verwandten nach Berlin,
darunter ein Patentanwalt und ein Zahnarzt. Ab 1929 lebte
Reich-Ranicki in Berlin und besuchte in Berlin-Wilmersdorf das
Fichte-Gymnasium.
Trotz vieler nationalsozialistisch orientierter Lehrer galt am
Fichte-Gymnasium noch einige Zeit das Gebot der Gleichbehandlung der
jüdischen Schüler, so konnte er 1937 sein Abitur machen. Doch schon
seinen Antrag auf Einschreibung an der Berliner
Friedrich-Wilhelms-Universität lehnte man am 23. April 1938 angeblich
wegen seiner jüdischen Herkunft ab. Ende 1938 wurde er nach Polen
ausgewiesen. Am 29. Oktober und am 7. November 1938 erfolgte nach
kurzer Abschiebehaft die Polenaktion. Unter Polenaktion versteht man
die Ausweisung von etwa 17.000 jüdischen polnischen Staatsbürgern aus
Deutschland Ende Oktober 1938. Im September 1938 verabschiedete die
polnische Regierung ein Dekret, in dem alle Polen im Ausland
aufgefordert worden waren, in kurzer Zeit ihre polnische
Staatsangehörigkeit zu bestätigen. Viele der polnischen Juden im
Deutschen Reich taten dies nicht und Ihnen sollte damit zum 1.
November die Staatsbürgerschaft entzogen werden. Reinhard Heydrich,
damals Chef des Reichssicherheitshauptamtes nutzte diese Situation
aus. Er ließ 17.000 polnische Juden verhaften und in Eisenbahnwaggons
an die deutschpolnische Grenze schaffen.
Dort wurden sie von den polnischen Grenzern mit Waffengewalt
ferngehalten, da sich die polnische Regierung mit der Integration
weiterer Juden in das
Staatsgebilde überfordert sah. Zusätzlich befürchtete sie, dass sich unter den
Vertriebenen auch politisch gefährliche oder zumindest unerwünschte Personen
befänden. So wurden diese Menschen unter unhygienischen Bedingungen
zunächst an der Grenze in Baracken untergebracht, in der Hoffnung,
dass die deutsche Regierung ihre Entscheidung revidieren würde. Es kam
zu Krankheiten und Todesfällen, woraufhin die Öffentlichkeit im
Ausland gegen das Vorgehen der polnischen und deutschen Regierungen
protestierte. Marcel Reich-Ranicki wurde von dieser Maßnahme
betroffen. Eine weitere Schlüsselfigur für die deutsche Judenpolitik
befand sich ebenfalls bei den Deportierten. Der hannoversche
Schneidermeister Grünspan. In Paris hörte der 17jährige Herschel
Grynszpan vom Martyrium seines Vaters. Er streckte daraufhin den 3.
Sekretär der deutschen Botschaft Ernst Eduard vom Rath nieder. Joseph
Goebbels nutzte diese Situation. Obwohl von Rath eigentlich einen
nicht allzu wichtigen Posten in der Botschaft bekleidete, hetzte der
Propagandaminister am 9. November 1938 während der Rede im
Bürgerbräu-Keller auf und löste damit die Novemberpogrome 1938 aus.
MRR fuhr nach Überwindung einiger Probleme mit der Bahn nach Warschau,
wo er niemanden kannte, die polnische Sprache mußte er wieder erlernen
und blieb
dort ein Jahr arbeitslos. Am 1. September 1939 begann die deutsche
Polizeiaktion in Polen nachdem die Polnische Armee bereits am 30.
August die
Generalmobilisierung ausrief und anfing Volksdeutsche in Lager zu
sperren. Im November 1940 wurde auch Reich-Ranicki zur Umsiedlung in
das Warschauer Ghetto gezwungen. Sein sofortiger Job im Warschauer
Judenrat des Ghettos war wohl einer der wichtigsten dort:
Chefdolmetscher im Verkehr mit den deutschen Besatzern. ?Das Ghetto zu
verlassen, war für mich nicht schwer”, berichtete MRR vierzig Jahre
danach in der ZDF-Fernsehreihe ?Zeugen des Jahrhunderts.? Mit dem
NS-Parteiblatt ?Völkischer Beobachter? unterm Arm wandelt er auf
Warschaus Pracht-Alleen, von keinem behindert. Einen gelben Stern
brauchte er nicht zu tragen.
Im Ghetto heiratete er Teofila Langnas, vom gleichen Jahrgang 1920, die
Hochzeitsfeier war mittelprächtig gewesen. Außer ?Chef-Dolmetscher? war MRR
Musikkritiker der Ghetto-Zeitungen. Gespielt wurden dort im Kriege Haydn,
Mozart, Beethoven, Schubert, Dvorak und Tschaikowski. Alles war
hervorragend und entsprechend waren seine Lobeshymnen: Wie waren die
Besatzer doch nur um Kultur bemüht. Die anderen im Ghetto Darbenden
bereiteten ihren Aufstand von 1943 vor, den dann herangekarrte
Hilfswillige Letten und Ukrainer im reichlich fließenden Judenblute
erstickten. Marceli und Teofila verdufteten rechtzeitig, ihre Riecher
waren gut gewesen. Beide wurden Untermieter bei einem Buchdrucker
ostwärts der 1944 beim späteren Aufstand der Polen flach gebombten und
zerschossenen Hauptstadt des Volkes mit der Hymne ?noch ist Polen
nicht verloren.?
?Meine Frau?, bekennt MRR im bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Buche, ?
hat mit falschen, sogenannten arischen Papieren gearbeitet.? Zu den in den
Wäldern lagernden jüdischen Partisanen oder zu der ringsherum kämpfenden
polnischen Heimat- Armee schlugen sie sich nicht. Die Zimmer waren
warm beim Drucker, die Verpflegung war ausreichend auf dem Lande.
Teofila setzte sich abends ans Klavier, ?um ein Stück von Beethoven
oder Chopin zu spielen.? Marceli übersetzte die Goebbels-Zeitung ?Das
Reich? ins polnische. ?Darin ließ sich,? entschuldigte er sich später,
?noch am ehesten verfolgen, wie der Krieg
verläuft.? Goebbels ? der war demnach ein Wahrheitssucher. Auch auf diese Art
läßt sich Widerstand leisten. Vor dem Wechsel in dieses traute Heim war vom
Ehepaar in die Kasse des Warschauer Judenrats gegriffen worden. Es gab
Komplizen und MRR bekennt: ?Meine Frau und ich haben für die Mithilfe
einen Betrag bekommen.? ?Das genügt?, sagt da gemeinhin ein
Staatsanwalt. Jedenfalls reichte das bis zum Herankommen der Roten
Armee aus den Weiten des Ostens. Das Gestohlene stammte von den
500.000 einsitzenden armen Juden ? aus deren Spenden und Steuern. Was
war nun die Aufgabe des ?Judenrates? gewesen, aus dessen Spitze sich
MRR nebst Ehefrau abgesetzt hatte?
Der Berichter kann nur erzählen von einer Begegnung mit dem Wilnaer Judenrat
kurz nach Kriegsende. Die heutige litauische Hauptstadt, durch die
Geschichte von Polen und Juden beherrscht, kann vieles mitteilen.
Nach Ausheilung dreier ziemlich gleichzeitiger Verwundungen in einem
Lazarett der Roten Armee nahm mich Gefangenen das NKWD-Zuchthaus
Wilna 195/I am Fuße des Kalvarienbergs unfreundlich auf. Hinter den
fünf Meter hohen Mauern floß die breite Wilja. Bei den Verhören gingen
die beiden vorderen Schneidezähne flöten. Solschenizyn behauptet in
seinem ?Gulag?, er habe in seinen sibirischen Jahren keinen
menschlichen NKWDisten getroffen. Mich fragte damals ein Oberleutnant
dieser Spezialtruppe, den wir wegen seiner Mütze stets im Genick
?Sturm? nannten, nach meinem Befinden als Gefangener. Als Akademiker
war er deutsch- und französischsprachig. ?Plocho?, sagte ich
wahrheitsgemäß auf russisch, ?beschissen wäre geprahlt. Nicht mal mehr
einen Schluck Wodka kann man zur Brust nehmen.? ?Sturm? zeigte mir ein
durch einen losen Stein verdecktes Loch in der Mauer des Riesenbaus
aus Zarenzeiten ? ?le trou dans le mur?. Immer wenn er seine
kreisrunde Mütze lüftete, wußte ich, daß da eine »butelka« auf mich
wartete. ?Spasibo, towarisch.?
Wir wurden eingeteilt, verhört, verhört am Tage und verhört nachts bei
Scheinwerferlicht. Wer war am Partisanenkrieg beteiligt gewesen, wer hatte
sowjetische Kühe getötet, wer hatte Russen als Spitzel angeworben und
wie hießen diese? Französische Freiwillige, die auf deutscher Seite
gekämpft hatten, kamen hinter unsere Mauern. Dann tauchten als
?Verräter? die Tschechen auf, die in Wahrheit als Sudetendeutsche in
der Wehrmacht Dienst getan hatten. Und plötzlich hatten wir an die
zweihundert Juden im schwarzen Kaftan mit wallenden Bärten, mit
Ringellocken und allem Drum und Dran unter uns. Im Gegensatz zu uns
anderen wurden sie nicht kahl geschoren. ?Was wirft man denn euch
vor?? frug ich den Ältesten, einen Gewaltigen mit schlohweißen Haaren.
?Sunnele (Söhnchen),? antwortete der, ?weil wir sain am Leben
geblieben.? ?Töten lassen, um nicht getötet zu werden? ? diese
Selektionsregel hatten sie also befolgt, wie auch MRR im Warschauer
Ghetto sie hatte ertragen müssen. Mein towarisch “Sturm?, zuvor
Frontoffizier der Roten Armee, der nach einer Verwundung immer noch
lahmte, kam des öfteren nach Einschluß des Abends in meine
Ein-Mann-Zelle (ich galt als fluchtverdächtig). Mein Ritterkreuz hatte
ihn beeindruckt. In den Sümpfen südlich des Ladoga- Sees hatten wir
uns 1942 gegenüber gelegen. So klärte er die Besonderheit dieser
Kaftan-Juden eines Nachts: ?Das ist der Judenrat von Wilna mit seiner
Judenpolizei. Die bestimmten, wer in die Lager geschafft wurde. Sie
stellten die Listen zusammen, sie prügelten in die Waggons. Sie selbst
blieben im Ghetto, bis wir es im Sommer 1944 befreiten. Und jetzt?
Sibirien für diese Kollaborateure der SS!? Diese jüdisch-deutsche
Zusammenarbeit im Zweiten Weltkriege ? da ist noch ein Tabu zu
brechen. Vom Wilnaer Judenrat hat später keiner mehr etwas gehört, sie
blieben nur kurz, wurden schnell verurteilt und gingen ab Richtung
Osten. Der Anfang 1943 aus dem Warschauer Judenrat davongekommene MRR
tauchte 1944 beim Einmarsch der Roten Armee und bei Bildung der
sowjetisch gesteuerten Roten Gegenregierung in Lublin aus seiner
Halbversenkung auf, wurde mit Gespür Mitglied der neugebildeten
polnischen Kommunistischen Partei. Das alte Landserwort geht umher:
?Ich weiß nichts, ich kann nichts, gebt mir eine Uniform.? Den MRR,
der nie gedient hatte, steckten sie ohne Umstände in die Uniform eines
Offiziers der polnischen Geheimpolizei UB. Recht bald war er
?Kapitan?, also Hauptmann. ?Kleidung und Nahrung?, bekennt er bei
Hage und Schreiber, ?waren gesichert.? Ein wenig in Widerspruch steht
das zu späteren Bekundungen: ?Ich trug damals keine Uniform.? Ab
jetzt wird zensiert. Als erstes wurde MRR Leiter der Militärischen
Postzensur: Wer von den Soldaten der sowjetisch kommandierten
polnischen Armee Verbindung zur regulären polnischen Exil-Regierung in
London hielt, der landete bei den Kriegsgerichten ? bis hin zur
Erschießung. Auch hier tötete MRR nicht selbst aber seine Hinweise aus
den zensierten Briefen an die Vorgesetzten führten zum Tod.
Im Jahre 1997 erhob der amtierende Bundespräsident Roman Herzog den 27.
Januar zum Holocaust-Gedenktag. Ein Jahr darauf gedenken die Zeitungen
pflichtgemäß. An jenem fernen Tage wurden 1945 die Gefangenen aus
Auschwitz befreit. Das oberschlesische Kattowitz mit damaligen
Außen-Arbeits-Lagern ist einen Morgenspaziergang entfernt. Das
Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht vermerkt am gleichen
27. Januar unter ?Heeresgruppe Mitte? dieses: ?Weitere Verschärfung
der Lage in Oberschlesien. Panzer stießen nach Kattowitz vor.?
Sowjetische Einheiten rollten weiter, zügig ins Reich hinein. In Kattowitz
setzte sich die polnische Etappe fest. In den noch rauchenden Trümmern der
Kohle-Hauptstadt taucht mit der dritten Welle MRR auf, nunmehr Leiter der ?
Operativen Abteilung? der berüchtigten UB (offiziell: Amt für
Staatssicherheit in Polen). Diese Geheimpolizei räumt die Nebenlager
und ? füllt sie wieder. Wer
von den Deutschen in diesem Gebiet etwas zu befürchten hatte, wer in
der NSDAP oder nur in der SA gewesen war, der ist längst über alle
Berge der ?Oberschlesischen Platte? ab in Richtung Westen. Die
kriegstauglichen oberschlesischen Männer sind weit fort, verteidigen
mit der Wehrmacht irgendwo an der Weichsel, am Rhein oder in
Oberitalien das Reich. Die Zahl der zurückgebliebenen ?Schuldigen?
liegt laut John Sack bei 0,8 Prozent ? ?auf der Strecke blieben
unschuldige 99,2 %.? Die ?Truppe? des MRR greift sich die Alten und
die Jungen, die Frauen und die Mädchen, treibt sie in die
freigeräumten Lager und ? tötet sie dort. Der oberschlesische
Kohlenpott ? so wichtig für das heutige Polen wie der Ruhrpott für
Deutschland ? soll ?deutschenfrei? werden. John Sack meint in seinem
Buche ?Auge um Auge?, das Motiv dieses Völkermords sei ?Rache für
Auschwitz durch Juden? gewesen. Da greift wohl das eine in das andere.
Polnische Chauvinisten und jüdische Rächer hatten gleiches im Sinne:
Staats-Terror, Vertreibung durch Mord. Die Täter, die John Sack nennt,
waren Juden. Neben Marceli Reich erscheinen auf John Sacks Liste:
David Feuerstein, Jadzia Sapirstein, Schlomo Morel. Autor Sack
schreibt auf Seite 297: ?Barek
Eisenstein schätzte, daß 90 Prozent der jüdischen Mitarbeiter des
Staatssicherheitsdienstes sich polnische Namen zulegten.? Aus Marceli
Reich wurde Marcel Reich-Ranicki. Namenswandlungen scheinen der
Familie Reich gut zu tun, sein Sohn Andrzej Reich lebt heute unter dem
Namen Andrew Ranicki, also unter dem Agentennamen seines Vaters in
England und ist dort Professor der Mathematik. Weiter wird aus dieser
Seite 297 zitiert: ?Adam »Krawecki« schätzte den Anteil der Juden auf
70 bis 80 Prozent … Josef Musial, 1990 stellvertretender
Justizminister in Polen, sagte: »Ich rede nicht gern darüber«, aber
in ganz Polen seien die meisten Offiziere des
Staatssicherheitsdienstes Juden gewesen.? Der oberste polnische
Geheimdienstler, der Chef vom Ganzen, saß in Warschau und war
der aus Moskau eingeschleuste ?General? Jakob Berman, der nirgends einen
Militärdienst geleistet hatte. Die Angaben stammen vom Juden John Sack, der
sehr genau und durch sieben Jahre geforscht hat. Im übrigen sind die wichtigen
Geheimdienste auf diesem Erdball seit langem durchweg in der Spitze
von Juden besetzt. Als bester ?Dienst? ist der israelische Mossad
unumstritten.
Alexander Solschenizyn beschreibt in seinem ?Gulag? die Anfänge der
GPU, späteren NKWD, er nennt die Chefs, sämtlich Juden: Matwej Berman
(Vater des eben erwähnten zum Polen gewordenen Jakob Berman), Lasar
Kogan, Genrich Jagoda und nicht zuletzt den Naftalij Frenkel, einen
türkischen Juden aus Konstantinopel, der mit allem Geschäfte machte,
auch mit Sklaven. Mit ihm schließt Solschenizyn ein Kapitel: ?Frenkel
starb in Moskau im Range eines Generalleutnants, alt und geehrt. Mich
dünkt, er hat unser Land gehaßt.?
Hitlers Geheimdienst-Chefs waren der Admiral Canaris, griechisch-jüdischer
Abstammung, und der SS-General Heydrich, dessen Vater noch als Süß
geboren wurde, dessen Großmutter eine Sarah gewesen war (Reichsführer
SS Heinrich Himmler dazu: ?Heydrich hat den Juden in sich überwunden?
und Reichsmarschall Göring haute in die Kerbe: ?Wer Jude ist, bestimme
ich.?). Vergessen wir an dieser Stelle nicht den aus Moskau gekommenen
Geheimdienst-Chef der Ex-DDR, einen Markus Wolf. Das weithin
ungeliebte, ja gehaßte Buch des John Sack kam ganz schwer in die Hufe
? zumindest in Deutschland. Mit seiner deutschen Übersetzung des in
New York ungehindert und erfolgreich vertriebenen Werkes hat es
erschreckendes erlebt in einem Staate, der sich immer wieder rühmt:
?Zensur fände nicht statt.? Mit Blick auf den Erfolg in den USA schloß
der nicht unbekannte Münchener Piper-Verlag mit John Sack einen
Vertrag und ? brach ihn. Als deren Bücher zu Tausenden hergestellt,
bereits in Folien eingeschweißt waren, da gab vom Verlage am 8.2.95
eine Sigrid Bubolz-Friesenhahn diese ?Information? heraus: ?Der
PiperVerlag hat sich entschlossen, das Buch »Auge um Auge ? Opfer des
Holocaust« von John Sack nicht auszuliefern.? Die Pressereferentin
beruft sich dabei auf Wünsche des Autors. Das liegt weit daneben. Sack
suchte nämlich erneut einen deutschen Partner und er fand in Hamburg
den Kabel-Verlag. Zu diesem Stamme gehört die beliebte
Volksschauspielerin Heidi Kabel und auch sie gilt allgemein als
unerschrocken. Im endlich bei Kabel erschienenen Buche dankt John Sack
?der Leserin und dem Leser, weil Sie sich nicht von Rezensionen haben
abschrecken lassen, die Sie aufforderten: »Tun Sie mir einen Gefallen,
lesen Sie dieses Buch nicht. « … Ich hoffe, daß Sie trotz allen
Krawalls festgestellt haben, daß keiner, weder Jude noch Deutscher,
noch Pole, der 1945 dabei war, je eine Aussage in dem Buch und in den
Anmerkungen geleugnet hat.? Auch MRR, ob nun Jude oder Pole oder
Deutscher, leugnete bis zur Stunde nichts davon. Piper jedenfalls
makulierte. Früher war es Feuer, heute schafft das Zerstörungswerk der
moderne Reißwolf. Über die Hintermänner der sogenannten Selbst-Zensur
brauchen wir hier nicht weiter zu rätseln. ?Um zu wissen, wie der
Ozean schmeckt, muß man ihn nicht austrinken.? Einige Schlückchen
genügen. So greifen wir ziemlich wahllos in das ?Auge um Auge? und aus
392 Seiten heraus, wie der unter Beteiligung von MRR organisierte
Völkermord im Jahre 1945 im abgelegenen deutsch-polnisch-tschechischen
Grenzland ablief ? vor der Welt verborgen. In Dresden, Nagasaki und
Hiroshima fand Völkermord, der noch heute Thema ist, auffälliger
statt. Hier sind die Schlückchen aus dem Ozean, einige Zitate aus
?Auge um Auge?:
?Eines Tages tauchte ein Deutscher in pechschwarzen Hosen, der Farbe der SS,
in Lolas Gefängnis auf. Ein Pole hatte ihn in der Nähe des Marktplatzes
entdeckt und gerufen: »Faschist. Du trägst Schwarz!«, woraufhin der Deutsche
davongerannt war, doch der Pole hatte ihn anderthalb Kilometer, bis zur
Peter-und-Pauls-Kirche, verfolgt. Vor einem Goldmosaik stellte er ihn,
schlug ihn, trat ihn und schleppte ihn in Lolas Gefängnis. Mehrere
Wächterinnen
beschlagnahmten das belastende Beweismaterial, die schwarze Hose: so
gewalttätig rissen sie ihm das Kleidungsstück vom Leib, daß er von der
Prozedur einen Sehnenriß davontrug. Der Mann schrie, doch die Frauen
befahlen ihm zu schweigen. Sie erkannten nicht, daß die Hose zu einer
Pfadfinderuniform gehörte und der “Mann« vierzehn Jahre alt war. Sie
beschlossen, ihn zu foltern. Mittlerweile unterhielt das Amt für
Staatssicherheit 227 Gefängnisse für Deutsche, und jedes hatte seine
eigenen, charakteristischen Methoden. Der Junge wurde schließlich in
eine Anstalt für Geisteskranke eingeliefert. Er kam nie wieder
heraus.? ?Die Schreiber tippten Formbriefe auf der Maschine, in die
nur noch der Name des jeweiligen Toten eingesetzt werden mußte, und
die Aufseher stapelten die Leichen. Die ausgezehrten Körper verbargen
sie unter Altpapier oder Kartoffelschalen und fuhren sie zum Friedhof,
wo der Totengräber die gierigen Katzen verscheuchte und die Leichen
bei Nacht in eine Grube warf.? ?Manchmal vergaßen sie den Unterschied
zwischen körperlicher Züchtigung und Todesstrafe: dann ergriffen sie
einen Deutschen an Armen und Beinen und stießen ihn mit dem Kopf gegen
die Wand wie einen Rammbock. Man zerschlug die so geschätzten
Holzstühle an den Deutschen. Jeden Morgen wurden die Toten in die
Leichenhalle gekarrt, die zerbrochenen Stühle erhielt der Tischler,
der Leimstäbe erhitzte und vor sich hinmurmelte: »Jesus, Maria und
Josef! Noch mehr Stühle.«? ?Sie sperrten die Deutschen in einen
Hundezwinger und schlugen sie, wenn sie nicht bellten. Sie zwangen
sie, sich untereinander zu prügeln, sich gegenseitig ins Kreuz zu
springen, die Nasen einzuschlagen, und wenn einer zu sanft boxte,
sagten die Wachen: »Ich zeig? dir, wie?s geht«, und schlugen zu ?
einmal so hart, daß sie einem Deutschen das Glasauge ausschlugen. Sie
vergewaltigten die deutschen Frauen ? eine Dreizehnjährige wurde davon
schwanger ? und richteten ihre Hunde so ab, daß sie auf das Kommando
(sic!) den Männern die Geschlechtsteile abbissen. Aber es waren immer
noch dreitausend übrig.? ?Czeslaw pflegte Kehlen zu zertrampeln.
Einmal befahl er einem Deutschen, auf einen Baum zu klettern und zu
rufen: »Ich bin ein Affe!«, woraufhin er seinen Revolver zog und den
Deutschen erschoß. Der Stellvertreter erschoß die Deutschen
ebenfalls, manchmal fiel ihm etwas Neues ein: er fragte einen
Deutschen: »Weißt du, wie ich heiße!« ? »Nein, Herr Vizekommandant.«
»Ignaz!« rief der Stellvertreter und zog dem Mann den Säbel über den
Kopf. Ein andermal legte er Feuer in einer Baracke und schrie
»Sabotage!«, und als die deutschen Frauen Sand zusammenscharrten, mit
ihren Röcken in die Baracke trugen und auf die wild lodernden Flammen
warfen, stieß er die schreienden Frauen ins Feuer. Einer der Aufseher
kam auf die Idee, einen Deutschen an seinem Bart in einen Schraubstock
einzuspannen; nachdem er ihn gut befestigt hatte, zündete er den Mann
an.
Jeden Tag erhielt Czeslaw eine Liste mit den Namen der Ermordeten und
jeden Tag fragte er: »Warum so wenig?«. Nach einer Weile waren fast
alle tot.?
?Die Aufseher zwangen Frauen, Urin und Blut zu trinken und menschliche
Scheiße zu fressen. Sie steckten einer Frau einen ölgetränkten
Fünfmarkschein in die Vagina und zündeten ihn an.? Den Rest besorgten
Hunger und Hungertyphus.
Große Gruben füllten sich mit skelettartigen Leichen. Am 17. Oktober 1945
ordnete der Staatspräsident Polens die Ausweisung der überlebenden
Deutschen an. Die Kirchenglocken läuteten. Als nach einem Jahrzehnt
aus dem Großraum Kattowitz einiges durchsickerte, lebte der polnische
Antisemitismus wieder auf.
UB-Chef Berman fiel in Ungnade und Sack berichtet von einem Besuch in
Warschau: ?Zwölf Jahre lang hatte Jakob Berman den
Staatssicherheitsdienst geleitet, hatte in Warschau Lachs und Hummer
gespeist und Bärenbraten in Moskau. Dann wurde er gefeuert, aus der
Partei ausgeschlossen und aus der Allgemeinen Enzyklopädie gestrichen.
Diese Serie von Schicksalsschlägen führte Jakob auf den polnischen
Antisemitismus zurück, als er im Jahr 1983 ? nun in einem alten
grauen Pullover ? mit einer polnischen Schriftstellerin zusammensaß,
Tee trank und anmutig eine israelische Orange zerteilte. »Die
polnische Gesellschaft«, sagte Jakob und führte die Tasse an die
Lippen, »ist sehr antisemitisch.«? Vor in den 60ern ermittelnden
polnischen Staatsanwälten flohen Täter nach Israel. Wurde auch dem MRR
der Boden zu heiß und setzte er sich deshalb ab nach Westdeutschland,
wo er zunächst bei der Hamburger ?Zeit?, später in Frankfurt am Main
bei der ?FAZ? günstige Aufnahme fand?
Bei Hinweisen auf die Geheimdiensttätigkeit des MRR gab der Bänkelsänger
Wolf Biermann seinen Senf dazu und dieses zum besten: ?Die Vorwürfe gegen
Reich-Ranicki sind stinkende Eier und faule Tomaten.? Und dann verlor
MRR seinen Freund, der sich von ihm hintergangen fühlte, Wolf
Biermann der ihn zunächst vehement verteidigte und seine Apologie dann
kurz darauf widerrief: Er sei ?in eine Freundschaftsfalle getappt.
Marcel Reich- Ranicki hat mich gefoppt. Der in Frankfurt am Main
zuständige Staatsanwalt Galm verteilte die Strafanzeige des Berichters
gegen MRR wegen des von Sack beschriebenen Völkermords freigebig an
andere ? als gäbe es keinen Datenschutz. Das darf als Aufruf zu einer
Hatz genommen werden. Hier ist die bemerkenswerte Antwort des
Hessischen Datenschutzbeauftragten vom 16.8.96 zum Vorgang: ?Eingriffe
in das Datenschutzrecht sind zulässig, wenn sie im Interesse des
Allgemeinwohls zwingend erforderlich sind. Bis normenklare Regelungen
kommen, werde ich bei jedem Einzelfall eine Abwägung treffen, ob ich
die Verfahrensweise als Datenschutzverstoß einstufe. Ein solcher
Ermessensspielraum steht mir zu.? Dem Präsidenten des Hessischen
Landtages ist bei diesem ?Spielraum? nicht so recht wohl. Er antwortet
am 21.1.97: ?Im Ergebnis war die Mitteilung rechtlich nicht korrekt
und ist zu bedauern.? Da hat der Bürger ? wie stets bei Juristen ? zum
Aussuchen. Außer dem ?Bedauern? ist weder dem Staatsanwalt Galm noch
dem Hessischen Datenschutzbeauftragten das geringste geschehen.
Bekanntlich wäscht nach Bert Brecht eine Krähe der anderen die Hand.
?Eine Überarbeitung?, stellt der Präsident Möller vom Hessischen
Landtag abwiegelnd in Aussicht, ?um zu normenklaren Regelungen zu
kommen, steht an.? Ein vages Versprechen für das nächste Jahrtausend:
?normenklare Regelungen? besitzen wir im ?Einzelfall? MRR
wohlweislich nicht. Dafür haben wir Gummi und regierungsamtlich
erlaubte ?zulässige Eingriffe im Interesse des Allgemeinwohls.? Diesem
?Allgemeinwohl? hilft der Staatsanwalt Galm immer wieder auf die
lahmen Beine mit einem ?fehlenden Anfangsverdacht?. Dies erklärt auch
die Nichtanhörung von sieben angebotenen Zeugen mit oberschlesischen
Namen, die 1945 entweder selbst im Raum Kattowitz einsaßen oder dort
ihre Angehörigen verloren. Auch MRR, dieses Hätschelkind von ?Zeit?,
?FAZ? und nicht zuletzt ?Spiegel? ist in den Jahren des in Frankfurt
am Main sich schleppenden Völkermord-Verfahrens selbst nie gehört
worden. Krysztof Starzynski ? ein alter Unteragent des MRR ? schreibt:
?Welche Befehle Reich-Ranicki als »Leiter einer Operationsabteilung«
des Geheimdienstes im Frühjahr 1945 in Katowice ausführte, liegt bis
heute im dunkeln. Er selbst hüllt sich in Schweigen.? Bericht
?Hamburger Abendblatt? vom 13. Juni 1994. Titel ?Warschauer Zeitung
belastet den Kritiker?: ?Paczkowski hatte 1990 Zugang zu den Akten des
Innenministeriums. Nach Meinung des Historikers Jerzy Holcer, der
ebenfalls Akten im Archiv des Ministeriums eingesehen hatte, scheint
das Material authentisch zu sein. Nach dem jetzt veröffentlichten
Dokument ist Reich-Ranicki am 25. Oktober 1944 als Zensor in den
Dienst eingetreten, hat vom 5. Februar bis 25. März 1945 als Chef
einer »Operationsgruppe« in Kattowitz gearbeitet.? Auch Helga Hirsch
von der ?Zeit? hat Einblick in dieses Archiv genommen, Fotokopieren
wurde ihr nicht gestattet. Dem Peter Fischer vom ?Ostpreußenblatt? gab
sie Gründe für ihr späteres Schweigen an. Marcel Reich-Ranicki ist der
Literaturpapst der heutigen Deutschen. Wer wirft auf einen Papst den
ersten Stein? Der ?wahre Stellvertreter Gottes auf Erden? stand
während des Zweiten Weltkrieges bei Hitlers Juden-Politik ?Schulter an
Schulter? mit dem deutschen Vatikan-Botschafter, einem
SS-Brigadeführer Ernst von Weizsäcker (dem Vater von Richard). Der
vormalige ?Stellvertreter Gottes?, ein Paul II., dreht sich mit der
Welt zur Siegermacht ? im Herbste 1997: ?Das Volk Israels ist das Volk
Gottes, es ist das auserwählte Volk. Das ist ein übernatürliches
Faktum!? ? So was an Rassismus! Da hält es der Berichter, der
fünfundzwanzig Jahre im Vorderen Orient mit den zur Edelrasse
Erhobenen lebte, mit dem Juden Heinrich Heine: ?Die Juden, wenn sie
gut, sind sie besser, wenn sie schlecht, sind sie schlimmer.?
War es die Aufgabe des ?UB-Leiters der Operativen Abteilung?, MRR, im
Kriegsjahr 1945 in Kattowitz, tagsüber Karten zu spielen und abends
Puschkin zu lesen? Oder war der umtriebige Mann nicht vielmehr damit
beschäftigt, tagsüber die Menschen-Vernichtungs-Lager einzurichten
und sie nachts mit den
auszurottenden Deutschen aufzufüllen? Was auch immer, MRR schoß nach
diesen Kattowitzgeschehnissen leuchtend hoch im sowjetisch-polnischen
Himmel wie ein Sputnik.
Aus dem Londoner Nebel strahlte er mörderisch auf die in der britischen
Hauptstadt immer noch tätige polnische Exil-Regierung. In seinem Buche ?
Doppel-Agent zwischen Diensten, Diplomaten und Dementis? meint der
zum Westen übergelaufene MRR-Unteragent Krysstof Starzynski: ?Marceli
Reich ist nach der Erfüllung seiner Aufgaben als Leiter der
Operationsabteilung in Kattowitz ungewöhnlich schnell in der
Geheimdiensthierarchie aufgestiegen?. Nichts ist erfolgreicher als der
Erfolg und 80.000 ermordete Deutsche galten scheinbar als Erfolg.
Die Zeitung ?Welt? berichtete am 12.08.2002:
?Kennt die Psyche des Agenten?
Die polnische Geheimdienst-Karriere Marcel Reich-Ranickis
im Spiegel seiner Personalakte
Von Gerhard Gnauck
Von 1944 bis 1950 hat Marcel Reich-Ranicki für das Ministerium für
öffentliche Sicherheit gearbeitet. Das berichtet der
Literaturkritiker in seiner Autobiographie. Als erste Zeitung erhielt
die WELT Einsicht in seine Personalakte.
Warschau ? Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki war nach dem Zweiten
Weltkrieg im kommunistischen Regime in Polen eine wichtigere Figur als
bislang bekannt. Das geht aus der Personalakte des Ministeriums für
Öffentliche Sicherheit (MBP) hervor, dessen Mitarbeiter Reich-Ranicki
Ende 1944 mit 24 Jahren wurde und mit kurzer Unterbrechung bis zum
28. Januar 1950 war. Sie liegt unter der Nummer IPN 0193/896 im
polnischen ?Institut des Nationalen Gedenkens (IPN)? in Warschau, der
polnischen Entsprechung der Gauck-Behörde. Die WELT erhielt als erste
Zeitung Einsicht in das bisher verschlossene Dossier, das jetzt im
?Lesesaal für offene Akten? des Instituts an der Warschauer
Towarowa-Straße ?zu wissenschaftlichen und publizistischen Zwecken?
eingesehen werden kann.
Demnach muß Reich-Ranicki die geheimpolizeiliche Arbeit für das neue Regime
geradezu mit Leidenschaft betrieben haben und ein hervorragender
Agentenführer gewesen sein. In mehreren ?Charakteristika? loben
verschiedene Vorgesetzte über mehrere Jahre hinweg Intelligenz und
Eifer: Er sei ?gut in der operativen Arbeit, vernarrt in den
Geheimdienst?, er ?kennt die Psyche des Agenten?, auch sei er der
Volksrepublik ?ergeben, politisch zuverlässig, bewährt?.
Seine Karriere gebe ?Anlaß zu großen Hoffnungen?. Bescheinigt werden
ihm auch ?große gesellschaftliche Kontakte in Parteikreisen?.
Allerdings werden in
manchen Bewertungen die Eigenschaften Arroganz und Opportunismus sowie ?
intelligenzlerhafte Manieren? getadelt. In der Mehrheit sind die Bewertungen
eindeutig positiv. Den gelegentlich fast euphorischen Ton bezeichnen
polnische
Historiker als ungewöhnlich: Gerade in der Staatssicherheit hätten
Vorgesetzte
stets äußerst zurückhaltend formuliert, um sich gegen künftige Konkurrenten,
aber auch gegen mögliche ?Fehlentwicklungen? des Beurteilten
abzusichern. Die jetzt freigegebene Akte umfaßt 109 Blatt, zum Teil
beidseitig beschrieben,
darunter Reich-Ranickis Aufnahmegesuch vom 25. 10. 1944,
Verpflichtungs- und Schweigeerklärungen, handschriftlich verfaßte
Lebensläufe, detaillierte
Personalfragebögen, Anträge der Vorgesetzten auf Beförderung, drei
Fotos und einige private Briefe. Im Dienst des Ministeriums brachte
es Reich-Ranicki schnell zum Rang eines Hauptmanns. Er erhielt drei
Auszeichnungen, eine davon, das Silberne Verdienstkreuz, mit der
summarischen Begründung ?für herausragende Verdienste, Tapferkeit im
Kampf mit Diversionsbanden und musterhaften Dienst?, wie es in der
Begründung heißt. Ein internes MBP-Personalhandbuch, das nach der
Wende in Polen nachgedruckt wurde, nennt ihn unter den wichtigsten
1100 Mitarbeitern.
Regensburger Bistumsblatt ? Nachrichten Aktuell,
Seite 12 vom 25. Januar 2000 / Nr. 5
Auch Millionen Deutsche mußten Zwangsarbeit leisten
Auch Millionen deutsche Zivilisten haben nach dem Zweiten Weltkrieg
jahrelang Zwangsarbeit leisten müssen. Nahezu eine Million von Ihnen
wurden mit oder nach dem Ende des Krieges 1945 zur Zwangsarbeit in die
Sowjetunion unter unmenschlichen Bedingungen verschleppt, darunter
auch Kinder. Rund 500.000 deutsche Zivilisten aus den Oder-Neiße-
Gebieten (Nieder- und Oberschlesien, Hinterpommern, Ostbrandenburg,
Posen, West- und Ostpreußen) und Polen, 30.000 Sudetendeutsche und
160.000 deutsche Zivilisten aus Südosteuropa wurden 1945 aus ihrer
Heimat zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert, um dort für Jahre
ausgebeutet zu werden. Allein auf den Transporten nach Rußland starben
bereits zehn Prozent der Deportationsopfer an Mißhandlungen, Hunger
und Kälte. Aber der Transport war erst die Vorhölle. Fast die Hälfte
der sogenannten Reparationsverschleppten starb in den Lagern. Über die
entmenschlichten Zustände in den Kolyma-Lagern, die zu den schlimmsten
der Sowjetunion zählten, berichtete eine deutsche Jüdin entsetzt und
fragend über das Schicksal junger Frauen: ?Warum brachen die
sowjetischen Offiziere, die die Siebzehnjährigen verhörten, den
Mädchen die Schlüsselbeine und traten ihnen die Rippen mit ihren
schweren Militärstiefeln ein? Das Leben der Frauen in Kolyma war
unglücklich, aber kurz.?
Nicht nur in die Sowjetunion wurden Deutsche als Zwangsarbeiter und
Zwangsarbeiterinnen deportiert. Auch in Polen, der Tschechoslowakei
und Jugoslawien gab es Zwangsarbeits- und Vernichtungslager für
Millionen von Deutschen. Bis zu ihrer Ausweisung durch diese Länder
wurden praktisch alle Deutschen dort zur Zwangsarbeit herangezogen,
auch außerhalb von Lagern. In Polen und den polnisch besetzten
Gebieten gab es in 1.255 Lagern mehr Tote als bei den
Vertreibungstransporten. Allein im Lager Lamsdorf/ Oberschlesien
starben von 8.000 Insassen 6.048. Auch in anderen oberschlesischen
Zwangsarbeitslagern herrschte unbeschreibliche Grausamkeit.
Planmäßiges Erschießen von arbeitsunfähigen Alten und Kranken gehörte
in verschiedenen Lagern zum Tagesgeschäft.
Massensterben in ausländischen Vernichtungslagern
In der Tschechoslowakei wurden nach dem Krieg 2.061 Arbeits-, Straf- und
Internierungslager unterhalten. Die Grausamkeiten in diesen Lagern waren
unbeschreiblich. Allein im Lager Mährisch Ostrau wurden bereits bis
Anfang Juli 1945 350 Insassen zu Tode gefoltert. Die Methoden
reichten von Totprügeln bis zur chinesischen Art, nach der sich eine
Ratte langsam in den Bauch des
Gefolterten frißt. Es spricht für sich, daß Überlebende dieser
Monsterlager über Nacht weiße Haare bekamen und andere geisteskrank
wurden. Die Zustände in den jugoslawischen Lagern waren eher noch
schlimmer. Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes hat für diesen
Raum 1.562 Lager und Gefängnisse ermittelt. Im Mai 1945 waren
praktisch alle bis dahin noch lebenden Jugoslawiendeutsche in Lagern
interniert und mußten Zwangsarbeit verrichten. Man unterschied
offiziell Zentralarbeitslager, Ostlager und Konzentrationslager für
Arbeitsunfähige.
Die letzten wurden inoffiziell auch End- oder Vernichtungslager genannt.
Allein im größten Lager dieser Art, Rudolfsgnad, sind von 33.000
Menschen nach den geretteten Aufzeichnungen eines Lagerarztes 9.503
Deutsche verstorben, davon 8.012 Erwachsene und 491 Kinder unter 14
Jahren. Namen wie Gakowo, Jarek oder Rudolfsgnad im damaligen
Jugoslawien, Potulitz, Lamsdorf oder Schwientochlowitz in den
deutschen Ostgebieten unter polnischer Herrschaft oder Theresienstadt
und Olmütz-Hodolan in der CSR stehen für viele andere
Zwangsarbeitslager in diesen Bereichen. All das geschah in einem
Zeitraum, als im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß gegen
Nazigrößen Todesurteile auch wegen Deportationen und Zwangsarbeit
ausgesprochen wurden. Schicksale durch Zwangsarbeit und Lagerqual
lassen sich mit Geld, in welcher Höhe auch immer, nicht aufwiegen.
Was not tut, ist die Erkenntnis über diese Verbrechen durch die Staaten, in
denen das Ungeheuerliche geschah. Was not tut, ist zudem die Aburteilung der
noch lebenden Verantwortlichen. Hier herrscht tiefes Schweigen in bezug auf
die deutschen Opfer.
Das Dossier ist eine Personalakte, die die Tätigkeit und Eignung des
Mitarbeiters Reich-Ranicki bilanziert. Einzelne ?operative Vorgänge?
enthält sie daher ebenso wenig wie den Decknamen ?Albin?, unter dem
er nach eigenen
Angaben geführt wurde, den er aber, wie Reich-Ranicki sagt, nie
benutzt hat. Über die frühe Zeit, in der er in der ?Kriegszensur?
(Postzensur) tätig war, die dem MBP unterstand, erfahren wir wenig,
ebenso über seinen Einsatz im
oberschlesischen Kattowitz. Laut MBP-Handbuch war er dort vom 5. 2.
bis 25. 3. 1945 Leiter einer ?Operationsgruppe?, die die Strukturen
des Bezirksamts der
Staatssicherheit aufbauen sollte. Danach war er, wiederum bei der Zensur, in
Warschau tätig. Nach Auskunft eines handschriftlich verfaßten
Lebenslaufs leitete Reich-Ranicki dort zeitweise kommissarisch die
Abteilung für die Zensur der gesamten Auslandspost. Offenbar aufgrund
eines Zerwürfnisses mit der Chefin der Zensurbehörde, Wierblowska, bat
er schriftlich um Versetzung und wurde im Auftrag des Amtes, das die
Rückführung von geraubten Industrie- und Kulturgütern aus Deutschland
nach Polen betrieb, an die polnische Militärmission in Berlin
entsandt (Januar bis April 1946). Nach seiner Rückkehr machte
Reich-Ranicki weiter im MBP Karriere. In der Abteilung
Nachrichtendienst wurde er binnen weniger Monate dreimal befördert
und war schließlich Leiter des Großbritannien-Referats und zugleich
kommissarisch stellvertretender Chef der II. (?operativen?) Abteilung,
die neben Großbritannien für Deutschland, Nordamerika und die Hälfte
der übrigen Welt zuständig war. Anfang 1948 wurde er unter dem
polnisch klingenden Namen Ranicki in doppelter Mission nach London
geschickt, wo er bis November 1949 blieb. Er war ausgeliehen an das
polnische Außenministerium und in London offiziell Vize-Konsul, dann
Konsul und zeitweise Leiter des Generalkonsulats, inoffiziell
Agentenführer. London war damals aus Warschauer Sicht der brisanteste
diplomatische Posten: Die Emigrantenszene um die nichtkommunistische
polnische Exilregierung sollte bespitzelt und infiltriert werden,
zugleich sollten möglichst viele Emigranten zur Rückkehr nach Polen
bewegt werden.
Das Generalkonsulat hat laut eigenen Berichten, die heute im Archiv des
Außenministeriums in Warschau liegen, im zweiten Quartal 1949 gerade
einmal 75 Pässe ausgestellt. Die Zahl erteilter Visa wird für ein
früheres Quartal (1947)
mit 90 angegeben. Doch die Emigranten, um die es ging, hatten ohnehin
polnische Pässe: Mit ihrer Rückführung war der Konsul, wie er in einem
Bericht an Warschau schrieb, ?in Zusammenarbeit mit dem Militärattaché
und den Behörden im Heimatland? im Detail befaßt. Auch die
nichtkonsularischen Aufgaben haben in den Akten Spuren hinterlassen:
In einem seiner Briefe an die Zentrale berichtet Konsul Ranicki am 12.
August 1948 von ?Elementen? unter den Emigranten, die einer
?verbrecherischen politischen Tätigkeit? nachgingen. Einer der dem
Konsul persönlich zugewiesenen Aufgabenbereiche waren nach einem
anderen Dokument ausdrücklich die Angelegenheiten der Exilpolen. Unter
seiner Leitung wurde eine Kartei mit Informationen über mehr als 2000
Emigranten geführt.
Nach den Angaben auf dem Laufzettel der Akte haben auch nach Reich-
Ranickis Ausreise nach Deutschland 1958 Mitarbeiter der
Staatssicherheit immer wieder die Akte angefordert. Zu der 1977
beantragten Vernichtung der Akte kam es jedoch aus unbekannten Gründen
nicht. Die MBP-Akte schildert auch detailliert, wie Reich-Ranicki Ende
1949 für einige Zeit in Ungnade fiel; als
Verdachtsmomente genannt (oder vorgeschoben) werden in der Akte immer
wieder seine ?unklare Rolle im Ghetto? ? er war bis 1943 Mitarbeiter
der Ghetto-Verwaltung gewesen – und die Erteilung eines polnischen
Visums an seinen angeblich ?trotzkistischen? Schwager in London. Im
Januar 1950 wurde Reich-Ranicki aus Partei und Ministerium
ausgeschlossen. Daraufhin erbat und forderte er, wie aus seiner
inzwischen im Warschauer ?Archiv für neue Akten? ebenfalls
zugänglichen Parteiakte hervorgeht, mehrfach seine Wiederaufnahme.
Laut Akte wurde er 1957 abermals in die Partei aufgenommen; den Brief
habe er nie erhalten, sagt Reich-Ranicki.
Aus der Personalakte
Auf dem ?Fragebogen für Mitarbeiter des Ressorts für Öffentliche Sicherheit?
macht Marcel Reich-Ranicki unter anderem folgende Angaben zur Person:
?Beruf: Büroangestellter; Besitzstand: keiner; Volkszugehörigkeit:
polnisch;
Konfession: mosaisch; Staatsbürgerschaft: polnisch; Ausbildung:
Abitur, Gymnasium in Berlin; Fremdsprachenkenntnisse: Deutsch,
Englisch, Französisch; Familienstand: verheiratet; Name und Vorname
der Frau: Teofila Langnas?. Auf die Frage nach dem Wohnort der Eltern,
antwortet er: ?leben nicht mehr?.
Vor London war Berlin. Hier hatten die Sieger des Zweiten Weltkrieges ?
darunter die Polen, mit denen alles losgegangen war ? Kontroll- und
Militärmissionen häuslich eingerichtet. Der Nie-Soldat MRR diente bei
der Polnischen Militärmission, schnupperte zur Vorbereitung auf London
die Berliner Luft, Diplomatenluft. Das der Auserwählte bei dieser
Kontrolle der Deutschen einige Schreibtischmorde beging, ist so wenig
überliefert wie seine Aufgabe von 1946 überhaupt geklärt ist. Daß MRR
in den für die Liquidierung der polnischen Exil-Regierung
entscheidenden ersten Nachkriegsjahren als Mitzwanziger ?Chef des
Generalkonsulats der Republik Polen in London? war, wurde von ihm
lange verschwiegen. Agentennamen, also falsche, halfen bei dieser
Vertuschung. Seit den Enthüllungen vom Fernsehmann Tilman Jens, Sohn
des Tübinger Rhetorik-Professors Walter Jens, bestreitet er nur noch
schlapp, gibt bruchstückweise zu, was nicht länger zu leugnen ist. Das
Zögern entschuldigt er mit einer Loyalität dem mörderischen Regime
gegenüber, dem er diente. MRR und die Familie Jens sind durch lange
Zeit befreundet ? gewesen. Solange, bis die finstere, kriminelle
Vergangenheit des Top-Agenten aus Warschau trotz aller deutschen
Verschweige-Blätter ans Licht kam ? aus dem Ausland. Tilman Jens
schrieb: ?
Reich-Ranicki, der multimedial zum Literaturpapst gefeaterte
Kultur-Clown, ist bekanntlich ein nachtragender Mann und sein
»Literarisches Quartett« eine Institution von marktbeherrschendem
Einfluß.? ? ?Der Spionage-Chef, wegen kleinerer Schwindeleien aus dem
Dienst und der Partei verstoßen, hatte in der polnischen Hauptstadt
literaturwissenschaftlich verbrämte Elogen auf den Stalinismus
geschrieben und bettelte dann um die Wiederaufnahme in die KP.? ??Was
Reich-Ranicki alles in London trieb und mit welchem Geheimauftrag
womöglich er 1958 nach Deutschland reisen durfte, werden wir in
letzter Konsequenz erst erfahren, wenn sich eines Tages die Archive in
Polen öffnen.? ??Die Briefe der Exilpolen ließ er mit Dampf öffnen.
Schon damals war Diskretion seine Sache nicht. Jede verdächtige Zeile
hatte augenblicklich auf seinem Schreibtisch zu landen.
Schon damals wurde emsig konspiriert und denunziert. Er sorgte dafür, daß
schwarze Listen von London ins Hauptquartier nach Warschau gelangten.
Verzeichnet waren die Namen von 2000 mißliebigen Exilanten. Auch die
physische Vernichtung eines Gegners war dem falschen Konsul
offenkundig nicht fremd.? ?Dienste?, die einen Eichmann illegal durch
die Lüfte von Argentinien nach Israel schaukeln können, die schaffen
solches auch von abgelegenen Flughäfen in England nach Polen. Tilman
Jens gibt weiter bekannt: ?Starzynski berichtet von einem Mordkomplott
gegen den in London lebenden, ehemaligen Konsul Markowski, und hegt
keinen Zweifel, »daß alles mit Marcel-Ranicki abgesprochen war. « Wer
in Ungnade fällt, ist erledigt. Das war einst die Praxis des
kommunistisch geschulten Kapitäns. Starzynski und seine Frau wurden in
Polen zum Tode verurteilt…seine Frau wurde vom Geheimdienst
vergiftet. Und das ist bis heute die Methode des Kritikers…. Daumen
hoch und Daumen runter. So schafft man ein Klima der Angst…. Wer der
Lächerlichkeit preisgegeben ist, den wird man nicht ernst nehmen.
Reich-Ranicki hat in seinem Spitzel-Verein fürs Leben gelernt.? ?
?Wer sich im Geheimdienst hochgearbeitet hat wie Reich-Ranicki, der
ist wohl ein Leben lang dazu verdammt, an den Erfolg des konspirativen
Handelns zu glauben.? ? ?In den Feuilleton-Redaktionen von »Spiegel«,
»Focus«, der “Zeit« und der »FAZ« haben bekanntermaßen Freunde und
Schüler Reich-Ranickis das Sagen. Herausgeber des »Tagesspiegel« ist
der Quartettfreund Karasek, auch im ZDF wird kein kritisches Wort über
den Literaturtalkmaster fallen.? Ein wenig traurig fragt Tilman Jens:
?Wie unabhängig oder wie verfilzt ist eigentlich Deutschlands
Literaturbetrieb?? Die ?Unterstellungen? von Tilman Jens bekamen ein
großes Echo in den deutschen Tageszeitungen. Die Waffe des
Verschweigens war stumpf geworden. Das Ausland berichtete laufend und
auch Warschau hatte gemeldet. ?Man liebt den Verrat, aber nicht den
Verräter.? Des MRR Credo wurde bei dem ?Kesseltreiben? bekannt: ?Wer
nicht bereit ist, für die breite Leserschaft zu schreiben, der hat in
der Kritik nichts zu suchen.? Daß dem Tilman Jens bei seinen
Ermittlungen ?Antisemitismus? nachgesagt wurde, paßt nur zum Bild
eines sowjetisch gesteuerten Agenten. Vorsichtig tasten sich nach dem
Enthüller Tilman Jens die deutschen Gazetten an das Geschehen.
Der ?Münchner Merkur? gibt sich einen Ruck, bezeichnet den MRR als
?flegelhaften Hofnarren!? Zuvor war das ?Hamburger Abendblatt? am 17.
Juni 94 losgezogen: ?Er war Chef von 50 Agenten … Reich-Ranicki
bestreitet diese
Darstellung.? Drei Tage darauf, am 20.6.94, berichtet das gleiche
Blatt, MRR gestehe inzwischen ein: ?Marcel Reich-Ranicki gibt zu,
polnischer Agent gewesen zu sein…. Als Hauptmann des polnischen
Geheimdienstes hieß Reich-Ranicki auch »Lessing«.? Das Geheimdienstler
tief drin in konsularischen Vertretungen stecken, ist weltweit gang
und gäbe. Oft weiß man nicht, wer da stärker vertreten ist ? die
wirklichen oder die getarnten Amtsträger. Im Londoner polnischen
Generalkonsulat der ersten Nachkriegsjahre war die Lage eindeutig:
MRR und seine fünfzig Schlapphüte waren die Meister und nicht
irgendwelche Lehrlinge. Reich-Ranicki behauptet: ?Ich habe dabei
niemandem geschadet.? Das behauptete einst auch Al Capone, das sollen
andere gewesen sein. Und so waren es auch hier ?Lessing? oder auch
gelegentlich ?Albin?, die ?Weiße Polen? rückliefern und vernichten
ließen. Nachweislich wurden einige aus London heimkehrende Exil-Polen
zum Tode verurteilt! Das ?Hamburger Abendblatt? bringt an diesem
MRR-Berichtstag 20.6.94 eine Kolumne unter der Überschrift ?Zumutung?.
Hier ist sie vollständig: ?Es ist schon grotesk, sich den
Literaturpapst nun in der Rolle des Überführten vorzustellen: Doch
Marcel Reich-Ranicki hat sich unnötig in eine Situation
hineinmanövriert, aus der er nun ohne Gesichtsverlust nicht mehr
herauskommen kann. Obwohl es dem eloquenten Literaturkritiker noch bis
vor kurzem möglich gewesen wäre, begreiflich zu machen, aus welchen
Gründen er 1944 in den Dienst des polnischen Geheimdienstes trat,
verhielt er sich genauso wie viele andere Prominente, die sich einst
mit der Stasi einließen: Er gab immer nur zu, was ihm nachgewiesen
werden konnte. Dabei war schon seit mindestens einer Woche klar, daß
der Kritiker keineswegs das unschuldige Opfer einer Verschwörung von
Tilman Jens, dem Sohn seines Intimfeindes Walter Jens, geworden ist.
Doch Reich-Ranicki ist nicht irgendein Autor, er ist eine Institution.
Und vielleicht wird er daher nicht so pauschal und undifferenziert als
Spitzel abgestempelt werden, wie vor ihm mancher ostdeutsche Autor in
vergleichbarer Lage. Das er allerdings sein Schweigen nun mit dem
Hinweis auf eine ?Verpflichtungserklärung? entschuldigt, ist eine
Zumutung. Denn obwohl der Hauptmannsrang beim Geheimdienst mehr gilt
als bei der Feuerwehr, ist nur schwer vorstellbar, daß sich
ausgerechnet ein bekennender Renegat so lange mit seiner Loyalität
kommunistischen Schlapphüten gegenüber verpflichtet gefühlt haben
könnte.?
An jenem 20.6.94 paukt den MRR der ?Spiegel? heraus, läßt ihn sagen: ?Das
mit dem Hauptmann hatte einen eher humoristischen Anstrich. Es war nur ein
Aktenvermerk. Denn eine Uniform trug ich natürlich nicht.? Trug
Ex-DDRler Markus Wolf bei seinen Agentenreisen nach Schweden seine
Generals-Uniform? Auch er bewegte sich mit Schlapphut und getönter
Brille. MRR entschuldigt sich weiter im ?bekannten Nachrichtenmagazin?
vom Montag, an diesem 20.6.94: ?Im Januar 1950 mußte ich eine
Erklärung unterzeichnen, demzufolge ich mich verpflichtete, niemals
ein Wort über Dinge zu sagen, die mit dem Geheimdienst zusammenhängen.
Ich habe diese Erklärung sehr ernst genommen, was ich nicht bedaure:
Ich hielt es für ein Gebot der Loyalität, für eine Anstandspflicht,
nichts über diese Angelegenheiten zu sagen.? Am Tage zuvor, am
19.6.94, versuchte die ?Welt am Sonntag? noch, dem MRR in seiner Not
beizuspringen: ?Irren ist menschlich ? Vom Geheimdienstoffizier zum
Literaturpapst: Was dieser Mann als Zensor in Polen oder
Geheimdienstoffizier in London machte, mag »keine Bagatelle« gewesen
sein…. Was zählt, ist Reich-Ranickis Engagement für eine Literatur,
die durch Leidenschaftlichkeit und Wahrhaftigkeit humanisiert.? Der
geneigte Leser staunt nicht schlecht: ?noch ein Humanist?. Die
Schreibtischmorde von Warschau, Lublin, Kattowitz und London sollten
nach dieser ?Welt?-Meldung gemäß Hiob 21,18 ?wie Spreu im Winde
verweht? sein. Das ?Hamburger Abendblatt? schließt das Kapitel MRR am
22.6.94: ?Begegnung mit einer schwierigen Vergangenheit: Zu einem
Zeitpunkt, an dem der polnische Sicherheitsdienst bereits 200.000
hauptamtliche Mitarbeiter zählte, war der damals 27jährige Reich
Sektionschef und stellvertretender Abteilungsleiter im VII.
Departement, also der Auslandsaufklärung. Eine Position, die hoch
genug war, um in das nun an die Öffentlichkeit gelangte Verzeichnis
der 1100 höchsten Geheimdienstfunktionäre von 1944- 1978(!)
aufgenommen zu werden. Eine Ironie des Schicksals, daß dieses
zweibändige Werk wohl zur Errechnung der Rentenansprüche verfaßt
wurde.? Diese polnische Rente für verdiente Stalinisten ist für MRR
ein kleiner Nebenverdienst. Wie sie erworben wurde, das ist belegt.
Die Ex-Geheimdienstler der deutschen ?zwölf Jahre? erblassen vor Neid.
Allerdings gibt es im Zuge der Aufklärung kommunistischer Verbrechen
an Polen Bestrebungen im Sejm, MRRs Dienst als verbrecherische
Organisation einzustufen und den Angehörigen so lediglich die
Mindestrente von ca. 150 Euro zu zahlen. Nach der Liquidierung der
polnischen in London untergekommenen Exil- Regierung bekam MRR sein
Gnadenbrot beim polnischen ?Militärverlag?, winselte als Alt-Kommunist
um Wiederaufnahme in die ?Kommunistische Partei? und war damit
schließlich erfolgreich. Ab 1957 war er wieder dabei. Ein Jahr darauf
wechselte er in die mehr bietende Nachbar-Republik Deutschland.
Israels Staatspräsident Weizman versteht die Welt nicht mehr. In Bonn
äußert er sich Anfang 1997 sehr öffentlich und deutlich zu den aus
anderen Ländern in die Bundesrepublik gewechselten Juden, die Israel
meiden. In seinem Buche ?Doppel Agent? (Brandenburgisches Verlagshaus,
Berlin 1997) erinnert sich Krzysztof Starzynski, einer von den fünfzig
Londoner MRR-Agenten, gut. In seinem Vorwort fürchtet Tilman Jens die
Waffe des ?Totschweigens?. Zu Recht hatte er diese Angst. Das
Enthüllungsbuch paßte nicht in die Medienlandschaft, nachdem MRR mal
wieder auf die Füße gefallen war. Vom lesenden Volke wird das Buch
kaum wahrgenommen. Starzynski, später zum Westen übergelaufen und in
der Südsee untergetaucht, berichtet: ?lm Herbst 1947 dachte wohl nicht
einmal Marceli Reich an eine solche Zukunft.
Genauso penibel wie der Literaturpapst heute Autoren lobt oder in Stücke
reißt, kümmerte sich »Kapitan« Marceli Reich um seine Aufgaben als
Agentenchef.
Stets korrekt, immer auf Formalitäten und auf die Effektivität seiner
Untergebenen bedacht, blieb er für etwa zwei Jahre mein direkter
Vorgesetzter.? ? ?Die England-Sektion war unter Marcel Reich-Ranicki
eindeutig die wichtigste innerhalb des politischen
Auslandsgeheimdienstes.? Im ?Spiegel?-Gespräch vom Juni 1994 erklärt
MRR: ?Jawohl, ich war in den Jahren 1948/49 Konsul der Republik Polen
in London und gleichzeitig ständiger Mitarbeiter des polnischen
Geheimdienstes.? Starzynski meint in seinem Buche weiter: ?Als
Resident des politischen Geheimdienstes war mehr als deutlich, daß es
der Geheimdienstler und nicht der Diplomat war, der hier das Sagen
hatte.? ? ?Jede noch so kleine Information über den Widerstand mußte
sofort von unserem Chef Ranicki an die Gegenspionage in Warschau
weitergemeldet werden. Die Abteilung I war bekannt für ihre grausamen
Verhörmethoden. Jeder auch nur winzige Hinweis auf eine Zusammenarbeit
mit dem Widerstand führte für die Betroffenen unweigerlich zu
Verhaftungen, Folterungen und meistens zum Tod.? ? ?Nur Reich- Ranicki
selbst weiß, welche Informationen er an Warschau weitergegeben hat und
welche Folgen dies für die Untergrundkämpfer und ihre Sympathisanten
in Polen hatte?.
Noch lebte der weiße Widerstand gegen die sowjetische Satelliten-Regierung in
Polens Wäldern und Städten. Verfasser Starzynski hält Rückblick auf seinen
früheren Vorgesetzten, der schließlich auf dem Abstellgleis endete,
der ?Schwindeleien wegen?: ?So hatte Reich-Ranicki behauptet, schon
1932 in Berlin der kommunistischen Jugend und 1937 der verbotenen KPD
beigetreten zu sein ? im Alter von 17 Jahren, als Sohn einer
bürgerlichen Familie! Nicht nur, daß diese Geschichte sehr
unglaubwürdig klang, es gab auch keinerlei Dokumente oder Zeugen, die
dies bestätigen konnten. Ranickis zweite Lüge betraf seine Tätigkeit
innerhalb des Judenrats im Warschauer Ghetto. Er hatte bisher immer
angegeben, nur ?auf einem untergeordneten Kanzleiposten? beschäftigt
gewesen zu sein. Tatsächlich war er jedoch Chefdolmetscher ?. Dann kam
Gnade, die vor Recht erging: ?Am 22. Februar 1957 wurde er wieder in
die Partei aufgenommen, eine Tatsache, die er später im Westen lieber
verschwieg.? ? ?Daß er als ehemaliger Offizier des kommunistischen
Geheimdienstes die Erlaubnis erhalten hatte, offiziell nach
Westdeutschland auszureisen, konnte ich mir nicht einmal im Traum
vorstellen. Ich kann es bis zum heutigen Tag nicht verstehen. Nur die
Wiederaufnahme in die kommunistische Partei läßt den Wechsel verstehen.
Des MRR Londoner Untergebener Starzynski beendet seine Sicht der
Dinge: ?Reich-Ranicki verheimlichte seine Vergangenheit bewußt und
selbst dann noch, als seine Lebenslegende nicht mehr zu halten war.?
Das große Verschweigen beim Tatvorgang ?Völkermord in Kattowitz 1945?
hält an. Einen Vergleich mit den ?Geiselerschießungen von Rom 1944?
stellt die Ehefrau des in Italiens
Hauptstadt zu ?Lebenslänglich? verurteilten verantwortlichen deutschen
Offiziers an. Marcel Reich-Ranicki organisierte als ?Leiter der
Operativen Abteilung? sehr wahrscheinlich den Völkermord entgegen
geltendem Völkerrecht mit. Herbert Kappler dagegen handelte auf
Befehl, um weitere Abschlachtungen seiner Soldaten zu verhindern ?
gemäß Kriegsrecht, folgend der Haager Landkriegsordnung. Die schrieb
nun einmal bei Geiselerschießungen vor: eins zu zehn. Weitere Morde
waren zu verhindern ? das war der Sinn. Dazu schreibt Ralf Schuler,
Redakteur der ?Welt? am 17.3.97 in seiner Zeitung: ?Man hatte sich an
die Haager Landkriegsordnung zu halten, die nach Partisanenangriffen
Geiselnahme im Verhältnis eins zu zehn für jeden Getöteten und auch
deren Erschießung gestattete.?
Auf Nachfrage teilt er mir am 17.4.97 in einem Drei-Seiten-Brief mit: ?Daß
dieses Verhältnis von eins zu zehn auch nach 1945 anerkannt und sogar
von den Alliierten zur Rechtsprechung herangezogen wurde, belegt unter
anderem der Fall des Herbert Kappler.? Marcel Reich-Ranicki blieb
unbehelligt. ? Herbert
Kappler dagegen wurde verurteilt und kam erst frei, als seine tapfere Ehefrau
ihn mit Hilfe eines 17 Meter langen Seils nach dreißigjähriger (!)
Festungshaft befreite. Danach ist als weiteres Opfer der nun 96jährige
Priebke dran, der bis heute in Italien inhaftiert ist. Von Marcel
Reich-Ranickis Untaten erfährt die Welt durch ein vereinbartes
Schweigegebot bis auf wenige
Zeitungsberichte nichts. ? Herbert Kapplers Einsatz für die am Leben
gebliebenen Kameraden aus Südtirol wird dagegen durch die Gazetten um
die Welt geschleift, bis nach Südamerika, bis hin in die Südsee. Der
Unterschied: Bei Reich Ranicki geht es um Tote auf der Verlierer-, bei
Kappler um Tote der Siegerseite.
VERGLEICH ? der Fall Kappler
Am 23. März 1944 marschierte die 11. Kompanie der Schutzpolizei des
Polizeiregiments Bozen zur Wachablösung durch die Via Rasella in Rom.
Als sich die Einheit auf Höhe des Hauses Nr. 155 etwa in der Mitte der
Straße befand, zerriß ohrenbetäubender Lärm die Stunde. Ein Müllkarren
voll Dynamit, auf der linken Straßenseite abgestellt, war explodiert.
In einer Breite von zehn Metern wurde das Band der Marschierenden
aufgerissen und schleuderte sie hinauf bis zum 3. Stockwerk des
Gebäudes. 26 Südtiroler Polizisten wurden buchstäblich auf der Stelle
in Stücke gerissen.
Eine kleine Gruppe junger Kommunisten war eigens aus dem Anlaß nach Rom
gebracht worden, die Bevölkerung aus ihrem Schlaf zu wecken und den
Haß gegen die deutsche Besatzungsmacht zu entfachen. Es handelte sich
um Rosario Bentivegna, Carla Capponi und Franco Calamandrei, die ihre
?Bewährungsprobe als Partisan? zu absolvieren hatten. Sie standen
unter dem Befehl des erst kürzlich aus Moskau heimgekehrten Palmiro
Togliatti.
Die Wirkung des Müllkarren-Attentats war furchtbar: 26 Polizeisoldaten
verloren ihr Leben auf der Stelle, sechs weitere erlagen im Laufe der nächsten
Stunden ihren schweren Verletzungen. Ebenso furchtbar ist das ?Spiel? mit
Zahlen, das sich anschloß. Aus dem Führerhauptquartier erging der Befehl ? von
Generaloberst Jodl unterzeichnet ? ?Repressalquote 1:10?, d.h. für jeden
dahingemeuchelten deutschen Polizeisoldaten sind zehn Italiener zu erschießen,
eine genaue Anzahl war in diesem Befehl nicht genannt; Vollzugsmeldung
innerhalb von 24 Stunden, und lapidar hinzugefügt ?Polizei ist
betroffen, Polizei sühnt?.
Herbert Kappler blieb keine andere Wahl als die der Befehlsausführung. Es
heißt immer wieder und bis in die jüngste Zeit hinein, Herbert Kappler
habe ?zu
viele? Italiener erschießen lassen. Man übersieht dabei völlig, unter
welchen Umständen 1948 das Kappler-Urteil zustande kam!
Voruntersuchung und Hauptverhandlung wickelten sich in einem
politischen Klima ab, das noch völlig unter dem Zeichen der
kommunistischen Mitregierung stand (im Frühjahr 1948 war Togliatti
noch Justizminister gewesen) und unter dem starken Druck der durch
das kommunistisch gesteuerte ?Befreiungskomitee? gelenkten
öffentlichen Meinung. ?Zeugen? und ?Sachverständige? der Anklage waren
großenteils führende Kommunisten. Die Richter waren befangen und
vermochten sich der auf Hochtouren laufenden Nachkriegs-
Hasspropaganda kaum zu entziehen und waren überdies bemüht, sich ein
politisches Alibi für ihre persönliche Vergangenheit im Dienste des
Faschismus und mit Deutschland verbündeten Staates zu schaffen. Die
maßgeblichen Zeugen der Verteidigung waren vom Gericht unterschlagen,
d.h. man hatte, soweit sie überhaupt zugelassen waren, ihre Vorladung
nur fingiert, indem man die Vorladungen gar nicht abgeschickt, deren
Kopien aber zu den Gerichtsakten geheftet hatte.
Das Urteil gegen Herbert Kappler erfolgte
? als mitschuldig an dem Tod von 335 Zivilpersonen
? wegen eigenmächtiger Erhöhung der Zahl der Opfer auf 335 Personen
? wegen willkürlicher Requisition von 50 kg Gold bei der israelischen
Kultusgemeinde Roms.
Damit hoffte Herbert Kappler die bereits anbefohlene Razzia abwenden zu
können, was einem Kollegen von Kappler in Tunis gelungen war. Die seit
Jahrzehnten vorliegenden eidesstattlichen Erklärungen der damals vom Gericht
unterschlagenen Entlastungszeugen schließen eine Schuld Herbert
Kapplers aus und zwar sowohl hinsichtlich einer eigenmächtigen
Erhöhung der Zahl der Opfer, als auch die einer schuldhaften
Fahrlässigkeit. Das Gericht, das eine Rechtfertigung des Angeklagten
durch Unterschlagung der maßgeblichsten Entlastungszeugen unterbunden
und damit eine Schuld konstruiert hatte, verurteilte Herbert Kappler,
dessen rastlosem Bemühen es gelungen war, die Zahl der Opfer auf ein
Mindestmaß zu setzen, zu lebenslänglichem Gefängnis.
Gegen dieses Urteil gab es keine Berufung, sondern nur eine Art beschränkter
Revision. Inzwischen war es gelungen, das rätselhafte Nichterscheinen der
Entlastungszeugen vor Gericht auf sehr einfache Weise aufzuklären.
Diese hatten den Mut, nicht nur die nicht erfolgte Vorladung in einer
schriftlichen
eidesstattlichen Erklärung anzuprangern, sie machten auch nachträglich
in aller
Form ihre Aussage, und so gerüstet sahen sowohl Herbert Kappler als
auch dessen Rechtsanwälte dem ?Ricorso? entgegen, der ja folgerichtig
nur mit einem Freispruch Herbert Kapplers enden konnte. Doch entgegen
den Gepflogenheiten
wurde das Revisionsverfahren abgelehnt und Kappler so um ein Recht
betrogen, das jedem italienischen Staatsbürger ? von italienischem
Gericht verurteilt ?
(auch einem Raubmörder!) zusteht. Als einzige Person liefen nicht nur
sämtliche Amnestien in Italien seit 1948 fruchtlos an Herbert Kappler
vorüber, die Entrechtung seiner Person ist folgerichtig nur auf die
Tatsache seiner
deutschen Staatsangehörigkeit zurückzuführen.
Zusammenfassend darf festgestellt werden:
Insgesamt verloren 42 Angehörige der deutschen Ordnungspolizei ihr Leben bei
dem meuchelmörderischen Attentat am 23. März 1944, das an Heimtücke
nicht zu überbieten war. Das Spiel mit und um Zahlen ist umso
erschütternder, als der
Prozeß gegen Herbert Kappler jede, aber auch jede nur annähernd mögliche
Objektivität vermissen läßt. 26 Polizeisoldaten verloren ihr Leben auf der Via
Rasella, im Laufe der nächsten Stunden erlagen weitere sechs ihren schweren
Verletzungen, ihnen folgte der 33. Es ist einfach falsch, wenn immer wieder
behauptet wird, Herbert Kappler habe eigenmächtig die Repressalquote
erhöht. Ein ausdrücklicher Befehl aus dem Stabe des Generals Mältzer
forderte die
Erhöhung der Quote um weitere 10 Personen beim Tode des 33.
Polizisten. Als Herbert Kappler Stunden später ?Vollzug? meldete,
wurde ihm der Tod des 34. und 35. Polizisten gemeldet, im Laufe des
Abends verstarben sieben weitere
Schwerverletzte. Damit ist jene fürchterliche Quote nicht über-, sondern
unterschritten. Der gesamte ?Fall Kappler? ist eine unbegreifliche
Reverenz an den Kommunismus und besonders an den Alt-Stalinisten
Palmiro Togliatti unter
Ausgrenzung der Tatsachen zur zeitgeschichtlichen Beurteilung. Mehr
als 60 Jahre nach den tragischen Geschehnissen vom mörderischen
Attentat und deren grausamer Vergeltung sollte endlich eine objektive
Betrachtung möglich sein. Während Priebke als Kapplers Untergebener
bis heute einsitzt, bezieht Marceli Reich Rente aus Deutschland und
Polen und wird von einer Universität nach der anderen zum
Ehrenprofessor ernannt. ?
Das Lager Potulice
Erna Kelm, Diakonisse aus Bromberg, berichtet über das Lager für
Deutsche in Potulice/Polen, entnommen dem Aktenbestand des Deutschen
Bundesarchivs in Bayreuth, Ostdok. 2/38/99-103.
?Wie sollen wir nur die Kinder anfassen, die zerbrechen uns in den Händen!?
Ich war von November 1945 bis September 1947 dort und will aus eigener
Erfahrung schildern, wie es dort zugeht. Es gehörten 29.000 Deutsche
zu diesem Lager. Die meisten waren auf Arbeitskommandos außerhalb,
4000 etwa im Lager.
Beim Eintritt in das Lager beginnen die ersten Grausamkeiten, und bei der
Beerdigung hören dieselben auf. Bei der Revision wurde den Menschen
alles, was sie noch an guten Sachen, auch Photographien, besaßen,
fortgenommen. Die 14tägige Quarantänezeit ist, seit der jetzige
Chefarzt dort ist, besonders im
Winter, weil die Baracken nicht geheizt werden, eine Qual; Strohsäcke
gibt es in diesen Baracken nicht. Soweit die Menschen im Besitz von
Betten und
Kopfkissen sind, werden diese ihnen abgenommen, über eine Decke
verfügen die meisten nicht. So wissen sie nicht, was sie auf die
Bretter legen und womit sie sich bedecken sollen. Die Fenster mußten
auch bei starkem Frost geöffnet sein.
Traf der Chefarzt, Dr. Cedrowski, ein nicht ganz geöffnetes Fenster oder eine
Frau, die wegen ihres geschorenen Kopfes bei strenger Kälte eine
Kopfbedeckung hatte, so erfolgten Strafen: Ohrfeigen, Kniebeugen,
stundenlanges Sitzen in Hockstellung bei offenem Fenster und halb
entblößtem Oberkörper. Eine schlimme Strafe ist, den Zementfußboden im
Flur den ganzen Tag über immer wieder wischen, auch wenn die Knie
schon wund sind. Geht der Chefarzt in den nächsten Tagen durch die
Baracken und sieht die wunden Knie, da sagt er: ?Gut so,
weitermachen!? Zuweilen wird Frauen der Kopf trocken rasiert, was
besonders schmerzhaft ist.
Nach der Quarantänezeit kommen die Aufgenommenen zu allerlei Arbeiten. Bei
den Arbeiten auf dem Gut, in der Gärtnerei und sonstigen Arbeiten, die
außerhalb des Lagers verrichtet werden, wurden die Menschen sehr
geschlagen. Kommt dieses der Lagerleitung zu Ohren, und es wird der
Fall untersucht, werden solche Zeugen herangeholt, die nichts
Bestimmtes aussagen können. Sagt ein Zeuge die Wahrheit, so wird er am
nächsten Tage so geschlagen, daß er nicht imstande ist, noch einmal
darüber zu sprechen. Ich habe oft Körper gesehen, an denen keine weiße
Stelle zu entdecken war. Eines Tages wurde eine Frau bei der Arbeit
erschossen, angeblich wegen Fluchtverdacht, was aber nicht auf
Wahrheit beruhte. Daraufhin wurde der schrecklichste Milizmann mit
einigen Deutschen hingeschickt, die Leiche zu holen. Diese wurde auf
Forkenstiele gelegt, und acht Frauen mußten sie tragen. Die anderen
der 150 Personen, die dort arbeiteten, wurden aufgefordert, sich quer
über den Weg zu legen, und die Frauen mußten mit der Leiche laufend
über diese hinweggehen. Diejenigen, die die Leiche trugen, wurden sehr
geschlagen, denn beim Laufen kam es vor, daß die Leiche ihnen von den
Forkenstielen herunterfiel. Einem jungen Mädchen hatten sie das
Fleisch von den Wadenknochen abgeschlagen. Als das Fleisch später in
Fäulnis überging, wurde sie ins Spital eingeliefert und starb an den
Folgen. Eine andere Frau kannte die Ordnung noch nicht, da sie den
ersten Tag bei der Arbeit war. Sie entfernte sich, um ihre Notdurft zu
verrichten. Daraufhin wurde sie so geschlagen, daß sie ins Lager
getragen und ins Spital eingeliefert werden mußte. Außer dem Gesicht
war von den Knien bis zu den Händen der Körper nicht blau oder grün,
sondern kohlschwarz. Eine Stunde nach ihrer Einlieferung war sie eine
Leiche.
Besonders gequält wurden die Menschen im Winter 1946/47 bei der Waldarbeit.
Männer und Frauen mußten Stubben (Baumwurzeln) roden. Die Erde war hart
gefroren. Auch hier reichten die Kräfte nicht aus, um das ihnen
auferlegte Pensum zu schaffen. Männer mußten in die Löcher der
ausgeredeten Stubben hinein. Dann wurde über ihre Köpfe hinweg
geschossen, um sie zu schrecken. Auch blieben hier die Schläge nicht
aus. Hierauf legte man ihnen eine Kette um, und die anderen mußten sie
herausziehen und auf dem Schnee herumschleifen. Ein besonders elender
Mann machte in seiner Verzweiflung eines Nachts seinem Leben durch
Erhängen ein Ende. Frauen mußten mit einem großen Arbeitswagen all die
Stubben aus dem Walde ins Lager fahren. Auch diese wurden, weil sie
die Last in dem Schnee nicht ziehen konnten, durch Fußtritte,
Kolbenstöße und dergleichen mißhandelt. Die schwerste Strafe ist der
Bunker. Hier kommen die Menschen ganz entkleidet hinein. Täglich wird
ihnen ein Eimer kalten Wassers über den Kopf gegossen, und sie müssen
Tag und Nacht im Wasser stehen. Die Männer bekommen 25 Hiebe auf die
Fußsohlen, und die Frauen werden in die Leistengegend geschlagen. Es
wurden Menschen aus dem Bunker ins Spital eingeliefert, bei denen sich
das Fleisch von den Knochen löste und sie bald ein Opfer des Todes
wurden. Das Schlagen im Bunker besorgte der Chefarzt mit dem
Platzkommandanten. Als im vorigen Sommer [1947] die größten Quälereien
verboten wurden, nahm man die zu Bestrafenden in das Büro der
polnischen Gestapo oder in das Zimmer des Chefarztes. Dort wurden sie
furchtbar geschlagen. Um einen guten Gesundheitszustand vorzutäuschen,
ist der Chefarzt sehr darauf bedacht, daß die Zahl der Belegschaft im
Spital nicht zu hoch wird. Oft werden die Leute erst dann aufgenommen,
wenn sie schon bald halb tot auf der Bahre hereingetragen werden.
Viele brauchen gar nicht mehr in das Bett hineingelegt zu werden,
sondern sterben schon auf der Bahre. Andere werden oft, unfähig allein
gehen zu können, entlassen. Die Zahl der Toten betrug täglich 10-12
Menschen.
Erschütternd sind die Verhältnisse in den drei Baracken für Alte und
Arbeitsunfähige. Etwa 1500 Menschen sind in diesen Elendshütten
zusammengepfercht. Schlimm ist, daß die Geisteskranken ohne Pflege und
Aufsicht unter den Alten untergebracht sind. Viele Alte sterben an
Hunger, andere sind so elend, daß sie des schlechten Eindrucks wegen,
den sie in der Öffentlichkeit machen würden, nicht nach Deutschland
abtransportiert werden, sondern auf ihren Tod warten müssen. Viele
Kranke im Lager müßten operiert werden. Der Unkosten wegen geschieht
dieses nicht. Der Chefarzt gibt auch auf große Bitten der
Betreffenden, sie doch für den Transport freizugeben, nicht seine
Erlaubnis. So müssen sie im Lager elend zugrunde gehen. Innerhalb
zweier Jahre waren im Lager Potulice ca. 800 Kinder. Die Zahl der
Säuglinge wechselte zwischen 30-50. Die Säuglingsbaracke, welche
gleichzeitig auch Entbindungsstation war, wurde schön hergerichtet.
Das geschah aber nur aus dem Grunde, daß alles einen guten Eindruck
machte, wenn die Kommissionen durchkamen und diese dann in der Presse
davon berichten konnten. Doch keiner fragt, wie viele Kinder in den
schönen, weißgestrichenen Bettchen verhungert und erfroren sind. Wenn
eine Kommission angesagt war, wurden die Baracken geheizt. Sobald die
Herren aber hinter dem Tor waren, bekamen die Männer, die die Heizung
bedienten, den Befehl, das Feuer ausgehen zu lassen. Als die
Sterbezahl der Kinder zu hoch wurde, stellte man einen Ofen auf.
Dieser konnte aber nur mit nassem Sägemehl geheizt werden.
Daher rauchte er so fürchterlich, daß die Fenster geöffnet werden mußten. Die
Nahrung der Säuglinge bestand monatelang aus Wassersuppen. Ging man
des Morgens um 4 Uhr an der Baracke vorbei, dann meinte man, das
Blöken der Lämmer, aber keine Kinderstimmen zu hören. In kurzer Zeit
sind von 50 Säuglingen nur zwei am Leben geblieben. Von diesen zweien
hatten die Mütter Gelegenheit, ihnen zusätzlich etwas zu geben. Eines
Tages ging ein polnischer Herr durch die Baracke. Als er die Kinder
sah, meinte er, die müßten Milch haben. Die Antwort des Chefarztes
war: ?Es genügt, wenn es auf dem Papier steht.? Anderen Herren wurde
erzählt, daß die Kinder Butter und Milch bekämen, welches gar nicht
der Wahrheit entsprach. Die Kinder von 11/2 bis 10 Jahren befanden
sich in einer Kinderbaracke. Diese durften bis Mai 1947 nur mittags
etwas draußen sein.
War der Chefarzt, Dr. Cedrowski, aber im Lager, wagte es kein Kind,
herauszugehen. Den ganzen Tag hockten sie eingeschüchtert und
verängstigt auf den Betten. Zu den grausamsten Tagen zählen auch die,
wenn die Mütter mit ihren Kindern, soweit sich diese im Lager
befanden, auf dem Platz antreten mußten, die Kinder ihnen fortgenommen
wurden, und sie nicht wußten, wo sie blieben. Weinten die Mütter, dann
bekamen sie Kolbenstöße. Viele Mütter haben nie mehr etwas von ihren
Kindern erfahren. Im Jahre 1946 kamen viele Kinder in das Kinderheim
nach Schwetz. Als dann später wieder ein Transport dorthin ging,
konnte ihn eine deutsche Frau, die als Schwester im Lager arbeitete,
begleiten. Als diese sich dort, im Auftrage einiger Mütter, nach deren
Kindern erkundigte, wurde ihr gesagt: ?Es sind Tausende von Kindern
hierher gekommen, wir konnten sie listenmäßig nicht erfassen. Die
meisten waren noch so klein, daß sie ihren Namen nicht wußten, sehr
viele sind gleich von polnischen Leuten abgeholt worden, wir wissen
nicht, wo sie sind.?
Als eine Anzahl von Müttern zum Transport ins Reich bestimmt war und diese
ihre Kinder durch das Rote Kreuz suchen ließen, wurden einige Kinder
zurückgeführt, welche schon einen polnischen Namen trugen. Darum
braucht man sich nicht zu wundern, daß ? man kann wohl sagen ?
Tausende nicht mehr ausfindig gemacht werden können. Auch hat man sie
so stark in andere Kinderheime, wie z.B. Bromberg, Schubin,
Hohensalza, Tuchel, Konitz, Thorn und verschiedene andere gepreßt, daß
ein großes Massensterben einsetzte. Eine Mutter hat von fünf Kindern
nur noch eins zurückbekommen. Dieses ist aber kein Einzelfall. Auch
war es nicht erlaubt, daß Geschwister miteinander sprechen. Eines
Abends hatte ich dienstlich in einer Kinderbaracke zu tun. Ein Junge,
13 Jahre alt, war ins Lager gekommen und hörte, daß seine Schwester, 9
Jahre alt, in der Baracke sei. Er kam an die Baracke, sie freuten sich
des Wiedersehens nach fast drei Jahren. Der Platzkommandant traf die
beiden an. Der Junge bekam einen Schlag ins Genick, daß er zu Boden
fiel. Hierauf bekam er Fußtritte, daß einem beim Anblick fast das
Herz brach. Von wie vielen Fällen könnte man noch berichten!
Grausam war die Behandlung deutscher Kinder in Polen. Es ist mir
unverständlich, daß Herren, die keinen Einblick in die Grausamkeiten,
die an Deutschen und auch an Kindern geschehen sind, es weitergeben,
daß diese Tatsachen nicht der Wahrheit entsprechen. Augenzeugen stellt
man als Lügner dar, deshalb, weil die Kinder jetzt gut genährt aus
Polen kommen. Es ist aber wohl nicht bekannt, daß alle zum Transport
bestimmten Kinder vom Arzt untersucht werden müssen. Alle zum
Transport bestimmten Personen, ob Erwachsene oder Kinder, die elend
sind, und Aufsehen erregen würden, werden jeweils sofort gestrichen.
Als der Transport im September 1947 ging, war der Chefarzt verreist,
daher war die Auslese nicht so stark, und es kamen auch elende Kinder
mit. In Breslau wurden die 154 Waisenkinder zurückbehalten. Ich blieb
bei den Kindern. Masern brachen aus, und die Kinder mußten ins
Krankenhaus geschafft werden. Polnische Schwestern sagten in meiner
Gegenwart: ?Wie sollen wir nur die Kinder anfassen, die zerbrechen uns
in den Händen!? Es kamen sogar diesen Schwestern die Tränen in die
Augen. Die Kinder gehen nur in Lumpen gehüllt. Einen Tag, bevor der
Transport geht, müssen alle antreten, und dann bekommen sie Sachen.
Bis dahin kümmert sich keiner um die Bekleidung. Im Gegenteil, wenn
sie ins Lager kamen und einzelne noch über ein gutes Stück verfügten,
verschwand dieses. Jetzt, da die Polen sahen, daß sie durch die
Transporte nicht mehr alles verbergen können und auch die Kinder
nicht alle zurückbehalten werden dürfen, bekommen sie eine gute
Zuteilung. Doch man kann die Schandtaten der drei Jahre damit nicht
zudecken.