Es ist in Deutschland ein weitgehendes Tabuthema, den Beitrag der jüdischstämmigen Soldaten des Zweiten Weltkrieges auf deutscher Seite zu würdigen. Weil es eben gar nicht in das Geschichtsbild paßt, das uns täglich in den Medien vermittelt wird.
Der junge amerikanische Historiker Bryan Mark Rigg hat 2002 ein hervorragendes Buch veröffentlicht unter dem Titel „Hitler’s Jewish Soldiers“ [The untold story of Nazi racial laws and men of jewish descent in the German military, University Press of Kansas, 433 Seiten, Leinen, reich bebildert, 36,90€, ISBN 0-7006-1178-9], welches nicht nur in Deutschland versucht wird, totzuschweigen [2003 erschien Riggs Buch unter dem Titel "Hitlers Jüdische Soldaten" in deutscher Sprache im Schöningh-Verlag und erlebte im selben Jahr gleich drei Auflagen.
Es kostet 38 € und hat 438 Seiten, die ISBN lautet 3506701150]. Rigg ist einer der jüngsten amerikanischen Geschichts-Professoren an der American Military University.
1971 geboren, machte er 1996 seinen BA, 1997 seinen MA und 2002 promovierte er zum Ph.D. Rigg ist verheirateter Familienvater und war nach der Entdeckung, daß seine Großmutter Edna Davidson Jüdin ist, Freiwilliger in der Israelischen Armee und Offizier im US-Marine-Corps. Im Bundesarchiv/Militärarchiv in Freiburg im Breisgau hat er eine eigene Sammlung mit seinen Aufzeichnungen und über 300 Interviews angelegt, die bezeugen, daß es in der Deutschen Wehrmacht nach Riggs Erhebungen mindestens 1.671 Soldaten jüdischer Abstammung gab (von denen – nach Geltung der „Nürnberger Rassegesetze“ der Nationalsozialisten – mindestens 7 als „Volljuden“, 80 als „Halbjuden“ und 76 als „Vierteljuden“ im Kampf den Soldatentod gefunden haben).
Mittlerweile schätzt Rigg die Gesamtzahl deutscher Soldaten mit jüdischer Herkunft innerhalb der ca. 18-20 Millionen Angehörigen der Großdeutschen Wehrmacht [einschließlich der ausländischen Freiwilligen - die alleine unter den ehemaligen Sowjetbürgern als Kombattanten in eigenständigen Einheiten und "Hilfswillige/Hiwis" in den Wehrmachts-Einheiten etwa 2 Millionen ausmachten - und der etwa 500.000 Frauen in den Reihen der Wehrmacht] auf etwa 150.000.
Selbst der Opfergang der deutschen Juden im Ersten Weltkrieg wird in der deutschen Bildung kaum vermittelt. Welcher Schüler oder Student wurde schon damit konfrontiert, daß von 100.000 deutschen Soldaten jüdischer Herkunft mehr als 12.000 getreu ihrer Pflichtauffassung für das Deutsche Reich gefallen sind?
Wem ist der tapfere Leutnant Frankl ein Begriff, dem als einer der erfolgreichsten deutschen Jagdflieger der preußische Orden „Pour-le-Mérite“ verliehen worden ist? Für die Zeit des Zweiten Weltkrieges ist vor allem Reichsmarschall Hermann Görings Ausspruch „Wer Jude ist, bestimme ich!“ bekannt. So zählten in der Teilstreitkraft der Luftwaffe prozentual besonders viele deutsche Juden (mit „Deutschblütigkeits-Erklärungen“, die von Hitler persönlich ausgehändigt wurden) zu den Soldaten der Wehrmacht.
Aber selbst die Waffen-SS hatte deutsche Juden in ihren Reihen. Es ist weder Relativierung noch Negierung von millionenfach verübtem Unrecht an deutschen und ausländischen Juden während der Zeit der Nationalsozialisten (durchschnittlich verlor jeder Soldat von Riggs Studie 8 Verwandte im Holocaust; der mit dem EK I. ausgezeichnete Unteroffizier Hans Günzel sogar 57), wenn man auch den Beitrag der patriotischen Juden erwähnt, die in den Reihen der Wehrmacht nicht für Hitler kämpften – wohl aber wie ihre Väter im Ersten Weltkrieg – in der Pflicht für ihr Vaterland Deutschland.
Zu den bekanntesten Ritterkreuzträgern jüdischer Herkunft zählen die beiden Brüder Milch [Erhard (1892-1972)als Generalfeldmarschall und Staatssekretär, Werner (+1984) als Major und Dr.jur.], Oberst Walter Hollaender (1903-74) und Major Robert Borchardt (1912-85), welcher sein Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes im Wüstensand Afrikas an der Seite von Generalfeldmarschall Erwin Rommel erhalten hat.
Der jüdische deutsche Major hatte die chinesische Nationalarmee mit ausgebildet und neben der höchsten deutschen Tapferkeits-Auszeichnung im Zweiten Weltkrieg auch das Deutsche Kreuz in Gold und die Ehrenblattspange des Heeres verliehen bekommen. Borchardt wurde im Nachkriegswestdeutschland Legationsrat 1. Klasse im Auswärtigen Amt und Abteilungschef im Bundesnachrichtenbdienst (BND).
Er hatte ein nicht untypisches Familienschicksal: sein Vater Philipp kam 1938 in das KL Dachau, nur weil er Jude war. Sein Bruder Ernst erhielt von Hitler ebenso eine „Deutschlütigkeitserklärung“, mit dem er vom Staatsoberhaupt „zum Ehren-Arier deklariert“ wurde. Sehr zum Mißfallen seiner Schwester und seines Vaters, die während des Krieges nach Großbritannien flohen. Als schwer verwundeter Leutnant beging Ernst Borchardt – vielleicht auch angesichts der Verbrechen an anderen Juden – Suizid.
Der Bruder des Vaters der Borchardt-Brüder, Rudolf (1877-1945), war der Dichter und Freund Hugo von Hofmannsthals. Er hatte vier Jahre lang als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg gekämpft und war „mit Stolz Ostpreuße“. Zwei Onkel blieben 1916 auf dem Schlachtfeld. Zwei Brüder des Borchardt-Großvaters dienten im Krieg 1870-71, zwei Brüder deren Urgroßvaters kämpften in den Befreiungskriegen 1813-15; einer von ihnen fiel bei Leipzig.
Für Major Robert Borchardt war sein Fronteinsatz Liebe zu Deutschland: „Ich diente, weil ich beweisen wollte, daß Hitlers Rassen-Nonsens falsch war. Ich wollte beweisen, daß Menschen jüdischer Abstammung tatsächlich tapfere und mutige Soldaten waren“.
Einer von mindestens 21 deutschen Generalen und Admiralen jüdischer Herkunft während des Zweiten Weltkrieges war Generalleutnant Hans-Heinrich Sixt von Armin (1890-1952, auch sein Vater Friedrich war General der Infanterie im Ersten Weltkrieg gewesen und Träger des preußischen Tapferkeitsordens Pour-le-mérite), welcher als Stalingrader Kriegsgefangener und Ritterkreuzträger vehement gegen das kommunistisch beeinflußte „Nationalkomitee ‘Freies Deutschland’“ in den sowjetischen Gefangenenlagern protestierte.
Er war einer der schärfsten Gegner des „Verrätergenerals“ von Seydlitz (welcher der Sowjetregierung vorschlug, aus kriegsgefangenen deutschen Soldaten eine Kampfeinheit gegen die Deutsche Wehrmacht aufzustellen) und fand Anfang der 1950er Jahre hinter Stacheldraht den gewaltsamen Tod [im Gegensatz zu Sixt von Armin ließ sich von Seydlitz nach einem Jahrzehnt Gefangenschaft im "Sowjetparadies" nicht etwa in die SBZ/DDR sondern nach Westdeutschland entlassen und starb verlassen in Bremen].
Die beiden Ritterkreuzträger Oberst Walter Lehweß-Litzmann [Enkelsohn des von Hitler sehr verehrten Generals Karl Lehweß-Litzmann, nach dem auch Lodz seinen neuen Stadtnamen bekam] und Vizeadmiral Bernhard Rogge (1899-1982; Inhaber des 45. Eichenlaubes zum RK des EK und des Samurai-Schwertes des Japanischen Kaisers) waren nur zwei von mindestens 25 deutschen Juden, welchen die höchste deutsche Tapferkeitsauszeichnung des Zweiten Weltkrieges verliehen worden ist (mindestens 12 weitere trugen das Deutsche Kreuz in Gold, mindestens 1 das Deutsche Kreuz in Silber, mindestens 1 das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern).
Lehweß-Litzmann baute als fachkundiger Luftwaffen-Offizier der Wehrmacht die Luftstreitkräfte der DDR auf, er wurde Oberst i.G. in der NVA. Rogge baute seinerseits die Marine der westdeutschen Bundeswehr entscheidend mit auf und schied 1962 als Konteradmiral aus. Bundespräsident Karl Carstens sagte dem Admiral am 4.11.1979 zu dessen 80. Geburtstag: „Ich kenne Sie als Seeoffizier, der in VIER deutschen Marinen gedient und sich in Krieg und Frieden bewährt hat!“.
Beide Höchstausgezeichneten, Oberst i.G. der Nationalen Volksarmee Walter Lehweß-Litzmann und Konteradmiral der Bundeswehr Bernhard Rogge, galten nach den „Nürnberger Rassegesetzen“ als „Vierteljuden“!
Bryan Mark Rigg bezieht sich nicht auf die Geschichtsauffassung Napoleon Bonapartes, der einmal sagte: „Geschichte ist die Summe aller Lügen, auf die man sich nach 30 Jahren geeinigt hat“, sondern stellt seinem wichtigen Werk einen Ausspruch des ebenfalls politisch unkorrekten Historikers Ian Kershaws voran: „Knowledge is better than ignorance, History better than myth“.
S. J.