1.) Aktuelle Kurzmeldungen aus der FAZ
2.) Längere aktuelle Berichte aus der FAZ
3.) Juden in Deutschland (aus jüdischer Sicht)
4.) Christen im Gaza-Streifen (aus jüdischer Sicht)
5.) SPD-Stiftung Gegen Rechts (wogegen auch sonst?)
[Demokratie und Grundrechte nur für Linke!]
Neonazis dürfen nicht marschieren
Zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg am 13.
Februar dürfen Neonazis nicht wie sonst durch die Elbestadt
marschieren. Die Stadt erlaubte ihnen nur eine “stationäre
Kundgebung”. Die Verwaltung begründete das am Mittwoch mit möglichen
gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Rechts- und
Linksextremisten. Grundlage für die Entscheidung ist das jüngst
beschlossene neue Versammlungsgesetz. (dpa/epd)
F.A.Z., 28.01.2010, Nr. 23 / Seite 4
[Weil's Linke - sprich: bessere Menschen - sind!]
Freispruch nach Mordanklage
Zwei heute 17 und 20 Jahre alte Schüler, denen versuchter Mord
vorgeworfen worden war, weil sie am 1. Mai vergangenen Jahres in
Kreuzberg einen Molotowcocktail auf Polizisten geworfen haben sollen,
der eine unbeteiligte Frau traf und verletzte, sind vom Berliner
Landgericht am Donnerstag freigesprochen worden. Die beiden saßen vom
1. Mai bis zum 17. Dezember 2009 in Untersuchungshaft, dafür werden
sie entschädigt. Beide hatten die Tat stets bestritten und sich für
Opfer einer Verwechslung erklärt. Das Gericht befand, die Täterschaft
sei ihnen tatsächlich nicht mit der erforderlichen Sicherheit
nachzuweisen, daher seien sie freizusprechen. Revision beim
Bundesgerichtshof ist möglich. (mk.)
F.A.Z., 29.01.2010, Nr. 24 / Seite 4
Neue Vorwürfe gegen SS-Mann
reb. DÜSSELDORF, 28. Januar. Im Mordprozess gegen den früheren SS-Mann
Boere in Aachen hat die Nebenklage Strafanzeige wegen Mordes in sieben
weiteren Fällen gestellt. Der heute 88 Jahre alte Boere soll 1944
niederländische Fluchthelfer verraten haben, von denen sieben kurz
darauf ermordet worden seien. Der Sachverhalt verdeutlicht nach
Auffassung der Nebenklage die kriminelle Energie Boeres als eifriger,
überzeugter Nationalsozialist. Boere hatte Anfang Dezember gestanden,
vor 65 Jahren drei niederländische Zivilisten ermordet zu haben, sich
aber auf Befehlsnotstand berufen. Die drei Morde sind nach Ansicht der
Staatsanwaltschaft als völkerrechtswidrige Repressalien der deutschen
Besatzer gegen die niederländische Bevölkerung zu werten.
F.A.Z., 29.01.2010, Nr. 24 / Seite 4
Längere Stasi-Überprüfung geplant
In einer aktuellen Stunde des Bundestags am Donnerstag hat sich
abgezeichnet, dass die Regierungsfraktionen von Union und FDP eine
abermalige Verlängerung der Stasi-Überprüfung von leitenden
Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes vorbereiten. Die Überprüfung
sollte laut Stasi-Unterlagengesetz von 1991 nach 15 Jahren enden.
Diese Regelung war 2006 vom Bundestag einvernehmlich bis zum Jahr 2011
verlängert worden. Nun soll es bis 2016 möglich sein, Führungspersonal
von Justiz, Militär und Sport auf Stasi-Verstrickung zu überprüfen.
Allein die Abgeordnete der Linkspartei, Luc Jochimsen, wandte sich
gegen den Plan: So lange Fristen widersprächen der Rechtstradition,
selbst schwere Straftaten verjährten nach zehn Jahren. (mk.)
F.A.Z., 29.01.2010, Nr. 24 / Seite 4
Diskussion über DDR-Aufarbeitung
Der brandenburgische SPD-Fraktionsvorsitzende Dietmar Woidke hat am
Mittwoch in Potsdam Zweifel daran geäußert, dass für die
Enquetekommission zur Aufarbeitung der brandenburgischen Bewältigung
der SED-Diktatur bereits Arbeitsaufträge formuliert werden können. Die
Diskussion über die “Aufarbeitung der Aufarbeitung” – gemeint ist das
geringe Engagement für die Folgen der SED-Diktatur in Brandenburg -
sei noch nicht so weit gediehen, sagte Woidke. Seit Rot-Rot
Brandenburg regiert, werden sowohl im Landtag als auch in den
Gemeinden Stasi-Überprüfungen initiiert. Der
Grünen-Fraktionsvorsitzende Axel Vogel hatte vorgeschlagen, darüber
hinaus auch parlamentarisch zu untersuchen, warum das Land Brandenburg
seit 1989/90 an der historischen Aufarbeitung wenig Interesse hatte
und welche Rolle die Politik dabei spielte. (mk.)
F.A.Z., 28.01.2010, Nr. 23 / Seite 4
Gericht: Williamson soll erscheinen
Der Bischof der Piusbruderschaft Richard Williamson soll sich am 16.
April vor dem Regensburger Amtsgericht wegen Leugnung des Holocaust
verantworten. Ein Sprecher des Gerichts sagte am Mittwoch, für den
Prozess sei das persönliche Erscheinen Williamsons angeordnet worden.
Sollte der Brite nicht erscheinen, müsse er aber keine Konsequenzen
fürchten. Der Prozess werde auf jeden Fall auch ohne Williamson
stattfinden. Der Bischof hatte im November 2008 im oberpfälzischen
Zaitzkofen die Existenz von Gaskammern zur NS-Zeit bestritten. (ddp)
F.A.Z., 28.01.2010, Nr. 23 / Seite 4
Stiftung für NS-Opfer bleibt
M.L. MOSKAU, 27. Januar. Russlands Regierung wird die vom russischen
Staat gegründete Stiftung “Verständigung und Versöhnung” nun doch
nicht schließen und will sich stattdessen finanziell an Hilfsprojekten
für betagte russische Opfer des Nationalsozialismus beteiligen. Das
wurde am Mittwoch beschlossen. Das russische Gesundheitsministerium
hatte die Schließung der Stiftung, die sich um einstige Zwangsarbeiter
und Kriegsgefangene kümmert, mit der Begründung vorgeschlagen, sie
führe keine sozialen Projekte mehr durch; zudem sei kein Geld aus
Deutschland mehr vorhanden. Die Höhe der nun zugesagten finanziellen
Beteiligung Russlands sei jedoch offengeblieben, sagte der Leiter der
Stiftung, Sergej Truchatschow, dieser Zeitung. Nach Angaben aus Berlin
hat die russische Stiftung aus Mitteln der deutschen Stiftung
“Erinnerung, Verantwortung, Zukunft” 300 000 Euro aus dem
Förderprogramm “Treffpunkt Dialog” zur Betreuung der Opfer erhalten
und zugesagt, eine gleichgroße Summe in Russland einzuwerben. Ohne
finanzielle Beteiligung des russischen Staates würde die Weiterarbeit
der Stiftung in Gefahr geraten, die gerade dabei ist, ein Netz lokaler
Beratungs- und Betreuungsstellen für die alten, oft traumatisierten
Menschen aufzubauen.
F.A.Z., 28.01.2010, Nr. 23 / Seite 5
Glosse Politik
Asyl in Tennessee
Der amerikanische Bundesstaat Tennessee hat der Familie Romeike
politisches Asyl gewährt, weil ihr in Deutschland verboten wurde, ihre
Kinder selbst zu unterrichten. Die Romeikes sind nicht die ersten
Deutschen, die in den Vereinigten Staaten Asyl erhalten. Und sie sind
auch nicht die einzigen Eltern, die wegen der in Deutschland
bestehenden Schulpflicht ans Auswandern denken. Angesichts der
schulischen Verhältnisse in manchen Großstädten können sicher viele
Eltern den Wunsch nachvollziehen, ihre Kinder selbst zu unterrichten.
Manche wären dazu wohl auch in der Lage. Den wenigen aber, für die das
realisierbar und gewinnbringend wäre, stünden sehr viele Opfer einer
Aufhebung der Schulpflicht gegenüber. In einigen protestantischen
Gegenden Südwestdeutschlands ist die allgemeine Schulpflicht schon
mehr als vierhundert Jahre Gesetz. Sie war ein wesentlicher Motor der
Aufklärung und des Fortschritts. Das Homeschooling breitet sich erst
seit etwa dreißig Jahren in den Vereinigten Staaten aus, besonders bei
Evangelikalen wie den Romeikes. Auf Luther sollten sie sich besser
nicht berufen. Dt.
F.A.Z., 28.01.2010, Nr. 23 / Seite 10
Glosse Feuilleton
Lernbereit
Ein amerikanisches Gericht hat soeben den Versuch, in Deutschland die
Schulpflicht durchzusetzen, als politische Verfolgung andersdenkender
Eltern und darum als Motiv für politisches Asyl interpretiert. Auch
hierzulande gibt es Gerichte, die für Teile des Unterrichts ein
elterliches Recht auf Schulbefreiung der eigenen Kinder annehmen; etwa
wenn religiöse Vorbehalte gegenüber Schwimmstunden bestehen. Beides
zeigt einen Wandel im Verständnis von Schulpflicht. Historisch war sie
zunächst gegen Eltern eingeführt worden, die ihren Nachwuchs lieber
bei der Feldarbeit gesehen haben. Erst später entstand der Eindruck,
sie richte sich an die Kinder. Tatsächlich sind Schulen ein Sonderfall
professioneller Problemlösung. Während die Klienten der Ärzte, der
Anwälte, der Pastoren oder der Steuerberater freiwillig zu ihnen
kommen, gilt das für die Klienten der Lehrer nicht. Schüler teilen oft
gar nicht den Eindruck, ein Problem zu haben, das durch Unterricht
gelöst wird. Also entscheidet der Staat, gewissermaßen im Namen ihres
späteren Ich, das sagen wird “Gut, dass ich eine Schule besucht habe”,
gegen ihr gegenwärtiges. Dieses Argument setzt allerdings voraus, dass
man überhaupt die Schüler und nicht Familien als die Klienten der
Schule begreift. Mehr noch: Es verlangt nachgerade, den Sinn der
Schule darin zu erkennen, dass die Kinder eine Welt durchleben, die
nicht familiär geprägt ist, in der es nicht um Liebe, sondern um
Achtung geht, nicht um Verständnis für Ausnahmen, sondern um kognitive
Standards und Vergleiche, um universalistische Einstellungen, nicht um
weltanschauliche Privatmeinungen. Die Schule ist nicht nur dazu da,
die Nebenflüsse der Weser und den Dreisatz zu vermitteln. Das mögen
auch Eltern können; und manche vielleicht sogar erfolgreicher als die
eine oder andere öffentliche Schule. Sondern sie soll die Schüler auf
eine Welt vorbereiten, an der teilzunehmen voraussetzt, von Normen des
familiären Lebens abstrahieren zu können. Hier liegt das “Interesse
der Kinder” an einem öffentlichen Unterricht, das die amerikanischen
Richter nicht finden konnten. Wenn hingegen immer mehr Eltern – teils
aus religiösen, teils aus ambitiösen Gründen – meinen, die Schule habe
ihren Nachwuchs nach ihren privaten Vorstellungen zu erziehen, sind
sie blind für dieses Interesse und die eigentliche Leistung der
Bildungsanstalten. Von den Schülern wird man nicht erwarten können,
dass sie ganz freiwillig kommen. Von den Eltern ist die Einsicht zu
verlangen, dass es Dinge gibt, die man zu Hause niemals lernt, weshalb
der Schule und der Demokratie überlassen werden muss, wie und was
unterrichtet wird. kau
F.A.Z., 29.01.2010, Nr. 24 / Seite 31
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Netanjahu besucht Auschwitz
Gedenkfeier / Umfrage: Auch Polen sehen Auschwitz als Ort jüdischen Leids
ul. WARSCHAU, 27. Januar. Der israelische Ministerpräsident Benjamin
Netanjahu hat am Mittwoch in Auschwitz, dem polnischem Oswiecim,
zusammen mit dem polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski sowie mit
Ministerpräsident Donald Tusk und dem Präsidenten des Europäischen
Parlaments, Jerzy Buzek, der Befreiung des dortigen deutschen
Vernichtungslagers durch sowjetische Truppen vor 65 Jahren gedacht.
Bei seiner Rede am Mittwochnachmittag versprach Netanjahu, er werde
vom jüdischen Volk jedes weitere Übel abwenden. “Mörderisches Unheil
muss so früh wie möglich gestoppt werden”, fügte er in seiner
Ansprache vor Überlebenden des Lagers und internationalen Gästen hinzu.
Zuvor hatte der Präsident des Europäischen Parlaments, Buzek, schon
die Erfahrung von Auschwitz mit der Entstehung der Europäischen Union
in Verbindung gebracht. “Die Europäische Union ist entstanden, damit
der Albtraum des Krieges nie wiederkehrt.” Das Vernichtungslager
Auschwitz habe deshalb für die Union symbolischen Wert. Buzek dankte
den Soldaten der sowjetischen Armee, die 1945 Auschwitz befreit hatten.
Schon vor einigen Tagen hatte eine Umfrage, die die Zeitung “Gazeta
Wyborcza” veröffentlicht hatte, darauf hingewiesen, dass die
Einstellung der Polen zum Holocaust und zu Auschwitz sich in den
vergangenen Jahren deutlich geändert hat. Zu kommunistischen Zeiten
war Auschwitz vor allem als Ort polnischen Leidens dargestellt worden,
weil in der Tat auch viele nichtjüdische Polen dort inhaftiert und
ermordet worden sind. Als sich dann nach der Wende der Akzent der
Wahrnehmung unter dem Einfluss der Weltöffentlichkeit zum jüdischen
Leiden hin verschob, empfanden viele Polen das als Entwertung ihrer
eigenen Erinnerungen. Rund um das ehemalige Vernichtungslager kam es
zu Protestaktionen, und eine Zeitlang wurde ein “Wald von Kreuzen”
errichtet, um die Ansprüche der “christlichen Opfer” auf Gedenken zu
unterstreichen. Die Umfrage der “Gazeta Wyborcza” zeigt nun, dass
diese Phase der Opferkonkurrenz sich offenbar ihrem Ende zuneigt: Die
Demoskopen fanden heraus, dass mittlerweile 47 Prozent der Polen
Auschwitz vor allem als einen Ort jüdischen Leidens sehen. Für 39
Prozent stehen allerdings nach wie vor die polnischen Opfer im
Vordergrund.
F.A.Z., 28.01.2010, Nr. 23 / Seite 2
Warum ich Benedikt XVI. verteidige
Gegen die wohlfeile Desinformation: Der Papst und das jüdische Volk
Von Bernard-Henri Lévy
Sobald die Rede auf Benedikt XVI. kommt, beherrschen, zumal in
Frankreich, Vorurteile, Unaufrichtigkeit und sogar die glatte
Desinformation jede Diskussion. Damit sollte endlich Schluss sein.
Schon gleich nach seiner Wahl begann in den französischen Medien eine
Berichterstattung, die ihm “Ultrakonservativismus” vorwarf – als könne
ein Papst überhaupt etwas anderes sein als konservativ! Dann kamen
diese schwerfälligen Witze und unterschwelligen Andeutungen über den
“deutschen Papst”, den “Post-Nazi” in der Soutane, den die Komiker von
den “Guignols de l’Info” gleich mal “Adolf II” betitelt haben – weil
er, wie alle Kinder und Jugendlichen seines Jahrgangs, zur
Hitlerjugend eingezogen wurde.
Und dann hat man die Texte verfälscht, beispielsweise in der Erwähnung
seines Besuchs in Auschwitz, zu dem seitdem immer wieder, in einer
medialen Endlosschleife, behauptet wird, der Papst habe sechs
Millionen ermordeter Polen gedacht, die Opfer einer Verbrecherbande
geworden seien. Dies ist schon eine schockierende Unwahrheit, denn
Benedikt hat an jenem Tag sehr wohl von den “Mächtigen des Dritten
Reiches” gesprochen, die versucht hätten, das “jüdische Volk aus den
Reihen der Nationen der Welt zu eliminieren”. So steht es auch in “Le
Monde” vom 30. Mai 2006.
Mit dem Besuch des Papstes in der Synagoge von Rom hat diese
verdrehende Berichterstattung allerdings einen neuen Höhepunkt
erreicht. Es war eigentlich wie bei seinen Besuchen in den Synagogen
von Köln und New York, auch da hat der Chor der Desinformateure nicht
einmal abgewartet, dass Benedikt den Tiber überquert, um urbi et orbi
zu verkünden, der Papst habe nicht die richtigen Worte gefunden, nicht
die treffenden Gesten vollzogen und überhaupt die Sache in den Sand
gesetzt.
Da der Besuch in Rom noch gut in Erinnerung ist, sei es mir gestattet,
einige Aspekte besonders zu würdigen. Benedikt hat, als er vor dem
Kranz aus roten Rosen der 1021 römischen Juden gedachte, nur seine
Pflicht getan, aber er hat sie eben getan. Er hat, als er die
“Gesichter der Frauen, Männer und Kinder” ehrte, die beim Versuch, das
“Volk des mosaischen Bundes auszulöschen”, aus dem Leben gerissen
wurden, eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen – aber er hat sie
ausgesprochen. Benedikt hat sich das an der Klagemauer gesprochene
Gebet seines Vorgängers wortwörtlich zu eigen gemacht. Er hat das
jüdische Volk also um Verzeihung gebeten, für einen Antisemitismus,
der sich lange aus dem Katholizismus speiste. Und da er dies mit den
Worten von Johannes Paul II. tat, könnte man also aufhören,
eselsgleich zu wiederholen, er würde gegenüber seinem Amtsvorgänger
einen Rückschritt vollziehen.
Man kann einem Mann, der auch jetzt wieder betont hat, der Prozess des
christlich-jüdischen Dialogs sei “unwiderruflich”, der erklärt, den
“Dialog unter Gleichen” mit den “älteren Brüdern” der Christen, den
Juden, “vertiefen und fortentwickeln” zu wollen, diesem Papst also
kann man alles Mögliche vorwerfen, aber sicher nicht, den von Johannes
XXIII. begonnenen Prozess “einzufrieren”.
Und dann ist da noch die Sache mit Pius XII. Ich komme gerne darauf
zurück. Ich komme auch gerne noch mal auf Rolf Hochhuth zurück, den
Autor des “Stellvertreters” – des Stücks, mit dem 1963 die Polemik
gegen das “Schweigen des Papstes” begann. Diesem eifrigen Rächer warf
Paul Spiegel, damals Präsident des Zentralrats der Juden in
Deutschland, bekanntlich vor, selbst den Holocaust zu leugnen, wenn er
in einem Interview mit der rechten “Jungen Freiheit” den mehrfach
verurteilten Holocaust-Leugner David Irving als “seriösen Historiker”
bezeichnet.
Zunächst einmal möchte ich aber daran erinnern, dass der spätere Pius
XII. noch als Kardinal Pacelli 1937 die Enzyklika “Mit brennender
Sorge” mitverfasste, bis heute eines der entschlossensten und
wortgewaltigsten Manifeste gegen die Nazis. Pius XII. sorgte aber
nicht nur im Stillen dafür, dass den verfolgten römischen Juden die
Klöster offenstanden, er hielt auch wichtige Rundfunkansprachen, die
ihm später die Anerkennung Golda Meirs einbrachten, die erklärte: “In
den zehn Jahren des Naziterrors, als unser Volk ein fürchterliches
Martyrium durchlebte, hat der Papst seine Stimme erhoben, um die
Henker zu verurteilen.” Die ganze Welt schwieg über die Schoa, und da
will man nahezu die gesamte Verantwortung für dieses Schweigen auf die
Schultern des Souveräns legen, der weder Kanonen noch Flugzeuge zur
Verfügung hatte; der sich zweitens bemühte, seine Informationen mit
denen zu teilen, die solche Waffen hatten, und drittens der in Rom und
anderswo eine große Zahl derer zu retten vermochte, für die er die
moralische Verantwortung trug.
Das ist nun also der letzte Eintrag in unserem Buch der Niederungen:
Ob Pius, ob Benedikt, man kann sowohl Papst als auch Sündenbock sein.
Aus dem Französischen von Nils Minkmar
Bernard-Henri Lévy ist Philosoph und Publizist. Auf Deutsch erschien
zuletzt sein Briefwechsel mit Michel Houellebecq: “Volksfeinde: ein
Schlagabtausch” (2009).
F.A.Z., 28.01.2010, Nr. 23 / Seite 31
Staatspräsident Schimon Peres
Ein ewiges Warnzeichen
Die Ermordung der Juden Europas durch Nazi-Deutschland darf nicht als
ein astronomisches “schwarzes Loch” betrachtet werden, als ein
Todesstern, der das Licht schluckt und die Vergangenheit gemeinsam mit
der Zukunft verschlingt.
Ich stehe heute vor Ihnen als Präsident des Staates Israel, der
Heimstätte des jüdischen Volkes. Und während es mein Herz zerreißt,
wenn ich an die Greueltaten der Vergangenheit denke, blicken meine
Augen in die gemeinsame Zukunft einer Welt von jungen Menschen, in der
es keinen Platz für Hass gibt. Eine Welt, in der die Worte “Krieg” und
“Antisemitismus” nicht mehr existieren.
Sehr verehrte Anwesende, in unserer Jahrtausendealten jüdischen
Tradition findet sich ein Gebet in der aramäischen Sprache, das in
Erinnerung an die Toten gesagt wird, im Andenken an Väter und Mütter,
Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern. Dieses weit über tausend
Jahre alte jüdische Gebet konnten weder die Mütter sprechen, deren
Säuglinge ihren Armen entrissen wurden, noch die Väter, die ihren
Kindern einen letzten Blick zuwarfen, bevor sie in die Gaskammern
gepfercht wurden, noch hörten es die Kinder, die im Krematorium in
Rauch aufgingen.
Ich möchte, meine Damen und Herren, jetzt und hier die ersten Worte
dieses Kaddisch-Gebets im Namen des jüdischen Volkes und zu Ehren und
im Andenken an die sechs Millionen Juden, die zu Asche wurden,
rezitieren:
“Erhoben und geheiligt werde Sein großer Name in der Welt, die Er nach
Seinem Willen erschaffen, und Sein Reich erstehe in eurem Leben und in
euren Tagen und dem Leben des ganzen Hauses Israel, schnell und in
naher Zeit. Sprechet: Amen.” Das Gebet endet mit den folgenden Worten,
die im Staat Israel zum Symbol geworden sind und zu einem Traum für
das jüdische Volk schlechthin wurden: “Der, der Frieden in seinen
Himmelshöhen stiftet, stifte Frieden unter uns und ganz Israel.
Sprechet: Amen.”
Meine Freunde, Gesandte des deutschen Volkes und dessen Vertreter, im
Staat Israel und überall auf der Welt weilen immer weniger Überlebende
der Schoa unter uns. Ihre Zahl nimmt täglich ab. Und gleichzeitig
leben auf deutschem Boden, in Europa und anderswo auf der Welt noch
immer Menschen, die damals dieses schrecklichste Ziel verfolgten – den
Völkermord. Ich bitte Sie: Tun Sie alles, um diesen Verbrechern ihre
gerechte Strafe zu erteilen.
In unseren Augen handelt es sich nicht um Rache. Es geht um Erziehung.
Es sollte eine Stunde der Gnade für die jüngere Generation sein. Die
Jugend muss sich erinnern, darf nicht vergessen und muss wissen, was
geschehen ist. Sie darf niemals, wirklich niemals, an etwas anderes
glauben, sich andere Ziele setzen als Frieden, Versöhnung und Liebe.
Heute begehen wir den internationalen Gedenktag für die Opfer der
Schoa. Genau heute vor 65 Jahren schien nach sechs Jahren Dunkelheit
zum ersten Mal die Sonne. Die ersten Sonnenstrahlen legten das Ausmaß
der Zerstörung, die mein Volk erlitten hatte, für alle bloß. An diesem
Tag stieg der Rauch noch aus den Krematorien auf, und Blut und Asche
bedeckten das Lager Auschwitz-Birkenau. Jetzt war es still auf dem
Bahnsteig. Die “Selektionsrampe” war menschenleer. Im Tal des
grauenhaften Mordes breitete sich trügerische Ruhe aus. Das Ohr nahm
nur die Stille wahr, doch aus den Tiefen der vereisten Erde wurde ein
Schrei hörbar, der das menschliche Herz zerriss und bis zum
gleichgültig schweigenden Himmel aufstieg.
Der 27. Januar 1945 kam zu spät. Sechs Millionen Juden waren bereits
nicht mehr unter den Lebenden. Dieser Tag symbolisiert nicht nur die
Erinnerung an die Ermordeten, nicht nur das Schuldgefühl der
Menschheit im Angesicht dieser nicht fassbaren Schreckenstaten,
sondern auch die Tragödie des Versäumnisses. Dies ist unsere Lehre aus
einer Zeit, als die in Flammen lodernde Welt derartig abgelenkt war,
dass die Mordmaschine tagein, tagaus weiterarbeiten konnte, jahrein,
jahraus, ungestört.
Drei Jahre zuvor, am 20. Januar 1942, kam unweit von hier in der
“Villa am Wannsee”, am Ufer dieses schönen Sees, eine Gruppe
hochrangiger Offiziere und Beamte unter Reinhard Heydrich zusammen, um
die “Endlösung der Judenfrage” zu planen und in die Tat umzusetzen.
Adolf Eichmann arbeitete fleißig an einem Dokument zur Erfassung der
Zielbevölkerung, die zur Vertreibung und Ausrottung bestimmt war. Dazu
zählte die gesamte Judenheit Europas. Von den drei Millionen
polnischen, ukrainischen und sowjetischen Juden bis zu den 200, die im
kleinen Albanien lebten. Elf Millionen Juden wurden zum Tode
verurteilt. Die Nazis arbeiteten effizient, und der Weg führte von der
“Villa am Wannsee” direkt in die Gaskammern und Krematorien von
Auschwitz.
Ich stehe heute, an diesem Gedenktag, vor Ihnen, verehrte Zuhörer, vor
Führungspersönlichkeiten und Vertretern eines anderen, demokratischen
Deutschlands – als Vertreter des jüdischen Staates, des Staates der
Überlebenden, des Staates Israel. Mir sind die Tragweite und die
erschütternde Bedeutung dieser Sitzung bewusst, und ich hoffe und bin
sicher, Ihnen geht es ebenso.
Vor meinem geistigen Auge steht die prächtige Gestalt meines von mir
so bewunderten Großvaters, Rabbi Zwi Meltzer, ein würdiger und schöner
Mann, dessen Lieblingsenkel ich war. Er war mein Lehrer und Erzieher.
Er lehrte mich die Tora. Ich sehe ihn noch vor mir mit seinem weißen
Bart und seinen dunklen Augenbrauen, eingehüllt in den Gebetsmantel,
inmitten aller Betenden in der Synagoge, in meinem Geburtsstädtchen
Wiszniewo in Weißrussland. Ich hüllte mich damals ebenfalls in den
Gebetsmantel meines Großvaters und lauschte aufgeregt seiner schönen
klaren Stimme. Noch heute klingt das Echo seiner Stimme in meinem Ohr,
das “Kol Nidrei”-Gebet am Versöhnungstag, in den Stunden und Momenten,
wo nach dem jüdischen Glauben das Schicksal jedes Einzelnen vom
Allerheiligsten festgelegt wird, ob ihn der Tod oder das Leben erwartet.
Ich erinnere mich, wie er am Bahnsteig stand, von wo aus der Zug mich,
den elfjährigen Jungen, von unserem Dorf ins Heilige Land Israel
bringen sollte. Ich erinnere mich an seine überschwängliche Umarmung.
Und ich erinnere mich an seine letzten Worte, die mir befahlen: “Mein
Junge, bleib immer ein Jude!” Die Lokomotive pfiff, und die Bahn fuhr
los. Ich blickte meinem Großvater durchs Fenster nach, bis seine
Gestalt verschwand. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah.
Als die Nazis in Wiszniewo einmarschierten, befahlen sie allen Juden,
sich in der Synagoge zu versammeln. Mein Großvater ging als Erster
hinein, eingehüllt in denselben Gebetsmantel, in den ich mich als Kind
schon eingewickelt hatte. Seine Familie folgte ihm. Die Türen wurden
von draußen verriegelt, und das Holzgebäude wurde angezündet. Von der
gesamten Gemeinde blieben nur glühende Asche und Rauch. Keiner hat
überlebt.
Meine verehrten Anwesenden, die Schoa wirft schwierige Fragen zur
tiefsten Seele des Menschen auf. Wie böse kann der Mensch sein? Wie
gelähmt ein ganzes Volk? Ein kulturelles Volk, das auch die
Philosophie respektierte? Zu welchen Greueltaten ist der Mensch fähig?
Wie kann er seinen moralischen Kompass abstellen? Die Logik lähmen?
Wie kann ein Volk sich als “Herrenrasse” betrachten und den
Mitmenschen als null und nichtig? Noch heute stellt sich die Frage,
weshalb die Nazis in der Existenz der Juden eine solche Gefahr und
Bedrohung sahen. Was brachte sie dazu, in diese Todesindustrie derart
viel zu investieren? Wieso setzten die Nazis ihren Plan bis zum
bitteren Ende fort, obwohl die Niederlage sich schon längst am
Horizont abzeichnete? Waren die Juden eine Bedrohung für das
“Tausendjährige Reich”? Konnte ein verfolgtes Volk, von den Stiefeln
der Täter zertrampelt, die mörderische Kriegsmaschine der Nazis
aufhalten? Wie viele Divisionen standen den Juden Europas zur
Verfügung? Wie viele Panzerwagen, Kampfflugzeuge, wie viele Gewehre?
Meine Damen und Herren, der Hass der Nazis lässt sich durch reinen
“Antisemitismus” nicht erklären. Der Antisemitismus ist ein
abgedroschener Begriff und keine Erklärung für die mörderische,
bestialische Begeisterung, die zwanghafte Entschlossenheit des
Nazi-Regimes, die Judenheit auszurotten. Der eigentliche Zweck des
Krieges war doch die Erlangung der Macht über Europa und nicht die
Begleichung einer historischen Rechnung mit den Juden. Und wenn wir
Juden in den Augen des Hitler-Regimes eine so bedrohliche Gefahr
waren, dann handelte es sich doch bestimmt um keine militärische,
sondern eine moralische Bedrohung. Dabei wurde auch der Glaube
geleugnet, dass jeder Mensch im Antlitz Gottes erschaffen ist; dass
jeder Mensch vor Gott gleich ist, dass alle Menschen ebenbürtig sind.
Selbst unbewaffnet wird ein Jude für die Heiligkeit des göttlichen
Namens einstehen. Seit Anbeginn seiner Existenz ist das jüdische Volk
den Geboten “Morde nicht!”, “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!”
und “Suche den Frieden und jage ihm nach!” verpflichtet. – Unter allen
Umständen und überall. Den gutgläubigen Juden, der an diese Gebote
glaubt, sehe ich jetzt vor mir in Gestalt meines gütigen Großvaters,
des wertvollsten und ehrlichsten Menschen, den es je gab. Die Nazis
wollten ihn entmenschlichen. Sie verbrannten ihn und seine Brüder
lebendig. Das Feuer vertilgte ihren Körper, doch nicht ihren Geist.
Die Nazis versuchten, uns Juden in ihren schrecklichen
Propagandafilmen und im “Stürmer” als Parasiten, Höhlenratten und
Verbreiter von Krankheiten darzustellen. Sie hatten sich zum Ziel
gesetzt, die Werte von Gerechtigkeit und Gnade zu vergessen und sie in
Vergessenheit geraten zu lassen. Als Jude trage ich für immer den
Stempel des Schmerzes über den Mord an meinen Brüdern und Schwestern.
Als Israeli beweine ich die tragische Verzögerung der Entstehung des
Staates Israel, weswegen mein Volk ohne Zufluchtsstätte blieb.
Als Großvater kann ich den Verlust von 1,5 Millionen Kindern nicht
verschmerzen – das ungeheure menschliche Potential, ohne dessen
Verlust das Schicksal Israels anders ausgesehen hätte. Ich bin stolz
darauf, dass wir der Erzfeind der Nazi-Verbrechen sind. Ich bin stolz
auf das Erbe unserer Väter – das Gegenteil jeder Rassenlehre. Ich bin
stolz auf die Gründung des Staates Israel, die moralische und
historische Antwort auf den Versuch, das jüdische Volk von der Erde zu
tilgen. Ich danke dem Allerheiligsten für diejenigen Völker, die
diesem Wahnsinn, dem Bösen und der Grausamkeit ein Ende setzten.
Die Schoa muss dem menschlichen Gewissen stets als ewiges Warnzeichen
vor Augen stehen; als Verpflichtung zur Heiligkeit des Lebens, zur
Gleichberechtigung aller Menschen, zu Freiheit und Frieden. Die
Ermordung der Juden Europas durch Nazi-Deutschland darf nicht als ein
astronomisches “schwarzes Loch” betrachtet werden, als ein Todesstern,
der das Licht schluckt und die Vergangenheit gemeinsam mit der Zukunft
verschlingt.
Die Schoa darf uns aber auch nicht davon abhalten, an das Gute zu
glauben. An die Hoffnung, an das Leben. Heute, am internationalen
Gedenktag für die Opfer der Schoa, frage ich mich, wie die Juden
Europas in unserem Gedächtnis hätten verbleiben wollen. Nur durch den
Rauch der Krematorien? Sollten wir uns nicht auch das Leben vor der
Schoa in Erinnerung rufen? Würden die Millionen Juden Europas über
eine kollektive Stimme verfügen, würde diese Stimme uns und Sie alle
auffordern, den Blick auf die Zukunft zu richten. Zu verwirklichen,
was diese Opfer hätten tun können, wenn ihnen nicht die Gelegenheit
dazu genommen worden wäre. Neu zu erschaffen, was wir durch ihren Tod
verloren haben.
Nehmen wir als Beispiel den Schöpfungsgeist der deutschen Juden, die
sich mit ihrem Heimatland identifizierten und deren Beitrag zur
Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und für Deutschland überhaupt so
bedeutungsvoll war, dass er in keinem Verhältnis zur tatsächlichen
Größe der jüdischen Gemeinde stand. Die Juden Europas haben die
Wissenschaft, Technologie, Wirtschaft, Literatur und Kunst dieses
Kontinents ungemein bereichert, da sie nach der Vertreibung aus
verschiedenen europäischen Ländern zu einem belesenen Nomadenvolk von
Handwerkern und mehrsprachigen Kaufleuten wurden. Ein Volk von Ärzten,
Schriftstellern, Wissenschaftlern und Künstlern. Ein Volk, das mit
Persönlichkeiten gesegnet war, welche die deutsche Kultur, und die
Welt im Allgemeinen, bereicherten.
Ich bin überwältigt, wenn ich an die vielen Philosophen und Erfinder
denke, die aus den jüdischen Dörfern, den jüdischen Gettos und dem
jüdischen Bürgertum in die Universitäten strömten, sobald ihnen der
Zugang gewährt wurde. Wie durch ein Wunder erschienen Albert Einstein,
Sigmund Freud, Martin Buber, Karl Marx, Hermann Cohen, Hannah Arendt,
Heinrich Heine und Moses Mendelssohn, Rosa Luxemburg, Walther
Rathenau, Stefan Zweig und Walter Benjamin. Trotz ihrer
Verschiedenheit ist allen der nicht zu unterschätzende Beitrag zum
menschlichen Gedankengut gemein sowie ihr außergewöhnlicher Einfluss
auf die Moderne. Sie richteten den Blick Deutschlands, Europas, ja,
der gesamten Welt auf eine neue Zukunft.
Und nun zur bedeutendsten aller Lehren: “Nie wieder”. Nie wieder eine
Rassenlehre. Nie wieder ein Gefühl von Überlegenheit. Nie wieder eine
scheinbar gottgegebene Berechtigung zur Hetze, zum Totschlag, zur
Erhebung über das Recht. Nie wieder zur Verleugnung Gottes und der
Schoa. Nie wieder dürfen blutrünstige Diktatoren ignoriert werden, die
sich hinter demagogischen Masken verbergen und mörderische Parolen von
sich geben.
Meine Freunde, Vertreter des deutschen Volkes, die Drohungen, unser
Volk und unseren Staat zu zerstören, werden im Schatten von
Massenvernichtungswaffen ausgestoßen, die im Besitz irrationaler
Menschen sind, die nicht zurechnungsfähig sind und die nicht die
Wahrheit sprechen.
Um eine zweite Schoa zu verhindern, ist es an uns, unsere Kinder zu
lehren, Menschenleben zu achten und Frieden mit anderen Ländern zu
wahren. Die junge Generation muss lernen, jede einzelne Kultur und die
universellen Werte zu respektieren. Die Zehn Gebote müssen immer
wieder neu gedruckt werden. Lasst uns Licht ins Dunkel bringen; lasst
uns Teleskope und Mikroskope auf die Geheimnisse der Wissenschaft
richten, die dem menschlichen Körper und Geist Heilung bringen können.
Wir benötigen Nahrung für die Hungrigen, Wasser für die Durstigen,
Luft zum Atmen und Weisheit für die Menschheit.
Mit dem Ende des britischen Mandats rief David Ben-Gurion, der
Wegbereiter der sich erneuernden Nation, den Staat Israel aus. Die
Araber wiesen die UN-Resolution zurück, und ihre Armeen griffen Israel
an. Und so griffen sieben arabische Heere Israel nur wenige Stunden
nach seiner Unabhängigkeitserklärung an, um den noch kaum entstandenen
Staat sofort wieder zu zerstören. Wir standen ihnen alleine gegenüber.
Wir hatten keine Verbündeten und waren trotz allem die letzte Hoffnung
des jüdischen Volkes auf Sicherheit. Hätten wir den Krieg verloren,
wäre dies vielleicht das Ende unseres Volkes gewesen.
Die israelische Armee siegte in diesem aussichtslosen Kampf, in dem
historische Gerechtigkeit und menschlicher Mut sich vereinten. In den
Reihen der israelischen Streitkräfte kämpften bereits in diesem Krieg
Überlebende der Schoa, die erst kurz zuvor die sichere Küste Israels
erreicht hatten und sich schon während der Schlachten den anderen
Soldaten anschlossen. Einige fielen an der Front. Während Israel noch
die Kriegswunden leckte, begann das kleine Land bereits, als erste
Priorität, seine Tore den Überlebenden der Schoa und den vielen
jüdischen Flüchtlingen aus arabischen Ländern zu öffnen. Alle anderen
Tore blieben für sie verschlossen.
Meine sehr verehrten Anwesenden, wir erinnern uns noch gut, wie uns
damals, als unsere Wunden noch bluteten, von unerwarteter Seite Hilfe
angeboten wurde – nämlich vom neuen Deutschland. Zwei historische
Persönlichkeiten reichten sich über dem Abgrund die Hand: Kanzler
Konrad Adenauer, der Vater der demokratischen Bundesrepublik, und
David Ben-Gurion, Gründer und erster Ministerpräsident des Staates
Israel. Am 27. September 1951 hielt Kanzler Adenauer eine Rede im
Bundestag. Er sprach von der Verantwortung des deutschen Volkes für
die Verbrechen des Dritten Reiches, seiner Verantwortung dem jüdischen
Volk gegenüber und über die Bereitschaft seiner Regierung, die Juden
für den Raub ihres Besitzes zu entschädigen und dem jungen Staat beim
Aufbau unter die Arme zu greifen.
Der Entschluss der israelischen Regierung, mit der deutschen Regierung
direkt zu verhandeln, führte zu einer noch nie dagewesenen
Protestwelle unter den Juden in der Welt. Überlebende mit
eintätowierten Todesnummern der Vernichtungslager bewarfen das
israelische Parlament mit Steinen, aber es gab auch solche, die
Ben-Gurion unterstützten. Doch Ben-Gurion bestand auf seinem
Entschluss: Es gibt ein anderes Deutschland, mit dem wir über die
Zukunft und nicht nur über die Vergangenheit reden müssen. Schweren
Herzens stimmte die Knesset zu. Die Reparationen aus Deutschland
halfen Israel aus seiner Notlage und leisteten einen wesentlichen
Beitrag zur schnellen Entwicklung des Landes.
Ich hatte damals, als junger Mann, die Ehre, Ben-Gurions Assistent und
später im Verteidigungsministerium sein Stellvertreter zu werden. Ich
lernte, dass das sich im Aufbau befindende Israel seine Kinder
beschützen muss. Auch in diesem Fall zeigten die Deutschen Verständnis
für uns und belieferten uns mit Ausrüstung zu unserer Verteidigung.
Zwischen Deutschland und Israel hat sich seither eine einzigartige
Freundschaft entwickelt.
Diese Freundschaft führt aber nicht dazu, dass wir die Schoa
vergessen, sondern wir sind uns der Finsternis, die im Todestal der
Vergangenheit herrschte, bewusst; auch im Angesicht der gemeinsamen,
klaren Entscheidung, unseren Blick nach vorne zu richten – zum
Horizont der Hoffnung und in eine bessere Welt. Die Brücke über dem
Abgrund wurde mit schmerzenden Händen und Schultern, die dem Gewicht
der Erinnerung kaum standhielten, aufgebaut, und sie steht auf
starken, moralischen Grundfesten. Unseren ermordeten Brüdern und
Schwestern haben wir ein lebendiges Mahnmal errichtet: mit den
Pflügen, die eine Wüste in fruchtbare Plantagen umwandeln. Mit Labors,
die neues Leben entdecken. Mit Waffen, die unsere Existenz sichern.
Und mit einer kompromisslosen Demokratie.
Wir waren und sind der Überzeugung, dass das neue Deutschland alles in
seiner Macht Stehende tun wird, damit der jüdische Staat sich nie mehr
alleine einer Gefahr ausgesetzt sehen muss. Mörderische und
überhebliche Diktaturen sollen ihr böses Haupt nicht wieder erheben
dürfen. Ich danke Ihnen. Von Konrad Adenauer, der mit David Ben-Gurion
eine gemeinsame Sprache fand, bis zum Kniefall Willy Brandts im
Andenken an die Helden des Warschauer Gettos. Und Sie, Abgeordnete des
Bundestages und des Bundesrates, von Helmut Schmidt bis Helmut Kohl,
und andere Führungspersönlichkeiten, Sie haben die Grundmauern
gefestigt und dem Bau noch weitere Steine der Freundschaft
hinzugefügt. Gesellschaftspolitische Institutionen,
Wirtschaftsorganisationen, Kulturzentren, Intellektuelle,
Entscheidungsträger und Praktiker – sie alle haben dieses
außergewöhnliche Freundschaftsgewebe bereichert.
Danke und nochmals vielen Dank. Sie, Herr Bundespräsident Horst
Köhler, sagten in der Knesset in Jerusalem: “Die Verantwortung für die
Schoa ist Teil der deutschen Identität.” Wir rechnen Ihnen das hoch
an. Und Sie, Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel, haben die Herzen
unseres Volkes mit Ihrer Aufrichtigkeit und Wärme erobert. Sie
erklärten vor den beiden Kammern des amerikanischen Kongresses: “Ein
Angriff auf Israel kommt einem Angriff auf Deutschland gleich.” Diese
bewegenden Worte unverbrüchlicher Unterstützung werden wir niemals
vergessen.
Meine sehr verehrten Anwesenden, meine Damen und Herren, beinahe 62
Jahre sind seit der Gründung des Staates Israel vergangen. Wir haben
die Prüfung von neun Kriegen überstanden. Wir haben Friedensabkommen
mit Ägypten und Jordanien geschlossen. Den Ländern, mit denen wir in
Frieden leben, haben wir alle Gebiete, die uns während der Kriege in
die Hände fielen, zurückgegeben. Unsere Erde ist sehr störrisch. Und
dennoch ist uns die Entwicklung einer Landwirtschaft gelungen, die zu
den weltbesten zählt. Statt der Rohstoffe haben wir technologisches
und wissenschaftliches Knowhow, das uns an die Spitze der
wissenschaftlichen Forschung katapultiert hat und die Größe unseres
kleinen Landes kompensiert.
Unser Volk kam aus allen Ecken der Diaspora. Heute befindet sich die
Mehrheit der Juden in Israel. Wir sind zu unserer Sprache
zurückgekehrt. Wir sind das einzige Land in unserer Region, dessen
Kinder sich in derselben antiken Sprache wie ihre Vorfahren vor über
3000 Jahren unterhalten – in Hebräisch, der Sprache des Alten
Testaments. Die jüdische Geschichte verläuft weiterhin auf zwei
parallelen Achsen: auf der einen Seite die ethische, die bereits in
den Zehn Geboten festgehalten ist, diesem Dokument, das vor ungefähr
3500 Jahren niedergeschrieben wurde und seither nicht mehr redigiert
werden musste. Es gehört zum Fundament der westlichen Kultur. Und
andererseits die wissenschaftliche Achse, deren Ziel die Ergründung
der Geheimnisse ist, die dem menschlichen Auge bisher verborgen
blieben und die unser Leben zu ändern vermögen.
Israel ist ein jüdischer und demokratischer Staat, in dem rund 1,5
Millionen gleichberechtigte arabische Bürger leben. Wir werden es
nicht zulassen, dass jemand wegen seiner Nationalität oder Religion
diskriminiert wird. Wir haben die Weltwirtschaftskrise überwunden und
befinden uns wieder im Wachstum. Unsere Kultur ist gleichermaßen
modern wie traditionell. Die israelische Demokratie ist lebendig. Bei
uns gibt es keine Flauten, und selbst in Kriegszeiten bleibt diese
Demokratie bestehen. Unsere Siege haben jedoch den Gefahren kein Ende
gesetzt. Es gelüstet uns nicht nach Gebieten, die uns nicht gehören.
Und wir hegen auch kein Interesse, ein anderes Volk zu beherrschen,
dürfen aber unsere Augen trotz allem nicht verschließen. Unser
nationales Begehren ist klar und eindeutig: Frieden mit unseren
Nachbarn zu erreichen.
Meine Damen und Herren, Sie wissen, dass Israel dem Grundsatz “Zwei
Staaten für zwei Völker” zustimmt. Wir haben im Krieg einen Preis
gezahlt und zögerten nicht, auch für den Frieden einen Preis zu
zahlen. Auch jetzt sind wir bereit, auf Gebiete zu verzichten, um mit
den Palästinensern Frieden zu schließen. Sie sollen einen eigenen
Staat errichten, einen unabhängigen, gedeihenden und friedliebenden
Staat.
Ebenso wie unsere Nachbarn identifizieren auch wir uns mit den
Millionen Iranern, die gegen die Diktatur und Gewalt rebellieren.
Genau wie sie lehnen wir ein fanatisches Regime ab, das die Charta der
Vereinten Nationen missachtet. Ein Regime, das mit Zerstörung droht
und Atomkraftwerke und Nuklearraketen besitzt, mit denen es sein
eigenes Land wie auch andere Länder terrorisiert. Ein solches Regime
ist eine Gefahr für die ganze Welt. Wuir sind froh, dass sich
deutschland ganz klar dagegengestellt hat.
Wir möchten von der Europäischen Gemeinschaft lernen. Sie, die den
Kontinent von tausend Jahren Krieg und Not befreit und jungen Menschen
ermöglicht hat, den Hass ihrer Vorväter gegen Solidarität unter den
Jungen einzutauschen. Wir können viel aus Ihrer Erfahrung lernen und
möchten von einem Nahen Osten träumen, in dem alle Länder bereit sind,
den Konflikt ihrer Eltern gegen den Frieden für ihre Nachkommen
einzutauschen.
Wir möchten eine regionale moderne Wirtschaft aufbauen, um aktuellen
Problemen, die uns allen gemeinsam sind, zu begegnen: Hunger,
Verwüstung, Krankheit, Terror. Eine Zusammenarbeit bei
wissenschaftlichen Projekten würde die Lebensqualität und den
Lebensstandard aller verbessern. Der uns allen gemeinsame Gott ist der
Gott des Friedens. Nicht der Gott des Krieges.
Sehr verehrte Anwesende, ich stehe heute vor Ihnen im Glauben, dass es
in Ihrer und auch unserer Macht steht, den Lauf der Geschichte zu
ändern. Ich glaube daran, dass der Frieden in Reichweite ist.
Drohungen gegen Israel werden uns nicht von diesem Weg abbringen. Ich
stehe heute vor Ihnen als Sohn eines Volkes, das bereit ist, alles
Menschenmögliche zu tun, um eine bessere Welt zu schaffen, in welcher
der Mensch dem Menschen ein Mensch ist.
Der internationale Gedenktag für die Opfer der Schoa ist ein Tag der
Andacht und des Insichgehens. Eine Stunde der Erziehung und der
Hoffnung. Ich habe mit dem Kaddisch-Gebet begonnen und möchte mit
unserer Nationalhymne, der “Hatikwa” – der Hoffnung -, schließen:
“Solange ist unsere Hoffnung nicht verloren, die Hoffnung, 2000 Jahre
alt, zu sein ein freies Volk in unserem Land, im Lande Zion und
Jerusalem!” Wir wagen den Traum, und ich bin überzeugt, Sie wagen ihn
mit uns: Gemeinsam werden wir diesen Traum auch verwirklichen.
Wie kann ein Volk sich als “Herrenrasse” betrachten und den
Mitmenschen als null und nichtig?
Es gibt ein anderes Deutschland,
mit dem wir über die Zukunft, nicht über die Vergangenheit reden müssen.
Wir haben im Krieg einen Preis gezahlt und zögern nicht, auch für den
Frieden einen Preis zu zahlen.
F.A.Z., 28.01.2010, Nr. 23 / Seite 7
Keinen Schritt zurück
Von Professor Dr. Jochen Hellbeck
Ringsum brennt es, Bomben explodieren. Alles kracht zusammen, zerfällt
in Trümmer und Ruinen – aber wir halten uns. Die Munition geht aus,
und einen Kilometer hinter uns ist die Wolga. Wir wissen sehr gut,
dass die Wolga nicht überquert werden darf, aber daran denkt sowieso
niemand . . . Es gab Momente, als wir nur noch vierzig Meter vor der
Wolga lagen, und trotzdem haben wir die Stellung gehalten.”
So schilderte Oberst Iwan Burmakow, Kommandeur der sowjetischen 38.
Motorisierten Schützenbrigade, die für ihn dramatischsten Momente der
Schlacht von Stalingrad, als die Spitze der 6. Armee unter Führung von
Generaloberst Paulus im September 1942 die Wolga erreicht hatte und
große Teile der Stadt in deutsche Hand fielen. Burmakow sprach mit
sowjetischen Historikern, die im Januar 1943, noch vor dem Ende der
Schlacht, an die Stalingrader Front gereist waren, um für eine Chronik
des “Großen Vaterländischen Krieges” Eindrücke aus dem unmittelbaren
Schlachtgeschehen zu sammeln. Sie sprachen mit Hunderten von
Kriegsteilnehmern – Kommandeuren, Offizieren, einfachen Soldaten,
Sanitäterinnen, städtischen Funktionären und Fabrikarbeitern.
Die Stalingrader Protokolle zeigen, wie Rotarmisten im unmittelbaren
Kampfgeschehen über sich und über die Deutschen dachten und wie sie
den für die sowjetische Seite kritischen Schlachtverlauf im Sommer und
Herbst 1942 meisterten. Soldaten erzählen in freier Rede, einige in
bäuerlichem Idiom, aus ihrem Leben. Es ist, also hörte man einem
Tonband zu, so reichhaltig teilt sich das Kolorit des sprechenden
Zeitzeugen mit; und so plastisch werden auch die Umstände des Krieges
skizziert, einschließlich seiner Hintergrundgeräusche, wenn etwa die
Stenographistin notiert, dass verstärktes Artilleriefeuer zum Abbruch
eines Gesprächs zwingt.
Für das stalinistische Regime, das den Auftrag zur Bildung der
Historikerkommission erteilt hatte, erwiesen sich die stenographisch
festgehaltenen Gespräche jedoch als zu brisant. Sie wurden nach ihrer
Herstellung geheim gehalten und gerieten im Archiv unter Verschluss.
Erst jetzt, mit fast siebzigjähriger Verspätung, werden sie mit
Unterstützung der “Fritz Thyssen Stiftung” zugänglich gemacht und von
einer deutsch-russischen Forschergruppe ediert.
Die Schlacht von Stalingrad, deren Ende sich in diesen Tagen zum 67.
Mal jährt, nimmt im deutschen Gedächtnis einen herausragenden Platz
ein. Stalingrad verweist auf das Drama der 6. Armee, eines Verbands
von mehr als einer viertel Million Soldaten. Im November 1942 vom
sowjetischen Gegner eingekesselt und von Hitler zum Halten der Stadt
angewiesen, sahen sie bei sinkenden Temperaturen und schwindender
Versorgung ihrem sicheren Untergang entgegen. In den Trümmern von
Stalingrad wurde der Glaube der Soldaten strapaziert, dass der
“Führer”, wie er großspurig versprochen hatte, sie “raushauen” würde;
bei etlichen zerbrach er. Knapp hundertzehntausend deutsche Soldaten
gingen im Januar und in den ersten Februartagen 1943 in sowjetische
Gefangenschaft; nur sechstausend kehrten Jahre später zurück.
Weniger bekannt ist, was sich auf der anderen Seite der Stalingrader
Front abspielte, welche Vorstellungen Angehörige der Roten Armee von
sich und von diesem Krieg hatten. Auch für sie markierte der
Schlachtverlauf eine psychologische Wende, freilich in
entgegengesetzter Richtung. Unter den Soldaten, die sich in der Stadt
gegen die vordringenden Deutschen hielten, erwachte ein Vertrauen in
die eigene Stärke, ein neues und befeuerndes Gefühl, dass man dem
bisher übermächtig geglaubten Gegner beikommen könne.
“Unsere Soldaten”, so Oberst Burmakow, “haben sich im Vergleich mit
dieser 6. Hitlerarmee hervorragend, ja beispiellos geschlagen.
Persönlich kann ich bestätigen, dass die Soldaten und Kommandeure, die
Stalingrad verteidigt haben, außergewöhnlich gekämpft haben. Unser
Land kann auf die Stalingrader stolz sein. Wir waren den Deutschen
zahlenmäßig unterlegen, aber wir haben die Stadt nicht aufgegeben.”
Diesen von Burmakow bezeugten Kampfgeist dokumentieren zahlreiche der
Stalingrader Gesprächsprotokolle auf eindringliche Weise.
Dabei war die Lage der Roten Armee zu Beginn der Schlacht verheerend.
Nach der misslungenen sowjetischen Frühjahrsoffensive von 1942 holten
die deutschen Panzerarmeen im Süden zu einem massierten Gegenschlag
aus. Die Heeresgruppe A drang tief in den Kaukasus vor, um sich dort
der wertvollen Ölquellen zu bemächtigen. Zugleich stürmte die 6. Armee
unter dem Befehl von Generaloberst Paulus auf Stalingrad vor. Sie
sollte die Industriestadt einnehmen und mit dem Vorrücken bis an die
Wolga eine wichtige Verkehrsader kontrollieren.
Die vor den Deutschen über die Donsteppen Richtung Osten
zurückflutenden sowjetischen Truppen befanden sich in Auflösung. Für
viele schien der Krieg entschieden. Dafür reichte schon ein Blick auf
die Landkarte: “Dieser Krieg an der Grenze zu Kasachstan, am Unterlauf
der Wolga erweckt das unheimliche Gefühl, als wäre unserem Land ein
Messer tief in den Leib gerammt worden”, notierte der Schriftsteller
Wassili Grossman im August 1942 in seinem Tagebuch.
Die sowjetische Führung reagierte mit härtesten Maßnahmen. “Keinen
Schritt zurück” lautete der berüchtigte Befehl Nr. 227, den Stalin am
Tag nach dem Fall von Rostow am Don erließ. Jeder, der fortan ohne
ausdrücklichen Befehl vor dem Feind zurückwich, sollte als
“Vaterlandsverräter” behandelt werden. Deserteure waren an Ort und
Stelle zu erschießen. Stalin erklärte Stalingrad zur Frontstadt, die
es unter allen Umständen zu halten gelte. Vergeblich ersuchten
städtische Funktionäre Stalin um Erlaubnis zur Evakuierung ihrer
Betriebe. Der “Prawda”-Redakteur Lazar Brontman war bei den Gesprächen
zugegen und hielt in seinem Tagebuch fest, wie “der Chef mit finsterer
Miene entgegnete: ,Wohin jetzt noch evakuieren? Die Stadt muss
gehalten werden. Schluss!’ Und schlug mit der Faust auf den Tisch.”
Erst nachdem eine deutsche Bomberflotte die Stadt in Schutt und Asche
verwandelt hatte, wobei nach konservativen Schätzungen vierzigtausend,
nach anderen weit über hunderttausend Menschen ums Leben kamen, wurde
das Evakuierungsverbot für Frauen und Kinder aufgehoben.
Aufgewühlt erzählte Oberst Burmakow den Moskauer Historikern von den
vielen Flüchtlingen, die noch im Oktober seine Truppen bestürmt
hatten, sie über die Wolga mitzunehmen, als die 38. Brigade zur
Neuformierung ans linke Ufer verlegt wurde: “Wie viele Menschen sich
am Ufer stauten! Allein wie viele Kinder und Frauen! Die Männer
verabschiedeten sich von ihren Frauen und Kindern, alles war
vollgestopft . . . Wir haben fünf Frauen und ihre Kinder aufgeladen
und überführt. Dann mussten wir anderthalb Kilometer über die Insel.
Ich selbst habe zwei Kinder getragen. Wir gehen alle zu Fuß, die
Soldaten tragen das Gepäck und die Kinder, um den Frauen was
abzunehmen. Neben dir geht eine, mit ihren Beuteln und ihren zwei,
drei Kindern. Man möchte weinen. Am Ufer stauen sich die Massen,
haufenweise Kinder. Ich habe es nicht ausgehalten, habe zehn Fahrzeuge
dorthin beordert und befohlen, sich in erster Linie um die Kinder zu
kümmern. So viele kleine Kinder, die nicht vom Fleck kommen. Du denkst
an dich selbst, deine eigenen Kinder in Sibirien. Da geht es noch,
aber hier durchleiden sie solche Qualen.”
Stalingrad erstreckt sich wie ein Band vierzig Kilometer längs des
Westufers der Wolga. “Keinen Schritt zurück” bedeutete für die
Verteidiger der Stadt, dass es für sie hinter der Wolga keine
Rückzugszone gab. Als Frontkommandeur Andrej Jeremenko am 12.
September Generalleutnant Wassili Tschujkow befahl, in Stalingrad die
versprengten Reste der 62. Armee zu sammeln, fragte er Tschujkow: “Wie
sehen Sie das?” “Was sagt man in so einer Situation?”, bemerkte
Tschujkow zu den ihn befragenden Historikern. “Ich sagte: ,Entweder
werde ich sterben oder Stalingrad halten.’ Weiter hatte ich keine
Fragen.”
Diesen Wortwechsel mit Jeremenko dokumentierte Tschujkow auch in
seinen 1961 veröffentlichten Memoiren. Memoiren und Interview weichen
aber voneinander ab, wenn Tschujkow erzählt, mit welchen Mitteln er
die Disziplin in der Armee wiederherstellte. “Offen gestanden”, so
Tschujkow im Gespräch mit den Historikern, “hatten die meisten
Divisionskommandeure nicht den Wunsch, hier zu sterben. Kaum spürt man
den Druck von der Gegenseite, sofort geht es los: Erlauben Sie, aufs
andere Wolgaufer überzusetzen. Du schreist sie an: Ich sitze hier
noch! Und schickst ein Telegramm: Wenn Du diesen Schritt machst,
erschieße ich Dich. Wir wandten sofort die härtesten Maßnahmen im
Hinblick auf Feiglinge an. Am 14. September erschoss ich den
Kommandeur und den Kommissar von einem Regiment, wenig später erschoss
ich auch noch zwei Brigadekommandeure und die Kommissare. Alle waren
total verblüfft. Wir setzten alle Soldaten davon in Kenntnis und die
Kommandeure ganz besonders.” Die Exekutionen, so Tschujkow weiter,
zeigten sofortige Wirkung. In Tschujkows Memoiren liest sich der
Vorfall anders. Er habe den kleinmütigen Offizieren eine “scharfe
Rüge” erteilt.
Viele der befragten Soldaten bezeugen die schärfsten Sanktionen, die
gegen vermeintliche “Feiglinge” und “Saboteure” in der umkämpften
Stadt zur Anwendung kamen. Dennoch erklären diese Strafmaßnahmen für
sich genommen nicht, wie die an der westlichen Flussseite ausharrenden
Häuflein von Rotarmisten gegen die anstürmenden Deutschen bestehen
konnten. Vielmehr künden die Interviews von einem Geist, der sich in
dieser Phase des Krieges in der umkämpften Stadt formte – ein
aufkeimendes Bewusstsein, dass die bislang übermächtigen Deutschen
gestoppt werden konnten, gepaart mit der Überzeugung, dass sich in
diesem Ringen das Schicksal Russlands und des sowjetrussischen Volks
entschied.
Die Wolga, die “russische Schönheit”, wie ein Rotarmist sie nannte,
oder “unsere Woluschka”, wie ein anderer den Fluss mit zärtlichen
Worten bedachte, war gleichbedeutend mit dem Herzen Russlands. Sie
durfte nicht preisgegeben werden. In dieser gemeinsamen Abwehrschlacht
wollte jeder seinen Mann stehen. Dieses Selbstbewusstsein
demonstrierten auch Frauen, etwa die 22 Jahre alte Sanitäterin Vera
Gurowa: “Genauso wie ein Soldat über seinen Angriff erzählen kann,
kann ich auch erzählen, wie ich mich bei meiner Arbeit fühlte.
Manchmal kommt man 48 Stunden am Stück nicht zu sich, überall, wohin
man geht, sieht man nur Verwundete . . . Meiner Meinung nach ist eine
Frau in der Armee genauso nützlich wie ein Mann.”
Offiziere heben in den Gesprächen ihre gewachsene Autorität als
Kommandeure hervor. Im Herbst 1942 hatte die sowjetische Führung den
Posten des politischen Kommissars abgewertet und die Wiedereinführung
der Schulterklappen aus der Zarenzeit verfügt. Neben den
revolutionären Klassenkampf rückte nun das Bekenntnis zum
vorrevolutionären Russland, seiner Militärmacht und seiner Größe.
Stolz erwähnte Major Pjotr Zajontschkowskij (geboren 1904) seine
Herkunft aus einer adligen Offiziersfamilie: “Mein Urgroßvater hat das
Georgskreuz für Borodino bekommen und drei Jahre im Kadettenkorps
gedient. Seit meiner frühesten Kindheit wurde ich im heldenhaften
Geist des Kriegs von 1812 erzogen. Ich erinnere mich, dass ich mit
sechs, sieben Jahren alle Helden des Kriegs von 1812 kannte.”
Wenige Jahre zuvor hatte Zajontschkowskij, der nach dem Krieg einer
der bekanntesten Historiker der Zarenzeit wurde, noch seine Herkunft
verleugnen und seine Sporen als einfacher Arbeiter an der Werkbank
verdienen müssen. Nun bekannte er offen, welche Anschauungen in seiner
Familie vorgeherrscht hätten: “Ob mein Vater sich (nach der
Revolution) zum sowjetischen System bekehrt hat? Natürlich nicht.” Was
Historiker schon zur sowjetischen Intelligenzija im Krieg festgestellt
haben, lässt sich nun auch für das Militär belegen: dass der Krieg
trotz seiner Bedrohungen und Entbehrungen auch Freiräume eröffnete.
Das Selbstvertrauen, das spürbar aus den Stalingrader
Gesprächsprotokollen spricht, war Welten entfernt von der
stalinistischen Vorkriegszeit, in der Furcht, Misstrauen und
Passivität das Leben der Gesellschaft lähmten.
Besonders fesselnd sind die Aufzeichnungen der Gespräche mit Soldaten,
die bei der Zerschlagung der 6. Armee zwischen dem 30. Januar und 2.
Februar 1943 beteiligt waren. Da die Historiker eine Vielzahl von
beteiligten Soldaten befragten, ergibt sich in der Summe ein
plastisches Bild von den bisweilen abenteuerlichen Vorgängen, die zur
Gefangennahme von Generalfeldmarschall Paulus und seines Armeestabs
führten. Die 38. Moto-Brigade von Oberst Burmakow spielte dabei die
Hauptrolle.
In den letzten Januartagen war der Stalingrader Kessel bis auf das
unmittelbare Stadtgebiet geschrumpft und in zwei Teile gespalten,
einen Süd- und einen Nordkessel. Die Sowjets vermuteten den deutschen
Armeestab im südlichen Stadtbereich, wussten aber nicht, ob Paulus
noch bei seinen Männern war. Es gab Gerüchte, dass der
Oberbefehlshaber mit einem der letzten Flüge ausgeflogen worden sei.
Die 38. Brigade, im November 1942 aus den Kämpfen um die Stadt
herausgezogen, wurde aus der Reserve geholt und erhielt den Auftrag,
von Süden her in das Stadtzentrum vorzustoßen. Sie rückte langsam
gegen die sich erbittert verteidigenden Deutschen vor und hatte am
Abend des 30. Januar das städtische Theater und mehrere umliegende
Verwaltungsgebäude eingekreist.
Wie Hauptmann Lukjan Morozow zu Protokoll gab, erschienen aus den
Häuserruinen plötzlich mehrere deutsche Offiziere und boten seinen
Männern Verhandlungen an. Auf der anderen Seite, so bedeuteten sie,
stünden Generäle. Acht Rotarmisten, Morozow der Ranghöchste, folgten
der Aufforderung. Ohne weiße Flagge, die sie als Parlamentäre
ausgewiesen hätte, überquerten sie die verminte Frontlinie und fanden
sich kurz darauf im Innenhof des Univermag-Kaufhauses wieder, umringt
von einem Haufen bewaffneter Deutscher. Fünf Sowjetsoldaten blieben
dort, drei stiegen mit den Deutschen eine Kellertreppe herab, nachdem
sie ihre Hosentaschen mit Handgranaten gefüllt hatten. Ein beißender
Gestank hing in den Kellerräumen, in denen sich Hunderte von
Offizieren drängten, darunter viele Verletzte.
Die drei Soldaten wurden dem Stabschef der 6. Armee, Generalleutnant
Arthur Schmidt, und dem Kommandeur der 71. Infanterie-Division,
Generalmajor Friedrich Roske, vorgeführt. Paulus hatte sich
zurückgezogen, offensichtlich, um der Verantwortung für die
Kapitulation seiner Armee zu entgehen. Schmidt und Roske glaubten
Morozow und seinen Begleitern nicht, dass sie, wie sie kühn
behaupteten, die Vollmacht für Kapitulationsverhandlungen besäßen, und
verlangten nach einem persönlichen Emissär von Armeekommandeur
Konstantin Rokossowskij.
Nachdem Morozow seine Männer hinausgeschickt hatte, damit sie mit
Burmakow telefonierten (dieser schickte daraufhin seinen
Stellvertreter, Politkommissar Leonid Winokur), entspann sich zwischen
ihm und dem Armee-Stabschef Schmidt ein Rededuell: “,Denken Sie
nicht’, sagt mir Schmidt, ,dass unsere deutsche Armee schwach ist. Sie
ist noch fest und sehr stark, denn sie ist mit erstklassiger Technik
ausgerüstet.’ Da sage ich zu ihm: Umso besser für die Rote Armee, wenn
sie eine so erstklassige Armee schlägt.”
Kommissar Winokur erschien in den Morgenstunden des 31. Januar. Auch
seine Papiere wurden von den Deutschen beanstandet, doch zeigten sie
sich zu Verhandlungen bereit. Winokur postierte seinen Fahrer, den
Unteroffizier Michail Gurow, an die Eingangstür zum Verhandlungsraum.
Den 18 Jahre alten Sergeanten beschäftigte der Gedanke, wie er all die
Deutschen mit nur einer Handgranate und einer deutschen Pistole in
Schach halten sollte. “Ich habe mir schon Sorgen um den Kommissar
gemacht. Ich sehe ja, dass sich bei ihnen irgendetwas tut.”
Den Männern der 38. Brigade machten nicht nur die Deutschen zu
schaffen, sondern auch Angehörige ihrer eigenen Armee, unter denen
sich inzwischen herumgesprochen hatte, wen Burmakows Brigade gefunden
hatte. Nun strömten Vertreter anderer Einheiten herbei, die diese
Trophäe für sich beanspruchen wollten. “Wir fingen einen richtigen
Krieg mit denen an”, erzählte ein an der Kellertür wachhabender
Soldat. “Ich habe übrigens fast einen Geheimdienstler erschossen, der
reinwollte, um mit zu verhandeln.”
Den im Keller sitzenden Rotarmisten, die zumeist aus sehr einfachen
Verhältnissen kamen, imponierten die versammelten deutschen Generäle
und Stabsoffiziere, allen voran Generalmajor Roske. “Wie Roske sich
hielt? Haltung haben sie, die Deutschen. Es wäre falsch zu behaupten,
dass sein Wille gebrochen war.” Ein anderer Russe beschrieb Roske so:
“Ein großer, gutaussehender Mann, arische blaue Augen, entschlossener
Charakter.” Ihn beeindruckte besonders, wie Roske, nachdem er die
Herren zum Sitzen aufgefordert hatte, eine Zigarrenkiste öffnete und
seinen Gästen daraus anbot.
Aus der Sicht der Sowjets waren die deutschen Generäle “allesamt Vons
und Zus”. Den wenigsten schien klar zu sein, dass Paulus bürgerlicher
Herkunft war. Als Paulus – von Hitler noch einen Tag vor der
Kapitulation zum Generalfeldmarschall ernannt – dem Kommandeur der 64.
Armee, Nikolaj Schumilow, vorgeführt wurde, wollte dieser die
Identität seines Gegenübers sicherstellen. Paulus legte sein Soldbuch
vor. Schumilow blätterte darin und überzeugte sich. Ja, so erzählte er
den Historikern, vor ihm stand tatsächlich “der deutsche Soldat von
Paulus”.
Mit dem den Deutschen zugedachten aristokratischen Hintergrund
verknüpften die Russen Vorstellungen von Disziplin und Kultiviertheit.
Respekt nötigte ihnen die Zähigkeit ab, mit der die Soldaten der
Wehrmacht auf verlorenem Posten ausharrten, zumindest solange
Offiziere zugegen waren. “Das Offizierswort hat für die deutschen
Soldaten Gesetzeskraft. Ihr Bewusstsein für Disziplin ist sehr hoch.”
Unausgesprochen schwang in diesen Worten das Eingeständnis mit, dass
es um die Disziplin in der Roten Armee weit weniger gut bestellt war.
Dieser Respekt paarte sich jedoch mit Entsetzen über das rassistische
Regime der deutschen Besatzer und ihre Raubgier, die sich mit dem Bild
von der deutschen Kulturnation nicht vereinbaren ließen.
Major Zajontschkowskij schilderte, was er in den eroberten deutschen
Unterständen vorfand: “Das waren die ersten deutschen Unterstände, die
ich zu sehen bekam. Wir haben dort wirklich grässliche Dinge gesehen,
die genau ins Bild der deutschen Räuber passen. Es reicht, wenn ich
Ihnen dazu nur so viel sage. Ich kann es verstehen, wenn er nach der
Logik des Siegers oder nach der Kriegslogik ein Federbett, warme
Sachen oder auch einen Spiegel dorthin mitnimmt, aber warum zum Teufel
einen Kinderwagen? Dabei sollte man wissen, dass es zehn Kilometer bis
zum nächsten Dorf sind . . . Was mir Einwohner erzählt haben: Da hängt
ein altes zerrissenes Bauernhemd, ein Frauenhemd. Kommt ein Deutscher
und steckt sich das Hemd in die Tasche. Er braucht es vielleicht
nicht, aber die Räuberpsychologie steckt ihm so tief in den Knochen,
dass er stehlen muss – ob er es gebrauchen kann oder nicht.”
Nach der Niederlage der Deutschen in Stalingrad steigerte sich der
Hass der sowjetischen Bevölkerung auf sie in dem Maße, in dem sich mit
dem Rückzug der Besatzer die Spuren ihrer sinnlosen, aber methodischen
Gewalt offenbarten. Ein Beispiel davon hielt die mit der Erstellung
der Kriegschronik beauftragte Historikerkommission fest. Ein
Sitzungsprotokoll aus dem Jahr 1944 vermerkte den Bericht eines von
der ukrainischen Front zurückgekehrten Kommissionsmitglieds: Tage vor
ihrem Rückzug aus Kiew hätten die Deutschen die Universitätsbibliothek
niedergebrannt, die vor dem Krieg vier Millionen Bücher besaß.
Was die Kommission in Stalingrad und an anderen Frontschauplätzen
leistete, war einzigartig. Mit einem nuancierten Fragekatalog, der in
vielem die Methoden der modernen Oral History vorwegnahm, versuchte
sie die sowjetische Kriegserfahrung in ihren vielfachen Schattierungen
zu speichern. In Stalingrad gelang es, einen besonderen Moment im
Kriegsverlauf für die Nachwelt festzuhalten, als auf der sowjetischen
Seite erstmals ein massenhaftes Gefühl der eigenen Stärke im Kampf
gegen die deutschen Eroberer erwuchs. Dabei wird auch deutlich, wie
viel Kraft die Soldaten aus dem Bewusstsein bezogen, aktive Teilnehmer
eines wirklichen Volkskriegs zu sein. Die Historiker dokumentierten
dieses Bewusstsein und beförderten es zugleich, indem sie die Soldaten
aufforderten, in eigenen Worten über sich und den Krieg zu sprechen.
In den meisten Gesprächen ist bezeichnenderweise weder von der
“führenden Rolle der Partei” noch vom “weisen” Oberbefehlshaber Josef
Stalin die Rede.
In dem Maße jedoch, in dem sich der Sieg über die Deutschen
abzeichnete, versuchte die Sowjetführung den Geist des Volkskriegs zu
kanalisieren und für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Der Anschlag am
Kellereingang des Univermag-Kaufhauses in Stalingrad, der stolz von
der Tat der Soldaten der 38. Moto-Brigade und ihrer Kommandeure
kündete, wurde nach Kriegsende durch eine bronzene Gedenktafel
ersetzt, die in abstrakter und formelhafter Art das Wirken der Roten
Armee rühmte.
Diese Wendung war auch kennzeichnend für die Arbeit der
Historikerkommission. Sie stellte 1945 ihre Arbeit ein, ohne auch nur
ein einziges der zahlreichen erstellten Gesprächsprotokolle zu
veröffentlichen. Die Akten verschwanden im Keller der Akademie der
Wissenschaften. Ein Jahr nach Kriegsende erschien stattdessen ein
Büchlein “Über den Großen Vaterländischen Sieg der Sowjetunion”, das
erschöpfend Auskunft über den Krieg zu geben versprach, der fast alle
Sowjetbürger in seinen Sog gerissen und geschätzten 26 Millionen von
ihnen das Leben genommen hatte. Der Autor der Broschüre war Josef
Stalin.
***
Der Verfasser lehrt Russische Geschichte an der Rutgers University,
New Jersey. Bis Dezember 2009 war er Fellow an der American Academy in
Berlin.
F.A.Z., 29.01.2010, Nr. 24 / Seite 9
Neue Sachbücher
In der abgeschlossenen Tratschgesellschaft wird die Ehre schnell zum Problem
Müssen gleiche Rechte für muslimische Frauen in Deutschland mit Gewalt
durchgesetzt werden? Seyran Ates möchte weniger Multikulturalismus und
mehr Einsatz für universelle Werte sehen.
“Mein Mann macht mir das Leben zur Hölle.” Wer mit offenen Augen und
Ohren in einem von Türken, Arabern, Afghanen bewohnten Stadtteil lebt,
wird bald Frauen mit blauen Flecken und Brandwunden zu sehen bekommen
und Geschichten hören von rasend eifersüchtigen Männern, die jeden
Blick ihrer Ehefrau, und Jungen, die jedes Gespräch ihrer Schwester
kontrollieren. Naturgemäß seltener sind Berichte von Ehrenmorden. Auch
Zwangsheiraten scheinen kaum noch vorzukommen. Im Gegenteil, oft sind
es die Eltern, die sich einer zu frühen und dann wirklich
unglücklichen Ehe zu widersetzen versuchen.
Aber die Konzentration der Diskussion auf Ehrenmorde und
Zwangsheiraten ist unglücklich, weil sie hinter dem seltenen Extrem
die alltägliche Gewalt gegen Frauen und Kinder verschwinden lässt.
Gewiss darf man die Geschichten nicht alle glauben. Aufgeklärte oder
arrivierte Migranten wollen sich von ihren hinterwäldlerischen
Nachbarn abgegrenzt sehen. Und unglückliche Ehefrauen erzählen Sachen,
die sich hinterher als Erfindung herausstellen. Trotzdem sind
Häufigkeit und Härte von Gewalt in den Familien immer wieder
bedrückend, und es wäre ganz falsch, das verschweigen zu wollen.
Verschwiegen werde es von Deutschen, so meint Seyran Ates auch in
ihrem neuen Buch, weil ein schlechtes Gewissen über die
nationalsozialistische Vergangenheit einen überzogenen
Multikulturalismus stütze. Und verschwiegen werde es von Migranten,
weil sie ihr Nest – ob nun die Ehre der Familie, der zumal türkischen
Nation oder des Islams – nicht beschmutzen wollen. Deshalb fordert die
Autorin die Deutschen auf, sich offensiver zu den universalistischen
Grundlagen ihrer eigenen Kultur zu bekennen, und die Migranten, sich
nicht aus Minderwertigkeitskomplexen diesen Universalismen zu
verweigern. Und es stimmt, es gibt die Xenophilie, die im Migranten
nur das Opfer sieht, es gibt die Abwehrhaltung, sich immer gleich als
Kollektiv angegriffen zu fühlen. Aber stimmt es, dass in dem Buch, wie
es auf seiner Rückseite groß heißt, ein Tabu gebrochen wird?
Vermutlich glaubt die Mehrheit der Deutschen, dass die Situation noch
schlimmer als ohnehin ist. Die spektakulären Fälle, auf die auch Ates
ihre Argumentation wesentlich stützt, wurden bis zum Überdruss
diskutiert. Umgekehrt sind in den nationalen Filmproduktionen – Ates
nennt Bollywood – Ehrenmord, Zwangsheirat, sogar Kindesmissbrauch
geradezu Modethemen, wobei die Kurden für die Türken sind, was für uns
die Türken. Nein, verschwiegen wird nicht, aber es gibt eine
Verharmlosung durch Dramatisierung. Demgegenüber wäre es wichtig, die
Phänomene zu zeigen und ihre Erklärung zu geben.
Einleitend erzählt die Autorin bis zu einem gewissen Punkt ihre
sexuelle Lebensgeschichte. Da lernt man, wie in normalen türkischen
Haushalten das Leben von Verboten umstellt ist, für die es keine
andere Begründung als ein prügelbewehrtes “Das gehört sich nicht”
gibt. Und man erfährt, welche abstrusen Vorstellungen zumal über die
Promiskuität von Deutschen kursieren, vor der es dann natürlich Frauen
und Kinder zu bewahren gilt. Das Buch wird schnell anschauungsarm.
Stattdessen enthält es eine Blütenlese besonders frauenunfreundlicher
Stellen vom Koran bis zu modernen islamischen Eheratgebern. Doch die
vorherrschenden Lehren zu Jungfräulichkeit, ehelichen Pflichten,
Ehebruch sind in der Ausrichtung so bekannt, dass Belegsammlungen rein
gar nichts mehr erhellen.
Vor allem: Wieso Islam? “Ehrenmord ist die Konsequenz eines religiös
motivierten Wertesystems.” Und die Religion, wovon wäre sie motiviert?
Läge nicht gerade für die Autorin viel näher zu sagen, dass die
Religion ein ökonomisch motiviertes Wertesystem legitimiert? Den
Ehrenmord, den fast alle islamischen Gelehrten verurteilen, hat es
rund um das Mittelmeer gegeben. Die Anthropologen bringen ihn mit der
Knappheit an guten Böden in Verbindung. “Religion, Kultur und
Tradition kann man nicht streng trennen.” Nun, man kann sie schon
trennen. Sie stehen sogar oft genug im Widerspruch zueinander. Aber
die Autorin wirft sie nicht nur ganz zusammen, sie führt vielmehr
alles auf ein – männliches – Gesamtsubjekt Islam zurück.
In Wahrheit wird zwar in der traditionellen Familie das Individuum
wenig geachtet, aber die bösen Fälle von Gewalt finden zumeist dort
statt, wo diese Familie sich auflöst. Die Männer schlagen ihre Frauen
nicht, weil sie Muslime sind, sondern weil sie nicht damit zu Rande
kommen, dass oft genug ihre Frauen das Geld verdienen, besser
ausgebildet sind, bessere Kontakte haben, geschmeidiger sind.
Wenigstens zu Hause wollen sie noch Herr der Lage sein. Und sie
schlagen ihre Frauen, weil sie die Nachrede der Gemeinschaft fürchten.
Die Gemeinschaft aber, die keine des Glaubens ist, diese Gemeinschaft
ist notgedrungen erneut zu Bedeutung gekommen, weil nur sie Arbeit und
Aufträge vermittelt. Was sich von außen als Getto ausnimmt, ist nach
innen eine Tratschgemeinschaft. Diesen Tratsch zu fürchten hat
existentielle Notwendigkeit. Seyran Ates möchte den Universalismus
gleicher Rechte mit Gewalt durchgesetzt sehen. Wenn Konflikte mit
muslimischen Eltern einvernehmlich gelöst werden, wenn sich
Gynäkologen für Hymenreparaturen hergeben, werde das Problem nur auf
den nächsten verschoben. Man solle nicht allzu viele Zugeständnisse
machen. Aber wird der Einzelne dann nicht zum Opfer für die gute
Sache? Und nicht selten unschuldiges Opfer? Zahlreich sind die Fälle,
in denen ganz und gar nicht so multikulturalistische Lehrer mit Hilfe
ebenso wenig multikulturalistischer Jugendamtsmitarbeiter Kinder
auskunftslos ihren Eltern entziehen wegen roter Flecken, die sich dann
als Folgen einer Metallallergie herausstellen.
Vielleicht ist es gut für die innertürkische Debatte, dass Seyran Ates
eine klare Position markiert. Aber am Ende wird sich das Problem
dadurch lösen, dass die Frauen den Männern weglaufen. Wohin auch
immer. Die kluge Studentin, die in den Ferien an der Kasse aushilft,
trug plötzlich – anders als der Rest der Familie – ein strenges
Kopftuch. “Oh, hast du geheiratet?” “Nein. Ich hasse Männer.” Und die
vielen Alleinerziehenden in den moderneren türkischen Cafés sagen
ziemlich einhellig: “Nie wieder einen türkischen Mann!” Gustav Falke
Seyran Ates: “Der Islam braucht eine sexuelle Revolution”. Eine
Streitschrift. Ullstein Verlag, Berlin 2009. 219 S., geb., 19,90 [Euro].
F.A.Z., 30.01.2010, Nr. 25 / Seite 32
Der Böse im Banalen
Auktion mit Notizen aus Josef Mengeles Tagebuch
Wenn man nach der Pervertierung von Professionen im
Nationalsozialismus fragt, dann bilden jene Mediziner, die ihren
hippokratischen Eid vergaßen, wohl die unheimlichste Gruppe. Und
emblematisch für diese steht der Name Josef Mengele. 1943 kam er als
Lagerarzt nach Auschwitz, wo er an Selektionen für die Gaskammern
teilnahm und Menschenversuche durchführte, deren Opfer am Ende durch
Phenolinjektionen getötet wurden. Nach dem Krieg entkam Mengele nach
Südamerika. Papiere aus seinem Nachlass tauchten nun im
Auktionskatalog des Hauses Alexander Autographs auf. Es hat seinen
Sitz in Stamford im amerikanischen Bundesstaat Connecticut.
Faksimiliert waren auf der Internetseite des Auktionators
Aufzeichnungen Mengeles, die sich mit der Begabung einzelner Völker
beschäftigten. Deutschland führe, so Mengele, im Fach “Lyrisch” und
“Philosophie”, England bei “Dramat. Lit.” “Organisation” und
“Naturwiss.” Russland und Frankreich bei “Erzähl.” Es hat etwas
Gespenstisches, den ausgebreiteten Bildungsanspruch eines Mannes zu
sehen, der auch seine Tätigkeit im Lager mit wissenschaftlichen
Interessen verbrämen wollte. Seine Zwillingsforschung endete in
Auschwitz für die Betroffenen tödlich, die Einzelheiten sind
grauenvoll. Umso mehr fällt in den Papieren, soweit sie bei “Alexander
Autographs” in englischer Übersetzung einsehbar waren, das auf, was
Hannah Arendt die “Banalität des Bösen” nannte oder, anders gesagt:
die völlige Normalität in vielen Bereichen bei exzessiver Brutalität
und Menschenverachtung in anderen. Mengele, dessen Opfer vornehmlich
Kinder waren, schrieb seine Notate in einem Kindernotizbuch zur
illustrierten Zoologie nieder. 180 Seiten hat er darin beschrieben.
Die Aufzeichnungen setzen am 10. Juni 1960 ein. Eugenisch-politische
Gedanken sind das Hauptanliegen, dazwischen finden sich eigene
Kindheitserinnerungen, Beobachtungen südamerikanischer Fauna und
Flora. Festgehalten wird die Überraschung, als Mengele zum ersten Mal
einen Affen sieht. Dazwischen: die Gewissheit, dass inferiore Menschen
ausgerottet werden müssten. Freude bereitet ihm die Lektüre des Romans
“Dr. Schiwago” von Pasternak. Die “germanische Religion” werde falsch
dargestellt, glaubt er: Sie sei doch “direkt auf die Natur bezogen, in
der die Menschen sich logischerweise zu Hause fühlen” – wir übersetzen
aus dem Englischen des Auktionskataloges ins Deutsche zurück. Man habe
auf die “tiefsten Quellen” deutscher Existenz zurückgreifen müssen,
denn die Kirchen, so geht es gleich weiter, hätten angesichts des
Versailler Vertrages versagt. Stolz berichtet Mengele, wie er selbst
Sonnenwendfeiern ausrichtete. Und das nächste Notat: Er hat einer Kuh
geholfen, die im Morast versunken war. Die britische Herrschaft in
Indien sei alles in allem nicht so schlecht gewesen. Die Brahmanen
verfügten über einen guten Körperbau: Nachkommen nordischer Rasse! Das
Notizenheft war auf 60 000 bis 80 000 Dollar taxiert, aber das höchste
Gebot endete bei 30 000 Dollar. Man möchte sich auch den Sammler nicht
ausmalen, der solche Dinge im Safe hat. L.J.
F.A.Z., 30.01.2010, Nr. 25 / Seite 36
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Nachrichten aus der Friedrich-Ebert-Stiftung
Engagement gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus,
Fremdenfeindlichkeit und aktives Eintreten für Demokratie sind
zentrale Arbeitsfelder der FES. Die FES-Studien und Handbücher zu
diesem Thema werden pro Monat bis zu 50.000 Mal angeklickt. Hier
sind alle Titel:
http://library.fes.de/cgi-bin/populo/digbib.pl?f_SSW=rechtsextremismus&t_listen=x&sortierung=jab
Bald 300 Veranstaltungen mit Zeitzeugen, Jugendlichen,
Politikern, Wissenschaftlern, Aussteigern aus der rechten Szene
gab es im Jahr 2009. Die Wander-Ausstellungen in Bayern, NRW,
Schleswig-Holstein/Hamburg und Niedersachsen:
http://www.fes.de/sets/s_aus.htm
zogen mehrere tausend Besucher an.
Mit JazzRap wird am 22.2. in Stuttgart die Ausstellung
“Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen” eröffnet, bis
zum 5. März gibt es zudem ein spannendes Begleitprogramm für
Schulklassen und Einzelbesucher:
http://www.fes.de/aktuell/documents2010/100222_Ausstellung.pdf
Überall in Deutschland finden im Februar Konferenzen,
Podiumsdiskussionen, workshops zu wichtigen Fragen unserer
Gesellschaft statt. In Hannover wird am 15.2. über “Zusammen leben in der
Stadt – Die Städte als zivilgesellschaftliche Internationale”
nachgedacht. Dabei sind u.a. OB Stefan Weil und Dr. Lale Agkün.
“(K)eine Angst vor dem Islam” lautet das Thema einer kontrovers
besetzten Podiumsdebatte am 24.2. in Berlin:
http://www.fes.de/BerlinerAkademiegespraeche/inhalt/vera.php
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Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., Vorstandsvorsitzende: Anke Fuchs,
geschaeftsfuehrendes Vorstandsmitglied: Dr. Roland Schmidt,
Godesberger Allee 149, D-53175 Bonn, Tel. ++49 (0)228/883-8000,
Berliner Anschrift: Hiroshimastr. 17, 10785 Berlin, mailto:
info@fes.de
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Zur Frage der Identität von Juden in Deutschland heute
Juden in Deutschland
14 Jahre sind vergangen, seitdem der ehemalige Staatspräsident Ezer
Weizmann für Aufregung sorgte, als er die Juden aufrief, Deutschland
zu verlassen und in ihre Heimat Israel zurückzukehren. Einen Tag vor
dem internationalen
Holocaust-Gedenktag empfing die jüdische Gemeinde den jetzigen
Präsidenten des Staates Israels. Shimon Peres fand jedoch eine andere
jüdische Gemeinde vor, eine Gemeinde mit mehr Selbstbewusstsein, die
Israel als Partner betrachtet, nicht als Heimat?.
Igal Avidan berichtet in M?ariw von einem neuen Selbstverständnis der
Juden in Deutschland.
Die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte
Knobloch, begrüßte den Präsidenten zwar in Hebräisch, sagte dann jedoch
auf Deutsch, Deutschland sei keine Durchgangsstation mehr, sondern sei
allmählich wieder zu einem Zuhause geworden. Die Vorsitzende der
jüdischen Gemeinde von Berlin, der größten Deutschlands, betonte, dass
die Juden keine Angst haben, in Deutschland zu leben, und dass sie von
den Behörden volle Unterstützung erhalten. Israel sei ein echter
Partner, jedoch ein gleichwertiger Partner, der sich nicht in ihr
Privatleben einzumischen hat.
Deutschland ist ihr Zuhause, aber die jüdischen Gemeinden betonen
bei jeder Gelegenheit, sie fühlten sich auch als Vertreter des Staates
Israel, da sie von den meisten Deutschen sowieso als solche betrachtet
werden. Sie wären auch gerne eine Brücke für eine Verbesserung der
Beziehungen zwischen den beiden Staaten, wenn Israel sie nur darum
bitten würde. Die Solidarität mit dem Staat Israel ist jedoch kein
Schutzgeld für das moralische Recht, in Deutschland zu leben. Früher
schämten sich die deutschen Juden dafür, heute nicht mehr, und den
meisten Israelis ist es sowieso egal.
Und dennoch, einige Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde befürchteten
diese Woche, auch Präsident Peres werde sie zum Kofferpacken aufrufen.
In einem Interview im Vorfeld des Besuchs sagte er, Israel sei der
beste Ort für die Juden und fragte die jüdischen Gemeinden, warum sie
es vorziehen, ?im Schatten zu leben, anstatt in der Sonne?. Den Juden
Deutschlands ist es in diesem Winter wirklich sehr kalt, sie wollen
jedoch selbst entscheiden, wie viel Sonne sie brauchen. Und sie haben
es überhaupt nicht gerne, wenn die Israelis sie nach der Religion ihrer
Lebenspartner fragen und unbedingt herausfinden wollen, ob auch die
Mutter oder nur der Vater Juden sind. In Deutschland ist das ein sehr
persönliches Thema.
Im Gegensatz zu früher finden die deutschen Juden heute einen Platz
in einer Vielzahl jüdischer Organisationen, von liberalen bis
orthodoxen. Sie haben keine Angst, einen Davidstern zu tragen, und sie
setzen sich vor allem mit ihrer jüdischen Identität auseinander,
weniger mit Holocaust und Antisemitismus. Anstatt Hakenkreuze zu jagen,
besuchen sie das jüdische Kulturfestival, lesen Bücher über Zionismus,
zünden riesige Hanukkaleuchter am Brandenburger Tor an, gehen auf
jüdische Partys und plaudern ein wenig auf Hebräisch. Sie fahren nach
Tel Aviv oder Eilat, um sich in die Sonne zu legen oder Souvenirs in
der Jerusalemer Altstadt zu kaufen. Manche kaufen eine Wohnung in
Israel, obwohl ihre israelische Freunde es vorziehen, in Immobilien in
Berlin zu investieren.
Deutschland ist vielleicht ihr Zuhause, aber mit Sicherheit nicht
ihre Heimat. Fast kein Jude hier in Deutschland bezeichnet sich als
Deutscher. Alle Initiativen, den Namen der Dachorganisation der Juden
in Deutschland in ?Zentralrat der deutschen Juden? umzuändern, wurden
rigoros zurückgewiesen. Nur wenige Juden dienen bei der Bundeswehr. Die
meisten entziehen sich des Wehrdiensts oder leisten Zivildienst. Israel
ist höchstens ihr Sommerwohnsitz, auch im kältesten Winter.
www.hagalil.com
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A forgotten minority – Christians in the Gaza strip
Just a few questions about a forgotten minority: Christians in the Gaza Strip
1) There were 4500 Christians in Gaza strip before Hamas took power.
How many, do you think are there today?
2) How many Christian libraries where destroyed?
3) How many churches remain active?
4) How many Christian women were burned in their face with acid
for not wearing a vail (specially young girls)?
5) How many Christian males were killed since the Hamas takeover,
and how many escaped to the Israeli/Egyptian border?
Why is the Christian world not condemning the
bestial treatment of their brothers in Gaza?
Just some statistics:
1 million – Israeli civilians under threat from Hamas rocket fire.
15 Seconds – Israelis have to get to a bomb
shelter once a warning siren has sounded
2 million – Leaflets the Israel Air Force
dropped on Gaza during Operation Cast Lead,
warning civilians to stay clear of Hamas fighters.
more than 200,000 – Phone calls made by the
Israeli army to civilians in Gaza warning of an
impending strike near their residences.
8 Years - Israel has endured rocket, missile and mortar fire from Gaza.
1 – Israeli left in Gaza Staff Sgt. Gilad
Shalit, kidnapped by Hamas from Israel on June 25, 2006.
more than 3,200 – Rockets and mortar fired from Gaza in 2008.
more than 6,500 – Rockets and mortars fired
from Gaza since Israel withdrew from Gaza in 2005.
10,389 – Rockets and mortars fired from Gaza 2001-2008.
1,000 – People in Israel injured from rockets
and mortars fired from Gaza since 2001.
270 – Rockets and mortars fired from Gaza since
the end of Operation Cast Lead, Jan. 18 Nov. 31, 2009.
17 – Attacks on Gaza goods crossings by Palestinian terrorist groups
in 2008.
80% – of mosques in Gaza which Hamas reportedly
controls, some of which are used for weapons
storage, command and communications headquarters.
37 mi (60km) – Range of Hamas rockets in Gaza
acquired after Operation Cast Lead.
2.5 mi (4 km) – Range of Hamass anti-tank
missiles, smuggled into Gaza since the end of Operation Cast Lead.
more than 1,500 – Number of smuggling tunnels between Gaza and Egypt .
59 ft (18 m)/6.8 mi (11 km) – Length and depth
of metal fence Egypt is building on Sinai-Gaza
border to prevent tunnel smuggling operations.
22 mi (35 km) – Distance between Gaza and
Yavneh the northernmost Israeli city hit by Gaza rockets on Dec. 28, 2008.
more than 900 – Hamas operatives trained by Iran.
$20 million $30 million – Funding Iran
provides annually to Hamas. Iran gave Hamas
another $50 million following Hamass victory in
the 2006 Palestinian elections.
900% – increase in humanitarian aid from Israel
delivered to Gaza in 2009, compared to 2008.
630,253 – Tons of humanitarian aid delivered to
the Gaza Strip, Jan. 19 Dec. 13, 2009.
24.5 million gallons (92.7 million liters) -
Heavy-duty diesel fuel delivered to the Gaza Strip, Jan. 19 Oct. 31, 2009.
10,346 – Gaza residents who entered Israel for
medical and humanitarian reasons, Jan.19 Nov. 7, 2009.
57,295 tons – Monthly average of humanitarian
aid entering Gaza since Operation Cast Lead, Jan. 19 Dec. 5, 2009.
11,508 – Monthly average (in tons) of
humanitarian aid entering Gaza from February
June 2008, a period of intense rocket fire.
34,253 tons – Monthly average of humanitarian
aid entering Gaza during period of calm, July December 2008.
18,500 – Permits Israel issued to Gaza
residents to enter Israel or travel overseas in 2009.
28,400 – Flowers from Gaza scheduled for export to Europe on Dec. 10, 2009.
250,000 – Flowers from Gaza scheduled for export beginning Dec. 13, 2009.